Dagö (Hiiumaa)
Hiiumaa, die einst Dagö genannte Insel, liegt vor der Küste Estlands, Finnland gegenüber, in der Ostsee. Die Insel bietet dichte Wälder und einsame Strände, freilich nur bedingt zum Badevergnügen geeignet. In alten Mythen gilt sie als "Insel des ewigen Tages".
| Inselsteckbrief | |
|---|---|
| offizieller Name | Hiiumaa |
| alternative Bezeichnungen | Päivänsalo (mythisch), Daë (10. Jahrhundert), Dageida (1228), Dagöl (schwedisch, deutsch), Dagø (dänisch), Dagaiþ (gutnisch), Hii maa (estnisch), Hiidenmaa (finnisch) |
| Kategorie | Meeresinsel |
| Inseltyp | echte Insel |
| Inselart | Sedimentinsel |
| Gewässer | Ostsee (Läänemeri) mit Väin-Meer (Väinemeri) |
| Inselgruppe | Moonsund-Inseln (Lääne-Eesti saartekonna) |
| politische Zugehörigkeit | Staat: Estland (Eesti Vabariik) Provinz: Hiiu (Hiiu maakond) |
| Gliederung | 1 linn (Stadt) 4 vallad (Landgemeinden) 2 alevikud (Vorstadtbereiche) 187 külad (Dörfer) |
| Status | Inselgemeinde (vald) |
| Koordinaten | 58°40‘ N, 22°35‘ O |
| Entfernung zur nächsten Insel | 10 m (Kassaar), 5,3 km (Ösel) |
| Entfernung zum Festland | 22,1 km (Pusku / Estland) |
| Fläche | 989 km² / 382 mi² (Gemeinde 1.023,2 km² / 395,1 mi²) |
| geschütztes Gebiet | 198 km² / 76,5 mi² (20,0 %) |
| maximale Länge | 60,4 km (W-O) |
| maximale Breite | 45,5 km (N-S) |
| Küstenlänge | 326 km |
| tiefste Stelle | 0 m (Ostsee) |
| höchste Stelle | 68 m (Tornimägi) |
| relative Höhe | 68 m |
| mittlere Höhe | 3 m |
| maximaler Tidenhub | 0,01 bis 0,03 m (Kärdla 0,03 m) |
| Zeitzone | IAE (Ida-Euroopa Aeg / Osteuropäische Zeit, UTC+2) |
| Realzeit | UTC plus 1 Stunde 28 bis 33 Minuten |
| Einwohnerzahl | 9.346 (2025) |
| Dichte (Einwohner pro km²) | 8,44, bezogen auf das Verwaltungsgebiet 8,16 |
| Inselzentrum | Kärdla |
Name
Die älteste rekonstruierbare Bezeichnung der Insel geht auf den finnisch-ugrischen Sprachraum zurück. In der frühen finnischen Tradition trug die Insel den Namen Päivänsalo, zusammengesetzt aus päivä „Tag, Sonne“ und salo „bewaldete Insel, Waldland“, sodass sich die Bedeutung „Taginsel“ ergibt. Diese Benennung dürfte auf eine besondere symbolische oder landschaftliche Wahrnehmung der Insel zurückgehen, möglicherweise im Zusammenhang mit Sonnenkulten oder der exponierten Lage im westlichen Ostseeraum.
Mit dem Vordringen nordgermanischer Seefahrer und Händler wurde dieser Name nicht lautlich übernommen, sondern sinngemäß ins Altnordische übersetzt. In altnordischen Quellen erscheint die Insel als Daë, ebenfalls mit der Bedeutung „Tag“ beziehungsweise „Taginsel“. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1228 als Dageida. Aus dieser Form entwickelte sich im Altschwedischen und späteren Schwedischen der Name Dagö, gebildet aus dag „Tag“ und ö „Insel“, wobei der ursprüngliche Bedeutungsgehalt vollständig erhalten blieb. Während der langen Phase schwedischer Herrschaft im östlichen Ostseeraum war Dagö der gebräuchliche Name in Verwaltung, Seefahrt und Kartografie. Der schwedische Name wurde auch in andere germanische Sprachen übernommen; im Dänischen und Norwegischen lautet die Schreibweise ebenfalls Dagø, und auch im Deutschen war Dagö bis in die neuere Zeit hinein die übliche Bezeichnung der Insel.
Eine besondere Variante stellt der Name Dagaiþ dar, der aus der gutnischen Sprache stammt, die einst auf Gotland gesprochen wurde. Dieses Wort setzt sich aus dag „Tag“ und aiþ „Isthmus, Landenge“ zusammen und lässt sich als „Tagesisthmus“ übersetzen. Diese Benennung deutet auf eine spezifische maritime Wahrnehmung der Insel als landschaftlich strukturierendes oder navigationsgeografisch markantes Element hin. Neben dieser durchgängigen Tradition der „Taginsel“-Benennungen existiert jedoch eine zweite, inhaltlich völlig anders geprägte Namenslinie.
Der moderne estnische Name Hiiumaa, historisch Hii maa, sowie der finnische Name Hiidenmaa gehen auf das Wort Hiisi zurück, das in der finnischen Mythologie einen mächtigen Naturgeist oder Gott bezeichnete, der später unter christlichem Einfluss zunehmend dämonisiert wurde. In Verbindung mit maa „Land“ ergibt sich die Bedeutung „Land des Hiisi“. Diese Benennung verweist auf eine mythologisch aufgeladene Landschaft, die als wild, unheimlich oder heilig galt und mit Wäldern, Mooren und abgelegenen Orten assoziiert wurde.

- international: Hiiumaa
- amharisch: ሂዩማ [Hijuma]
- arabisch: هييوما [Hiyūmā]
- armenisch: Հիյումաա [Hijumaa]
- bengalisch: হিউমা [Hiuma]
- birmanisch: ဟီယူမာ [Hiyuma]
- bulgarisch: Хийумаа [Hijumaa]
- chinesisch: 希尤马 [Xīyóumǎ]
- dänisch: Dagø
- deutsch: Dagö
- finnisch: Hiidenmaa
- georgisch: ჰიუუმა [Hiuuma]
- griechisch: Χιιούμα [Chiíuma]
- gudscheratisch: હીયુમા [Hiyuma]
- hebräisch: היומה [Hiyuma]
- hindi: हीयुमा [Hīyuma]
- japanisch: ヒーユマー [Hīyumā]
- kambodschanisch: ហ៊ីយូម៉ា [Hiyoma]
- kanaresisch: ಹಿಯುಮಾ [Hiyumā]
- kasachisch: Хийумаа [Hijumaa]
- koreanisch: 히유마 [Hiyuma]
- laotisch: ຮີຢູມາ [Hiyuma]
- lateinisch: Hiiumaa
- lettisch: Hījumā
- litauisch: Hijuma
- makedonisch: Хијуума [Hijūma]
- malayalam: ഹിയുമാ [Hiyumā]
- maldivisch: ހިޔުމާ [Hiyumā]
- marathisch: हीयुमा [Hīyuma]
- nepalesisch: हीयुमा [Hīyuma]
- norwegisch: Dagø
- orissisch: ହିୟୁମା [Hiyumā]
- pandschabisch: ਹੀਯੁਮਾ [Hiyuma]
- paschtunisch: هییوما [Hiyūma]
- persisch: هییوما [Hiyumā]
- polnisch: Hiuma
- russisch: Хийумаа [Hijumaa]
- schwedisch: Dagö
- serbisch: Хијуума [Hijūma]
- singhalesisch: හියුමා [Hiyumā]
- tamilisch: ஹியுமா [Hiyumā]
- telugu: హియుమా [Hiyumā]
- thai: ฮียูมา [Hiyūma]
- tibetisch: ཧི་ཡུ་མ [Hiyuma]
- ukrainisch: Хійумаа [Hijumaa]
- urdu: ہییوما [Hiyūma]
- weißrussisch: Хійумаа [Hijumaa]
Offizieller Name: Hii maakond
- Bezeichnung der Bewohner: Hiidlased (Dagöer)
- adjektivisch: hiiumaalane (dagöisch)
Kürzel:
- Code: HI / HII
- Kfz: -
- ISO-Code: EE-HI
Lage
Dagö gehört zu den Moonsund-Inseln. Sie liegt im nordöstlichen Bereich der Ostsee, westlich von der Küste Estlands, durch den Bottnischen Meerbusen von Finnland getrennt. Sie befindet sich auf durchschnittlich 58°40‘ n.B. und 22°35‘ ö.L.. Die Insel ist 21 km von der Küste Estlands entfernt.

Geografische Lage:
- nördlichster Punkt: 59°05‘13“ n.B. (Tahkuna nina)
- südlichster Punkt: 58°41‘18“ n.B. (Sõru)
- östlichster Punkt: 23°08‘45“ ö.L. (Heinlaid)
- westlichster Punkt: 22°02‘25“ ö.L. (Põhjo Ristna neem)
Entfernungen:
- Kassaar 10 m
- Vareslaid 40 m
- Vohilaid 240 m
- Kaevatsi laid 260 m
- Ösel 5,3 km
- Vormsi 10,8 km
- Pusku / Estland 22,1 km
- Finnland 82 km
- Tallinn 115 km
- Helsinki 176 km
Zeitzone
Auf der Insel Dagö gilt wie in Estland die Ida-Euroopa Aeg bzw. Eastern European Time Osteuropäische Zeit), abgekürzt IAE bzw. EET (OEZ), 1 Stunde vor der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ, UTC+1), mit sommerzeitlicher Umstellung zur Ida-Euroopa Suveaeg bzw. Eastern European Summer Time (Osteuropäische Sommerzeit), kurz IES bzw. EEST (OESZ) zwischen Ende März und Ende Oktober. Die Realzeit liegt um eine Stunde 28 bis 33 Minuten vor der Koordinierten Weltzeit (UTC).
Fläche
Die Insel Dagö hat eine Gesamtfläche von 989 km² bzw. 382 mi², nach alternativen Angaben 965 km², mit vorgelagerten Inseln 1.023,2 km² bzw. 395,1 mi, nach alternativen Angaben 1.019 km². Von Westen nach Osten, zwischen Põhjo Ristna neem und Heltermaa durchmisst die Insel 60,4 km, von Norden nach Süden zwischen Tahkuna nina und Sõru 45,5 km. Höchster Punkt ist der Tornimägi mit 68 m. Die mittlere Seehöhe liegt bei etwa 3 m. Die Küste hat eine Gesamtlänge von 326 km. Der maximale Tidenhub reicht von 0,01 bis 0,03 m, bei Kärdla 0,03 m.
Flächenaufteilung um 2006:
- Waldland 601 km² (59 %)
- Agrarland 234 km² (23 %)
- Wiesen und Sträucher 82 km² (8 %)
- Marschland 74 km² (7 %)
- Gewässer 18 km² (2 %)
- Verbautes Gelände 10 km² (1 %)
Geologie
Die Geologie der estnischen Insel Hiiumaaist ein Zusammenspiel aus präkambrischem Grundgebirge, paläozoischen Sedimentgesteinen, glazialen Überprägungen der letzten Eiszeit und einem markanten Meteoriteneinschlagskrater. Der Untergrund der Insel besteht aus metamorphen Gesteinen des Präkambriums, vorwiegend Gneisen und Amphiboliten, die lokal auch Granite einschließen. Diese alten Formationen sind jedoch fast vollständig von jüngeren Schichten überdeckt und bilden das Fundament des Baltischen Schildes.
Die oberflächennahen Gesteine Hiiumaas gehören überwiegend zum Paläozoikum und umfassen Kalksteine sowie Dolomite aus dem Ordovizium (etwa 485–443 Millionen Jahre alt) im Norden der Insel und dem Silur (vor 443 bis 419 Millionen Jahren) im Süden. Diese Sedimente fallen sanft nach Süden ab und sind reich an Fossilien, darunter Brachiopoden, Crinoiden, Trilobiten und andere Vertreter der baltoskandischen Fauna. Sie spiegeln ein flaches Meeresbecken wider, das vor Hunderten Millionen Jahren die Region bedeckte. Die gesamte Insel ist von einer dünnen Decke glazialer Ablagerungen überzogen – Moränen, Sande, Tone und Kiese –, die während der quartären Eiszeiten durch das Inlandeis aus Skandinavien transportiert wurden. Diese glazialen Sedimente prägen die flache, hügelige Landschaft Hiiumaas mit einer maximalen Höhe von 68 Metern über dem Meeresspiegel (Tornimägi) und erklären die zahlreichen erratischen Findlinge, wie das Helmersen-Feld mit seinen großen Granitblöcken.
Das herausragende geologische Highlight Hiiumaas ist der Kärdla-Impactkrater östlich der Stadt Kärdla. Dieser gut erhaltene Meteoriteneinschlagskrater entstand vor etwa 455 Millionen Jahren im späten Ordovizium, als ein Asteroid in ein flaches Meer einschlug. Mit einem Rim-to-Rim-Durchmesser von rund 4 Kilometern und einer ursprünglichen Tiefe von bis zu 500 Metern ist er vollständig unter jüngeren Sedimenten begraben, was ihn zu einer der besterhaltenen marinen Impaktstrukturen weltweit macht. Der Einschlag erzeugte eine typische komplexe Kratermorphologie mit einer zentralen Aufwölbung, einem Ringgraben und Auswurfmaterialien. Die Gesteine im Kraterbereich weisen Schockmetamorphosen auf, wie planar deformierte Quarzkörner, und geochemische Anomalien. Bohrungen haben Brekzien, Suevite und gestörte Schichten enthüllt. Der Kraterrand ist in der Landschaft erkennbar, etwa in den Dörfern Paluküla und Tubala, und beeinflusste die lokale Hydrogeologie, indem er Grundwasserleiter schuf.
Nach der letzten Eiszeit formte sich Hiiumaa durch postglaziale Landhebung (Isostasie) und Meeresspiegelveränderungen. Während der Litorina-See-Phase (vor etwa 7.500 bis 4.000 Jahren) lag der Meeresspiegel höher, was zu Transgressionen führte; alte Küstenlinien sind bis in 27 Meter Höhe erhalten. Die Insel entstand erst vor rund 10.000 Jahren als eigenständige Landmasse aus einem Archipel. Heute dominieren holozäne Prozesse wie Erosion, Küstenbildung und Torfmoorbildung die Oberfläche.
Landschaft
Dagö ist eine relativ flache Insel. Die Topografie der Insel ist recht flach, die höchste Erhebung ist mit 68 m der Tornimägi auf der westlichen Halbinsel Kõpu. Ebenfalls im Westen finden sich einige Seen, von denen der Tihu Suurjärv mit rund 85 ha der größte ist. Dazu kommen zahlreiche Moore, von denen das 30,5 km² große Suurim soo das größte ist.
Die Insel ist überwiegend flach bis sanft gewellt und erreicht nur geringe Höhen, wobei der höchste Punkt, der Tõrvanina-Hügel, kaum über hundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Große Teile Hiiumaas bestehen aus kalkhaltigen Moränen, flachgründigen Böden und küstennahen Ablagerungen, die der Insel ihr offenes, weiträumiges Gepräge verleihen. Die Küstenlinie ist stark gegliedert und von Buchten, Nehrungen, Kliffen und ausgedehnten Schärenzonen geprägt, die sich insbesondere an der Nord- und Westküste finden. Dort treten stellenweise Kalkstein- und Dolomitklippen zutage, die durch Brandung und Frostverwitterung geformt wurden und einen scharfen Kontrast zu den flachen Stränden und Wiesen der Süd- und Ostküste bilden.
Ein charakteristisches Element der Landschaft sind die weitläufigen Küstenwiesen und Strandweiden, die regelmäßig vom Meer überflutet werden und eine artenreiche, salztolerante Vegetation aufweisen. Diese offenen Flächen gehen landeinwärts in lichte Wacholderheiden, Trockenrasen und alvarartige Kalksteinflächen über, die nur eine dünne Humusschicht besitzen und besonders an die klimatischen Bedingungen der Ostsee angepasst sind. Wälder bedecken einen großen Teil der Insel und bestehen vor allem aus Kiefern- und Fichtenbeständen, die auf trockenen Sand- und Moränenböden wachsen, während in feuchteren Senken Birken, Erlen und Eschen dominieren. Zahlreiche Moore, Niedermoore und Sumpfgebiete durchziehen das Inselinnere und zeugen von der schlechten Entwässerung der flachen Landschaft. Diese Feuchtgebiete spielen eine wichtige Rolle für den Wasserhaushalt und die Biodiversität der Insel.
Die stetige postglaziale Landhebung prägt Hiiumaa bis heute und führt dazu, dass sich die Küstenlinie langsam, aber kontinuierlich verändert. Neue Landflächen entstehen, flache Buchten verlanden und ehemalige Meeresarme werden zu Seen oder Feuchtwiesen. Besonders deutlich lässt sich dieser Prozess an den zahlreichen Strandwällen und fossilen Küstenlinien ablesen, die wie Terrassen das Landschaftsbild strukturieren. Die menschliche Nutzung der Landschaft war traditionell extensiv und an die natürlichen Gegebenheiten angepasst. Kleine Felder, Wiesen und Weiden wechseln sich mit Wäldern und Feuchtgebieten ab und schaffen ein kleinteiliges Mosaik, das den ländlichen Charakter Hiiumaas bis heute bewahrt hat.
Erhebungen
- Tornimägi 68 m
- Andrusemägi 54 m
See
- Tihu Suurjärv 0,85 km²
Flüsse
- Luguse 21 km
- Jausa 18 km
- Suuremõisa 15 km
- Armioja 14 km
Inseln
- Dagö 965,0 km²
- Kassaar 19,3 km²
- Vohilaid 4,16 km²
Flora und Fauna
Hiiumaa ist die waldreichste Region Estlands. Rund 60 % der Insel sind bewaldet. Neben Kiefern- und Fichtenwäldern finden sich auch einige Wacholderhaine. Im Inselinnern gibt es Sümpfe (7 %).
In den weitgehend unzugänglichen Gebiet hat sich in den letzten Jahren eine unglaubliche Vielfalt an Tieren angesiedelt, die hier einen ungestörten und biologisch intakten Lebensraum gefunden haben.
Flora
Etwa die Hälfte der Insel ist von Wäldern bedeckt, in denen vor allem Nadelbäume wie Kiefern (insbesondere die Waldkiefer als häufigster Baum) und Fichten dominieren, ergänzt durch Laubbäume wie Birken, Espen, Erlen und in geringerem Maße Eichen, Ahorn, Ulmen und Eschen. Die Wälder duften nach Harz und Moos und sind oft urwaldartig erhalten. An den Küsten und auf den Wiesen wachsen salztolerante Pflanzen, Schilf- und Röhrichtbestände sowie zahlreiche Orchideenarten und andere seltene Blumen. Moore und Feuchtgebiete beherbergen spezialisierte Arten wie Torfmoose, Beerensträucher (zum Beispiel Preiselbeeren, Heidelbeeren) und seltene Pflanzen, die in Estland sonst rar sind. Insgesamt kommen auf Hiiumaa und den umliegenden Inselchen viele der in Estland vorkommenden Pflanzenarten vor, darunter in manchen Gebieten über 400 Arten pro Gebiet, was die Insel zu einem Hotspot botanischer Vielfalt macht.
Fauna
Die Tierwelt ist ähnlich wie auf dem estnischen Festland, aber durch die Insellage und den Schutzstatus besonders artenreich und intakt. Zu den Säugetieren gehören Elche, Rothirsche, Rehe, Wildschweine, Füchse, Luchse und Marder. Ein besonderes Highlight ist der Europäische Nerz, eine stark bedrohte Art, die auf Hiiumaa erfolgreich wiederangesiedelt wurde und hier eine der letzten stabilen Populationen in Europa hat (nach Bedrohung durch den invasiven Amerikanischen Nerz). Auch Biber, Otter und gelegentlich Braunbären oder Wölfe können vorkommen, though seltener.
Die Vogelwelt ist außergewöhnlich vielfältig: Rund 250 Vogelarten sind auf der Insel nachgewiesen, davon brüten etwa 195. Hiiumaa ist ein wichtiger Rast- und Brutplatz für Zugvögel, darunter seltene Arten wie Dreizehenmöwen (nur 30 bis 40 Brutpaare in ganz Estland), Watvögel, Enten, Gänse und Greifvögel. Die Küstengebiete und die Käina-Bucht ziehen Tausende von Wasservögeln an. In den Wäldern nisten Spechte, Eulen und Singvögel.
An den Küsten leben Robben (Grau- und Ringelrobben), und in den Gewässern gibt es eine reiche Fischfauna. Insgesamt profitieren viele bedrohte Arten von den geschützten Naturreservaten und der geringen menschlichen Störung.
Naturschutz
Das Landschaftsschutzgebiet Hiiumaa wurde am 26. September 1962 installiert. Es hat eine Fläche von 26,626 km². Seit 1990 gehört die Insel zum UNESCO-Biosphärenreservat Westestnischer Archipel (zusammen mit Saaremaa, Muhu, Vormsi und umliegenden Gebieten), das nachhaltige Entwicklung und strengen Schutz kombiniert. Die wichtigsten Schutzgebiete sind:
- Das Tahkuna-Naturschutzgebiet (Tahkuna looduskaitseala) im Norden der Insel, mit einer Fläche von etwa 1.879 Hektar. Es umfasst urwüchsige Wälder, Dünen und das größte stricte Naturreservat Hiiumaas und schützt seltene Pflanzen und Vogelarten.
- Das Tihu-Naturschutzgebiet (Tihu looduskaitseala), verteilt auf mehrere Teile, mit rund 1.407 Hektar, das Moore, Feuchtgebiete und wertvolle Waldhabitate bewahrt.
- Das Inselschutzgebiet Hiiumaa (Hiiumaa laidude maastikukaitseala), das zahlreiche kleine Inseln und Schären im Südosten umfasst und vor allem Küsten- und Meeresvögel schützt.
- Weitere kleinere Gebiete wie das Sepaste-Landschaftsschutzgebiet (37 Hektar) für Eichenwälder und halbnatürliche Wiesen.
Insgesamt gibt es auf Hiiumaa zahlreiche Kaitsealad (Naturschutzgebiete), Landschaftsschutzgebiete und Natura-2000-Flächen. Der geschützte Anteil beträgt derzeit etwa 20 % der Inseloberfläche. Diskussionen laufen, diesen durch die mögliche Schaffung eines Hiiumaa-Nationalparks auf bis zu 40 % zu erweitern. Die Schutzgebiete tragen maßgeblich zur Erhaltung der hohen Biodiversität bei und machen die Insel zu einem der am besten geschützten Natur räume Estlands.
Klima
Hiiumaa besitzt ein kühles, gemäßigt-maritimes Klima, das stark von der Ostsee geprägt ist. Die Nähe zum Meer sorgt für vergleichsweise milde Winter und eher kühle Sommer sowie für geringere Temperaturgegensätze als im estnischen Binnenland. Nach der Klimaklassifikation von Köppen-Geiger wird Hiiumaa überwiegend dem feucht-kontinentalen Klima mit warmem Sommer (Dfb) zugeordnet, zeigt jedoch deutliche maritime Einflüsse. Die Durchschnittstemperaturen liegen im Winter meist knapp unter dem Gefrierpunkt, während die Sommermonate selten sehr warm werden und durchschnittlich etwa 16 bis 18°C erreichen. Frostperioden sind kürzer als auf dem Festland, und extreme Hitze ist selten. Die Niederschläge verteilen sich relativ gleichmäßig über das Jahr, mit einem leichten Maximum im Spätsommer und Herbst; insgesamt sind sie moderat. Häufige Winde, hohe Luftfeuchtigkeit und rasch wechselnde Wetterlagen sind typisch für die Insel.
Das Klima ist wesentlich von der Ostsee mitbestimmt. Die jährliche durchschnittliche Niederschlagsmenge beträgt etwa 500 mm in Küstennähe. Längere Trockenperioden gibt es durch den skandinavischen Hochdruckeinfluss vor allem im Frühjahr und im Sommer. Die meisten Niederschläge fallen in den Monaten Dezember bis März.
Mythologie
Die Mythen der estnischen Insel Hiiumaa teilen viele Elemente mit der finno-ugrischen und baltischen Folklore. Wie in der gesamten estnischen Mythologie spielen Riesen (hiidlased im übertragenen Sinne), der Teufel (Vanapagan), Geister und animistische Vorstellungen eine zentrale Rolle. Hiiumaa hat jedoch eigene lokale Helden und Legenden, die oft mit der Insellage, dem Meer und der Natur verbunden sind.
Der prominenteste mythische Figur Hiiumaas ist der Riese Leiger, ein mächtiger und oft listiger Gigant, der als Bruder des berühmten Saaremaa-Riesen Suur Tõll (Großer Tõll) gilt. Leiger wird in zahlreichen Erzählungen als fröhlicher Schelm, witziger Zauberer oder starker Held dargestellt. Er soll Steine geworfen haben, um Brücken zwischen den Inseln zu bauen, oder mit seinem Bruder gespielt haben, wobei Findlinge (erratische Blöcke) als Würfe dienten. Viele geologische Besonderheiten der Insel, wie große Steine oder Klippen, werden auf Leigers Taten zurückgeführt. Er verkörpert die Kraft und den Humor der Hiiumaa-Bewohner und steht symbolisch für die enge Verbindung zu Saaremaa.
Ein weiterer häufiger Akteur ist Vanapagan (der Alte Heidnische, oft als Teufel interpretiert), eine trickreiche, aber oft dumme Dämonenfigur aus der estnischen Folklore. Auf Hiiumaa gibt es Legenden, wonach Vanapagan in Höhlen oder Klippen Waffen für die Esten schmiedete, etwa in der Kallaste-Klippe während des alten Freiheitskampfes. Andere Geschichten erzählen von seinen Missgeschicken, bei denen er von schlauen Menschen überlistet wird – ein typisches Motiv, das den Sieg des Verstands über rohe Kraft symbolisiert.
Zusätzlich gibt es animistische Elemente: Heilige Bäume und Steine (z. B. Vertragsteine oder Opfersteine), an denen Rituale durchgeführt wurden, sowie Geister wie Schiffgeister (z. B. Kotermann oder Putermann auf Hiiumaa-Schiffen). Die Insel ist reich an Sagen über Findlinge, die von Riesen oder Vanapagan stammen, und über versteckte Schätze oder verfluchte Orte.
Geschichte
Archäologische Funde deuten auf eine kontinuierliche Besiedlung der Insel seit dem -4. Jahrhundert hin. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1228 als Dageida. 1254 wurde sie zwischen dem Schwertbrüder-Orden und dem Bistum Ösel-Wiek geteilt. Von 1563 bis 1710 stand die Insel unter schwedischer Herrschaft. 1710 wurde sie im Großen Nordischen Krieg von Russland erobert. Viele der ansässigen Estlandschweden emigrierten oder nahmen unter der Zarenherrschaft die estnische Sprache an. Die Insel wurde sowohl während des Ersten (Operation Albion) als auch während des Zweiten Weltkrieges (Unternehmen Siegfried) von deutschen Streitkräften besetzt.
Neolithikum
Die prähistorische Besiedlung der estnischen Insel Hiiumaa reicht bis in das Neolithikum zurück und ist eng mit den Veränderungen des Meeresspiegels, der postglazialen Landhebung und der Anpassung an maritime Lebensweisen verbunden. Die Archäologie der Insel zeigt eine kontinuierliche, wenn auch nicht immer dichte Besiedlung durch Jäger, Sammler und Fischer, die später Elemente der Landwirtschaft übernahmen.
Im Neolithikum (um -5500 bis -1800) war Hiiumaa aufgrund der holozänen Landhebung und der Litorina-Transgression (Anstieg des Meeresspiegels) zunächst klein und erst allmählich bewohnbar. Die frühesten Spuren menschlicher Präsenz finden sich auf der Kõpu-Halbinsel im Westen der Insel, wo ein Komplex von Steinzeitfundstellen existiert. Hier wurden spätmesolithische und frühneolithische saisonale Siedlungen entdeckt, darunter der Fundplatz Kõpu I, der intensive marine Nutzung (Robbenjagd, Fischfang) belegt. Die Bewohner lebten als Jäger-Fischer-Sammler, nutzten Keramik der Narva-Kultur und später der Kammkeramikkultur. Siedlungen lagen an damaligen Küstenlinien, die heute durch LiDAR-Analysen rekonstruiert werden können. Insgesamt sind mehrere neolithische Fundplätze bekannt, die eine Anpassung an die insularen Bedingungen zeigen – mit Fokus auf Meeresressourcen statt intensiver Landwirtschaft.
Bronzezeit
Die Bronzezeit (um -1800 bis -500) brachte Veränderungen in der Bestattungskultur und möglicherweise erste Metallfunde. Typisch für Hiiumaa sind Steinkistgräber (stone-cist graves), die vor allem auf der Kõpu-Halbinsel vorkommen und in Westestland verbreitet sind. Diese Gräber enthalten oft Beigaben wie Bronzewaffen oder Schmuck und deuten auf eine hierarchischere Gesellschaft hin. Siedlungen sind seltener nachweisbar, aber Keramikfunde aus bronzezeitlichen Kontexten (speziell in Verbindung mit Steinzeitplätzen) zeigen Kontinuität. Die Insel war Teil des baltischen Netzwerks, mit Einflüssen aus Skandinavien und dem Festland, doch die Besiedlung blieb dünn und maritim orientiert.
Eisenzeit
Die Eisenzeit auf Hiiumaa lässt sich in drei Phasen gliedern und zeigt eine zunehmend sesshafte, landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft, die dennoch stark auf Meeresressourcen angewiesen blieb. Archäologische Funde sind hauptsächlich auf der Kõpu-Halbinsel konzentriert, wo die günstigen Bedingungen (geschützte Buchten, fruchtbare Böden) eine kontinuierliche Besiedlung begünstigten.
Die Frühe Eisenzeit (um -500 bis 1. Jahrhundert) begann mit der Einführung von Eisenverarbeitung, die auf Hiiumaa jedoch nur sporadisch nachweisbar ist – typische Funde sind kleine Eisenwerkzeuge oder Waffenbeigaben in Gräbern. Die Bestattungskultur blieb von der Bronzezeit geprägt: Steinkistengräber (kivikalmid) mit oft reichen Beigaben wie Bronzefibeln, Glasperlen und Keramik der sogenannten „Hiiumaa-Typus“. Siedlungen waren als offene, unbefestigte Gehöfte konzipiert, deren Reste (meist Pfostenlöcher und Herdstellen) durch Sondagen freigelegt wurden. Die Wirtschaft basierte auf gemischter Subsistenz: Getreideanbau (Gerste, Emmer), Viehzucht (Rinder, Schafe), Fischfang und Robbenjagd. Handelskontakte nach Skandinavien (Schweden, Dänemark) sind durch importierte Bernsteinperlen und Bronzefunde belegt.
Wäöhrend der Römischen Eisenzeit (1. bis 4. Jahrhundert) nahm die Bevölkerungsdichte spürbar zu. Neuartige Gräberformen wie Brandgräber in Urnen erscheinen neben den weiterhin gebauten Steinkisten. Einige Funde – etwa römische Münzen und Glasperlen – deuten auf indirekte Kontakte zum Römischen Reich hin, wahrscheinlich über Handelsrouten durch das Baltikum. Siedlungen wurden größer und zeigten erste Anzeichen von Viehstallungen und Getreidelagern. Die Keramik wechselte zu feinerer, oft radgedrehter Ware, was auf handwerkliche Spezialisierung hindeutet. Die Küstenlinie stabilisierte sich nach der Litorina-Transgression, sodass ehemalige Inselchen zu Landbrücken wurden und die Erreichbarkeit der Insel zunahm.
Völkerwanderungszeit
Die Völkerwanderungszeit (4. bis 7. Jahrhundert) ist auf Hiiumaa archäologisch nur spärlich belegt, was auf eine geringe Bevölkerungsdichte hinweist. Typische Funde umfassen weiterhin Steinkistengräber und einfache Eisenartefakte, die Kontinuität zur früheren Eisenzeit zeigen. Siedlungen bleiben klein und agrarisch-maritim orientiert, mit Fokus auf Viehzucht, Getreideanbau und Fischerei/Robbenjagd. Es gibt keine Hinweise auf große Konflikte oder befestigte Anlagen; die Insel scheint eher peripher gelegen zu haben. Einflüsse aus der Völkerwanderung (zum Beispiel gotische oder hunnische Wellen) erreichten Hiiumaa indirekt über das Baltikum, doch lokale Veränderungen sind minimal. Die Keramik und Schmuckfunde (zum Beispiel Fibeln) ähneln denen Westestlands, mit leichten skandinavischen Elementen.
In der Übergangszeit zur Ära der Wkinger (7. bis 8. Jahrhundert) nahmen Handelskontakte zu, was durch importierte Artefakte (Glasperlen, einfache Bronzen) erkennbar wird. Die Küstenlage begünstigte saisonale Landungsplätze, doch permanente Häfen sind nicht nachgewiesen.
Wikingerzeit
Die Wikingerzeit bringt auf Hiiumaa spürbare Dynamik durch die Ostseerouten (Austrvegr). Die Insel lag nahe wichtiger Handelswege zwischen Skandinavien, dem Baltikum und dem Osten (unter anderem arabische Silberdirhems als Zahlungsmittel für Pelze und Sklaven). Funde wie skandinavische Fibeln, Waffenfragmente und Münzen deuten auf intensive Kontakte hin, möglicherweise mit schwedischen Händlern oder Kriegern.
Zu den archäologischen Fundsätten gehören mögliche Landungs- oder Hafenplätze, insbesondere im Südosten der Insel (zum Beispiel nahe der Käina-Bucht oder auf kleinen Schären), die als saisonale Stützpunkte dienten. Auf der Kõpu-Halbinsel gibt es Hinweise auf kleine befestigte Anlagen oder Fluchtburgen (hillforts), die in der späten Eisenzeit genutzt wurden – allerdings sind diese kleiner und weniger imposant als auf Saaremaa. Gräberformen wechseln zu Brandbestattungen oder Bootgräbern mit reichen Beigaben (Schwerter, Schilde, Schmuck), was skandinavische Einflüsse unterstreicht.
Die Gesellschaft war hierarchisch strukturiert, mit lokalen Anführern, die vom Fernhandel profitierten. Dennoch blieb Hiiumaa eher ein Randgebiet: Im Gegensatz zu Saaremaa (mit massiven Burgwällen und reichen Gräbern) oder den berühmten Schiffsgräbern von Salme fehlen spektakuläre Großfunde. Die Bevölkerung war finno-ugrisch (Vorläufer der Esten), doch kulturelle Impulse aus Schweden (Schiffbau, Bewaffnung) sind unverkennbar.
Deutschordenszeit
Am Ende der Wikingerzeit (12. Jahrhundert) war Hiiumaa (damals oft als Dageida oder Dagö bekannt) eine dünn besiedelte, maritime orientierte Insel mit einer estnischen Bevölkerung, die von Landwirtschaft, Viehzucht, Fischerei und Robbenjagd lebte. Die Gesellschaft war in lokale Gemeinschaften gegliedert, mit Anführern in kleinen befestigten Höfen oder Fluchtburgen, wie sie auf der Kõpu-Halbinsel nachweisbar sind. Handelskontakte reichten bis nach Skandinavien und in den Osten, wo Silbermünzen und Schmuck importiert wurden. Die Esten auf Hiiumaa und den westestnischen Inseln waren Teil der größeren estnischen Stammesverbände (zum Beispiel Saaremaa als Zentrum der Oeselier), die bis ins 13. Jahrhundert heidnisch blieben und Widerstand gegen christianisierende Einflüsse leisteten. Estland galt als eine der letzten paganen Regionen Europas.
Der entscheidende Wandel begann mit den Livländischen Kreuzzügen (auch Nordische oder Baltische Kreuzzüge), die ab etwa 1198 von deutschen und dänischen Kreuzfahrern geführt wurden. Papst Coelestin III. hatte 1193 einen Kreuzzug gegen die heidnischen Balten und Esten ausgerufen. Zunächst eroberten die Schwertbrüder (Livländischer Orden) ab 1208 große Teile des estnischen Festlands. Die westestnischen Inseln, einschließlich Hiiumaa und der dominierenden Nachbarinsel Saaremaa (Ösel), leisteten jedoch erbitterten Widerstand. Die erste urkundliche Erwähnung Hiiumaas als Dageida erfolgte 1228 im Kontext der Chronik Heinrichs von Lettland, die die Kreuzzüge beschreibt – zu diesem Zeitpunkt war die Insel bereits in die Konflikte einbezogen.
Bis 1227 eroberten die Kreuzfahrer das estnische Festland vollständig, doch Saaremaa und Hiiumaa hielten länger durch. Die Oeselier (Bewohner Saaremaas) führten mehrere Aufstände und Kämpfe gegen die Christen. Erst nach schweren Kämpfen und Belagerungen (unter anderem 1227 und später) unterwarfen sich die Inseln vorübergehend. Der Livländische Orden und dänische Kräfte teilten Einflusssphären.
1238 gründete man das Bistum Ösel-Wiek (auch Saare-Lääne-Bistum), das die westestnischen Inseln (Saaremaa, Hiiumaa, Muhu und Teile des Festlands) umfasste und als semi-unabhängiges Fürstbistum innerhalb der Terra Mariana (dem konföderierten Livland) fungierte.
Nach der schweren Niederlage der Schwertbrüder gegen die Litauer 1236 gliederte man den Orden 1237 in den Deutschen Orden (Teutonischer Orden) ein, wodurch der livländische Zweig des Deutschen Ordens entstand. Dieser übernahm schrittweise die Kontrolle über große Teile Livlands.
1254 teilte man Hiiumaa endgültig zwischen dem Bistum Ösel-Wiek und dem livländischen Zweig des Deutschen Ordens (der teilweise im Auftrag der Hanse handelte). Damit endete die vorchristliche Periode der Insel und begann die mittelalterliche deutsche Ordensherrschaft, die mit Kolonisation, Burgenbau und Christianisierung einherging. Hiiumaa wurde in das feudale System Livlands integriert, wobei der Orden und das Bistum als Landesherren agierten.
Unter der Bistumsherrschaft begann der systematische Ausbau kirchlicher Infrastruktur. Ab 1255 entstand die steinerne Pühalepa-Kirche als eine der ältesten auf der Insel, die zum Zentrum des christlichen Lebens wurde. In den 1470er Jahren erhielt sie einen prächtigen Flügelaltar, der der Heiligen Anna geweiht war. Weitere Kirchen und Kapellen folgten, und die Insel wurde schrittweise christianisiert, obwohl Reste vorchristlicher Bräuche lange erhalten blieben. Der Bischof residierte zeitweise in Haapsalu auf dem Festland, doch Hiiumaa blieb ein wichtiger Bestandteil des Bistumsgebiets.
Der Deutsche Orden übte vor allem indirekten Einfluss aus, da seine Territorien auf Hiiumaa begrenzt waren. Die Insel profitierte jedoch von der hansischen Handelstätigkeit: Seezeichen und Leuchtfeuer wurden gefordert (ab den 1490er Jahren), und der Kõpu-Leuchtturm – einer der ältesten der Ostsee – wurde im frühen 16. Jahrhundert errichtet, um die Schifffahrt zu sichern. Die Wirtschaft basierte auf Landwirtschaft, Fischerei, Robbenjagd und Waldnutzung; die estnischen Bauern lieferten Abgaben an die deutschen Vasallen und den Orden.
Im 16. Jahrhundert geriet das gesamte Livland durch die Reformation und den einsetzenden Livländischen Krieg (1558 bis 1583) in eine Krise. Der livländische Ordenszweig schwächte sich, und das Bistum Ösel-Wiek wurde 1560 an Magnus von Holstein (Bruder des dänischen Königs) vergeben, der lutherisch war und das Bistum faktisch auflöste. Der letzte livländische Ordensmeister Gotthard Kettler kapitulierte 1561 vor den anrückenden Russen und Polen; der livländische Ordensstaat endete damit offiziell am 28. November 1561 mit der Unterwerfung unter Polen-Litauen (für Kurland) und anderen Mächten.
Dänische Herrschaftszeit
Die dänische Periode auf Hiiumaa war relativ kurz und fiel in die turbulente Phase des Livländischen Kriegs, in dem Russland, Polen-Litauen, Schweden und Dänemark um die Kontrolle über Livland rangen. Bereits 1559 verkaufte der letzte Bischof des Bistums Ösel-Wiek, Johann von Münchhausen, das Territorium – einschließlich Hiiumaa, Saaremaa und Teilen des westestnischen Festlands – an den dänischen König Friedrich II. für 30.000 Taler, um es vor russischer Eroberung zu schützen. Magnus von Holstein, Bruder des dänischen Königs, wurde als Herzog von Holstein zum nominellen Herrscher ernannt und residierte zeitweise in Arensburg (heute Kuressaare auf Saaremaa). Hiiumaa fiel damit unter dänische Souveränität ab etwa 1560, was die Insel vorübergehend in das dänische Kolonialreich einband, das bereits Teile Norddeutschlands und Skandinaviens umfasste.
Administrativ wurde Hiiumaa in das Bistum Ösel-Wiek integriert, das nun als dänisches Lehen fungierte. Die Insel behielt ihre feudale Struktur bei, mit deutschen Vasallen, die Abgaben an die dänische Krone leisteten. Wirtschaftlich profitierte Hiiumaa von der dänischen Schifffahrtsorientierung: Die Ostsee war ein zentrales Handelsgebiet, und die Insel diente als Zwischenstation für den Handel mit Getreide, Holz und Fischen. Die dänische Verwaltung förderte die Errichtung von Seezeichen, um die gefährlichen Gewässer um Hiiumaa zu sichern – ein Vorläufer des späteren Kõpu-Leuchtturms. Sozial gesehen änderte sich für die estnischen Bauern wenig; sie blieben Leibeigene unter deutschen Gutsherren, die nun dänische Oberhoheit anerkannten. Die Christianisierung war bereits abgeschlossen, doch lutherische Einflüsse aus Dänemark verstärkten sich, da Dänemark seit 1536 protestantisch war. Magnus versuchte, reformatorische Ideen zu verbreiten, was zu Konflikten mit katholischen Resten führte.
Allerdings war die dänische Herrschaft instabil. Magnus, der als "König von Livland" auftrat, wechselte 1568 die Seiten und verbündete sich mit dem russischen Zaren Iwan dem Schrecklichen, was zu inneren Unruhen führte. Dänemark konnte die Insel nicht effektiv verteidigen, und nach schweren Kämpfen – einschließlich russischer Überfälle – verkaufte Friedrich II. 1583 die Rechte an Hiiumaa und das Bistum an Polen-Litauen im Frieden von Plussa. Tatsächlich fiel die Insel jedoch zunehmend unter schwedischen Einfluss, da Schweden im Krieg erfolgreicher war. Die dänische Zeit hinterließ keine bleibenden Monumente auf Hiiumaa, markierte aber den Beginn der protestantischen Dominanz und intensivierte den Handel. Die Periode endete mit dem Übergang zu schwedischer Herrschaft, die stabiler und länger anhaltend war.
Schwedische Herrschaftszeit
Mit dem Ende des Livländischen Kriegs und dem Frieden von Teusina (1595) festigte Schweden seine Kontrolle über Estland, einschließlich Hiiumaa, das offiziell ab 1583 (nach anderen Quellen 1563) unter schwedische Herrschaft fiel. Die Insel wurde Teil von Schwedisch-Estland (Eestimaa kubermang) und administrativ dem Kreis Läänemaa (Wiek) zugeordnet. Schweden, unter Königen wie Gustav II. Adolf, sah in den baltischen Provinzen eine strategische Pufferzone gegen Russland und Polen sowie eine Quelle für Getreide und Rekruten. Hiiumaa erhielt den schwedischen Namen "Dagö" (Tagesinsel), was auf seine nördliche Lage anspielte.
Administrativ reformierte Schweden das System: Die Insel wurde in Gutshöfe (mõisad) unterteilt, die schwedischen oder deutschbaltischen Adligen gehörten, die im Austausch für Loyalität Privilegien erhielten. Die schwedische Krone führte eine effiziente Steuerverwaltung ein und reduzierte die Leibeigenschaft leicht, indem sie Bauernrechte stärkte – etwa durch das Verbot willkürlicher Strafen. Wirtschaftlich blühte Hiiumaa auf: Die Schweden förderten den Ackerbau (Gerste, Roggen), die Viehzucht und den Export von Holz und Teer nach Schweden. Die Schifffahrt boomte; um 1530 (noch vor der vollen schwedischen Kontrolle, aber unter Hanse-Einfluss) errichtete man den Kõpu-Leuchtturm, den dritten ältesten der Welt, der unter schwedischer Herrschaft erweitert wurde und die Navigation in der Ostsee sicherte. Dies zog Händler an und machte Hiiumaa zu einem Knotenpunkt des hansischen Handels.
Sozial und kulturell siedelten sich schwedische Kolonisten an, insbesondere an der Westküste, wo sie Dörfer gründeten und die "Küstenschweden" (rannarootslased) bildeten – eine Minderheit, die bis ins 20. Jahrhundert überlebte. Die estnische Bevölkerung profitierte von schwedischen Reformen: Bildung wurde gefördert, mit Gründung von Volksschulen, und die lutherische Kirche stärkte sich durch schwedische Pastoren. Dennoch blieben Spannungen: Aufstände gegen hohe Abgaben gab es, und der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) belastete die Insel durch Rekrutierungen. Im Großen Nordischen Krieg (1700 bis 1721) wurde Hiiumaa Schauplatz von Kämpfen; russische Truppen unter Peter dem Großen eroberten die Insel 1710, was das Ende der schwedischen Ära einleitete. Der Frieden von Nystad 1721 bestätigte den Übergang zu Russland. Die schwedische Zeit gilt als "gute alte Schwedenzeit" in der estnischen Folklore, da sie relative Prosperität und Reformen brachte, die die Insel modernisierten.
Russische Herrschaftszeit
Nach der Niederlage Schwedens im Großen Nordischen Krieg fiel Hiiumaa 1721 durch den Frieden von Nystad an das Russische Reich und wurde Teil des Gouvernements Estland (Eestimaa kubermang), eines der drei baltischen Gouvernements. Die Insel blieb administrativ dem Kreis Lääne zugeordnet, mit Haapsalu als Zentrum. Russland gewährte den baltischen Provinzen Autonomie: Die deutschbaltischen Adligen behielten ihre Privilegien (zum Beispiel Landtage und Gerichtshoheit), und die schwedische Minderheit durfte ihre Sprache und Kultur pflegen, was zu einer langsamen Estonianisierung führte – viele emigrierten oder assimilierten sich.
Administrativ integrierte Russland Hiiumaa in sein Imperium, führte aber erst ab den 1880er Jahren Russifizierungspolitiken ein, wie die Einführung russischer Amtssprache und orthodoxer Einflüsse. Wirtschaftlich blieb die Insel agrarisch: Große Gutshöfe dominierten, mit Export von Getreide, Butter und Fisch nach St. Petersburg. Der 19. Jahrhundert brachte Industrialisierungsschübe – etwa den Ausbau des Hafens von Kärdla (gegründet 1829 als Wollfabrik durch schwedische Einwanderer) und den Bau von Leuchttürmen wie Ristna (1874). Die Robbenjagd und Forstwirtschaft blühten, doch die Bauern litten unter Leibeigenschaft bis zur Emanzipation 1816/19, die zwar Freiheit brachte, aber oft ohne Land, was zu Armut führte. Reformen unter Alexander II. (1860er) erlaubten Landkäufe, was estnische Bauernhöfe entstehen ließ.
Sozial war die russische Zeit von Kontrasten geprägt: Die estnische Nationalbewegung (Ärkamisaeg) ab den 1860er Jahren erreichte Hiiumaa, mit Gründung von Schulen, Chören und Zeitungen, die estnische Identität stärkten. Die Küstenschweden (aibofolke) behielten ihre Dörfer, doch ihre Zahl schrumpfte durch Emigration (zum Beispiel nach Schweden oder Ukraine). Schlüsselereignisse umfassten den Krimkrieg (1853 bis 1856), in dem britisch-französische Flotten Hiiumaa bombardierten, und die Revolution von 1905, die zu Unruhen auf den Gütern führte. Im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) wurde die Insel von deutschen Truppen besetzt (1917), was den Übergang zur estnischen Unabhängigkeit 1918 einleitete. Die russische Herrschaft endete mit der Februarrevolution 1917 und der deutschen Okkupation, hinterließ aber eine Vermächtnis aus Autonomie für Eliten und wachsendem Nationalbewusstsein unter Esten.
Weltkriegsära
Ab 1917 besetzten deutsche Truppen Hiiumaa im Rahmen der Operation Albion, was die Insel vorübergehend unter Kaiserliche Deutsche Kontrolle brachte. Mit dem Zusammenbruch des Russischen Reiches und Deutschlands wurde Hiiumaa 1918 Teil der neu proklamierten Republik Estland, die ihre Unabhängigkeit im Estnischen Freiheitskrieg (1918 bis 1920) gegen sowjetische Truppen verteidigte.
In der Zwischenkriegszeit (1918 biss 1940) erlebte Hiiumaa eine Blütezeit als Teil der unabhängigen Estland: Agrarreformen verteilten Land an estnische Bauern, die schwedische Minderheit erhielt kulturelle Autonomie, und die Insel profitierte von Tourismus und Schifffahrt. Der Kõpu-Leuchtturm wurde modernisiert, und Kärdla wuchs zu einem Industriezentrum. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre traf die Insel hart, doch unter Präsident Konstantin Päts stabilisierte sich die Lage.
Der Molotow-Ribbentrop-Pakt von 1939 führte zur sowjetischen Besetzung: Ab 1939 errichteten die Sowjets Militärbasen auf Hiiumaa, und 1940 wurde Estland illegal annektiert, was Massendeportationen, Verstaatlichung und Repressionen brachte. Viele Einwohner, darunter Intellektuelle und Bauern, wurden nach Sibirien deportiert. Im Juni 1941 erreichten die Nazis Estland im Zuge des Unternehmens Barbarossa; die Sowjets evakuierten ihre Basen, und Hiiumaa fiel unter deutsche Besatzung (1941 bis 1944). Die Deutschen wurden zunächst als Befreier von der Sowjetherrschaft begrüßt, doch bald folgten Zwangsarbeit, Judenverfolgung und Rekrutierungen für die Wehrmacht. Die schwedische Minderheit floh größtenteils 1943/44 nach Schweden. Im Herbst 1944 eroberte die Rote Armee die Insel zurück, was schwere Kämpfe und Zerstörungen brachte. Bis 1945 festigte sich die sowjetische Kontrolle, mit weiteren Deportationen und der Etablierung des Stalinismus.
Kommunistische Zeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hiiumaa Teil der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik (ESSR), was eine radikale Umgestaltung brachte. Die Sowjetunion führte Kollektivierung durch: Private Höfe wurden zu Kolchosen (Kollektivfarmen) umgewandelt, was Widerstand provozierte und zu "Waldbrüder"-Partisanenkämpfen in den 1940er und 1950er Jahren führte. Massendeportationen 1949 trafen Tausende, darunter viele Hiiumaa-Bewohner, die als "Kulaken" diffamiert wurden. Die Insel wurde militarisiert: Als Grenzgebiet zur Ostsee errichteten die Sowjets Raketenbasen, Flugplätze und Grenzposten, was Hiiumaa zu einem "geschlossenen" Gebiet machte – Reisen waren streng reglementiert. Die schwedische Minderheit schrumpfte weiter, und russische Siedler zogen zu, was die Demografie veränderte.
Wirtschaftlich wurde Hiiumaa in die sowjetische Planwirtschaft integriert: Die Wollfabrik in Kärdla wurde verstaatlicht und erweitert, Fischerei und Landwirtschaft kollektiviert. Trotz Mangelwirtschaft gab es Fortschritte wie Elektrifizierung, Schulbau und medizinische Versorgung. Kulturell unterdrückte das Regime estnische Traditionen; Russisch wurde Amtssprache, und Propaganda prägte das Leben. Dennoch überlebten Folklore und Kirchen (trotz Verfolgungen) im Untergrund. In den 1960er und 1970er Jahren unter Chruschtschow und Breschnew lockerte sich die Repression; Tourismus nahm zu, und Hiiumaa wurde als Erholungsgebiet geschätzt. Die Perestroika unter Gorbatschow ab 1985 weckte nationale Bewegungen: Auf Hiiumaa bildeten sich Unabhängigkeitsinitiativen, und 1988 hissten Demonstranten die estnische Flagge. Die "Singende Revolution" kulminierte in der Wiederunabhängigkeit Estlands 1991, als die Sowjetunion kollabierte. Die sowjetische Zeit hinterließ Narben: Umweltzerstörung durch Militär, demografische Verluste und eine traumatisierte Gesellschaft, aber auch Infrastruktur wie Fährverbindungen.
Moderne Zeit
Mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 wurde Hiiumaa Teil der Republik Estland, die sich rasch westlich orientierte und 2004 der EU und NATO beitrat. Die 1990er Jahre waren von Transformation geprägt: Privatisierung löste Kolchosen auf, was zu Arbeitslosigkeit führte, aber auch neuen Chancen in Tourismus und Öko-Landwirtschaft. Die Insel profitierte von EU-Fördermitteln; der Biosphärenreservat-Status (UNESCO 1990) schützte die Natur und zog Besucher an. Kärdla entwickelte sich zu einem modernen Zentrum mit Flughafen (eröffnet 1994) und verbesserten Fährverbindungen. Die schwedische Minderheit kehrte teilweise zurück, und kulturelle Feste wie das Hiiumaa-Festival stärkten die Identität.
In den 2000er Jahren boomte die Wirtschaft: Hiiumaa wurde zu einem Hotspot für Ökotourismus, mit Wanderwegen, Birdwatching und Wellness. Die Finanzkrise 2008 traf hart, doch Estland (und Hiiumaa) erholte sich schnell durch Digitalisierung – die Insel nutzte e-Government und Breitbandinternet. Bevölkerungsrückgang durch Abwanderung nach Tallinn oder ins Ausland war ein Problem, doch Gegenströmungen wie Counter-Urbanisation zogen Städter an. Ab 2010 wuchs der Sektor erneuerbarer Energien; Windparks und Solaranlagen entstanden. Kulturell blühte Hiiumaa auf: Museen zu Leiger-Mythen, der Kõpu-Leuchtturm als Wahrzeichen und Events wie das Café-Festival.
Die Coronazeit begann eher sachte. Auf Hiiumaa gab es anfangs wenige Infektionen, doch die Notstandsmaßnahmen ab 13. März 2020 brachten Lockdowns, Schulschließungen und Tourismuseinbrüchen. Fährverbindungen wurden eingeschränkt, und die Wirtschaft litt. Der Tourismus brach um über 50 % ein, Häfen wie Kärdla verzeichneten Passagierrückgänge. Bis Ende 2020 gab es über 1.800 positive Corona-Tests auf Hiiumaa. Ab 2021 wurde die mRNA-Impfung forciert. Mit dem Ende der Coronazeit 2022 begann sich die Wirtschaft langsam wieder zu erholen.
Verwaltung
Hiiumaa ist die Hauptinsel des Kreises Hiiu (estnisch ebenfalls Hiiumaa oder Hiiu maakond), zu dem ferner die südlich vorgelagerte Insel Kassari (19 km²) und zahlreiche kleinere Inseln und Schären gehören.
Herrschaftsgeschichte
- 8. Jahrhundert bis 1222 Siedlungen der Esten und Wikinger
- 1222 bis 1227 Königreich Dänemark (Kongedømmet Danmark)
- 1227 bis 1560 Fürstbistum Ösel-Wiek (Saare-Lääne piiskopkond), unter dem Heiligen Römischen Reich (Sacrum Romanum Imperium) als Teil von Terra Mariana / Livland
- 1560 bis 1583 Königreich Dänemark (Kongeriget Danmark)
- 1583 bis 1721 Schwedisch-Estland (Eestimaa kubermang) als Teil des Königreichs Schweden (Svenska riket)
- 1721 bis Oktober 1917 Russisches Reich (Rossijskaja Imperija)
- Oktober 1917 bis November 1918 Deutsche Kaiserreich
- 24. Februar 1918 bis Juni 1940 Republik Estland (Eesti Vabariik)
- Juni 1940 bis Augnust 1941 Estnische Sozialistische Sowjetrepublik (Eesti Nõukogude Sotsialistlik Vabariik) der Sowjetunion (Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik)
- August 1941 bis Juli 1944 Generalbezirk Estland im Reichskommissariat Ostland des Deutsches Reiches
- Juli 1944 bis 20. Auigust 1991 Estnische Sozialistische Sowjetrepublik (Eesti Nõukogude Sotsialistlik Vabariik) der Sowjetunion (Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik), ab 1946 militärische Sperrzone
- seit 20. August 1991 Kreis Hiiu (Hiiu Maakond) der Republik Estland (Eesti Vabariik)
Legislative und Exekutive
Auf Hiiumaa ist die politische Organisation traditionell in legislative und exekutive Aufgaben gegliedert, die im Rahmen der estnischen Provinzverwaltung wahrgenommen werden. Die höchste politische Instanz der Insel ist der Provinzialrat von Hiiumaa (Hiiu Maavalitsus), der eine zentrale Rolle bei der politischen Steuerung und Verwaltung der Insel einnimmt. In legislativer Hinsicht wirkt der Provinzialrat an der Ausarbeitung, Umsetzung und Überwachung regionaler Regelungen und Entwicklungsziele mit, insbesondere in Bereichen wie Raumordnung, Infrastruktur, Bildung, Umwelt- und Sozialpolitik. Er fungiert damit als Bindeglied zwischen der nationalen Gesetzgebung Estlands und den spezifischen Bedürfnissen der Inselbevölkerung.
Inseloberhaupt
Die exekutive Gewalt liegt beim Provinzoberhaupt (maavanem), der die laufenden Verwaltungsaufgaben leitet und für die praktische Umsetzung staatlicher und regionaler Entscheidungen verantwortlich ist. Der maavanem vertritt den estnischen Staat auf Provinzebene, koordiniert die Arbeit der Behörden und sorgt für die Einhaltung von Gesetzen und Verordnungen. Seit 1999 bekleidet Hannes Maasel dieses Amt, wodurch eine lange personelle Kontinuität in der Exekutive gewährleistet ist.
Politische Gruppierungen
Die folgenden Parteien hatten nach den Gemeinderatswahlen 2025 Sitze im Hiiumaa Vallavolikogu (Gemeinderat):
- Isamaa: Christlich-demokratische, nationalkonservative Partei, Mitte-rechts bis rechts-konservativ, eine der stärkeren Kraft im Gemeinderat.
- Reformierakond (Reformpartei): Liberale, wirtschaftsfreundliche Partei, Mitte-rechts / liberalkonservativ, mehrere Sitze im Gemeinderat von Hiiumaa.
- Sozialdemokratische Partei Estlands (SDE): Sozialdemokratische Partei, Mitte-links
- Eesti Konservatiivne Rahvaerakond (EKRE): Nationalkonservative bis rechtspopulistische Partei, rechts bis rechtspopulistisch
- Eesti 200: zentristisch-liberale Partei, tritt auch in lokalen Listen an.
- Parempoolsed: wirtschaftsliberale Partei, kann Kandidaten aufstellen (liegt aber häufig unter der 5-%-Schwelle).
Wahlbündnisse und Unabhängige spielen bei estnischen Kommunalwahlen eine große Rolle. Viele Mandate werden auch von valimisliidud (Wahlallianzen) oder unabhängigen Kandidaten gewonnen.
Justizwesen und Kriminalität
Estland verfügt über ein dreistufiges Gerichtssystem: Gerichte erster Instanz (Land- und Verwaltungsgerichte), Berufungsgerichte und den Obersten Gerichtshof. Auf Hiiumaa selbst gibt es kein eigenes Gericht. Kleinere Zivil-, Straf- und Verwaltungsverfahren werden in der Regel beim Pärnu maatkoht (Landgericht Pärnu) oder beim Haapsalu kohtumaja (einer Außenstelle) verhandelt, da Hiiumaa zum Bezirk des Gerichts in Westestland gehört. Schwere Fälle gehen direkt an höhere Instanzen in Tallinn. Historisch gab es in Kärdla ein altes Gerichtsgebäude (das Mähle-Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert), das heute als Kulturdenkmal dient, aber keine aktive Justizfunktion mehr hat.
Estland ist Vorreiter in der Digitalisierung der Justiz: Viele Verfahren laufen online ab (zum Beispiel über das e-File-System), Vorladungen können digital zugestellt werden, und Akten sind elektronisch einsehbar. Dies erleichtert auch für Inselbewohner den Zugang zur Justiz, ohne dass Reisen auf das Festland immer notwendig sind.
Die polizeiliche Präsenz auf Hiiumaa wird durch die Kärdla politseijaoskond (Polizeistation Kärdla) gewährleistet, die zur Lääne Prefektuur (Westestland-Präfektur) der Politsei- ja Piirivalveamet (Polizei- und Grenzschutzbehörde) gehört. Die Station befindet sich in der Sadama tn 26 in Kärdla und ist für alle polizeilichen Aufgaben zuständig: Prävention, Patrouillen, Verkehrsüberwachung, Ermittlungen und Mereturvalisus (Seesicherheit), da Hiiumaa von Häfen und Küsten geprägt ist. Die Polizei verfügt über Boote und sogar Diensthunde, und sie kooperiert eng mit der Gemeinde, zum Beispiel bei Kontrollen in Häfen oder Veranstaltungen. In Notfällen ist die einheitliche Notrufnummer 112 zuständig.
Hiiumaa ist eine der ruhigsten und sichersten Regionen Estlands. Die Kriminalitätsrate liegt weit unter dem nationalen Durchschnitt, was auf die kleine, überschaubare Gemeinschaft, die starke soziale Kontrolle und die isolierte Lage zurückzuführen ist. Typische Delikte sind kleinere Eigentumsvergehen (zum Beispiel Diebstähle in Häfen oder Ferienhäusern), Verkehrsdelikte oder häusliche Auseinandersetzungen – schwere Gewaltkriminalität oder organisierte Kriminalität sind extrem selten. Estland insgesamt verzeichnete 2024 etwa 28.345 registrierte Straftaten (ein leichter Anstieg durch Eigentumsdelikte), doch auf Hiiumaa machen diese nur einen winzigen Bruchteil aus. Die Aufklärungsrate ist hoch, oft durch die enge Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bevölkerung.
Flagge und Wappen
Die Flagge von Hiiumaa wurde am 26. Juni 1996 offiziell angenommen. Sie besteht aus einem grünen Feld mit einem schmalen weißen Streifen am unteren Rand und einem stilisierten gelben Leuchtturm in der oberen linken Ecke. Das Grün symbolisiert die reiche Natur und die Wälder der Insel, die etwa die Hälfte der Fläche bedecken. Der weiße Streifen steht für die sandigen Küsten und die Wellen des Meeres, das Hiiumaa umgibt. Der gelbe Leuchtturm verweist auf den berühmten Kõpu-Leuchtturm, eines der ältesten noch funktionierenden Leuchtfeuer der Welt und ein Wahrzeichen der Insel, das seit Jahrhunderten die Schifffahrt in der Ostsee sichert. Die Flagge wird bei offiziellen Anlässen, auf öffentlichen Gebäuden und bei lokalen Festen gehisst und drückt den Stolz der Hiidlased auf ihre maritime und natürliche Heimat aus.
Das Wappen von Hiiumaa wurde ebenfalls 1996 genehmigt und zeigt auf grünem Schild einen silbernen (weißen) Wellenbalken am unteren Rand sowie einen goldenen Leuchtturm auf einem grünen Hügel. Über dem Schild befindet sich eine goldene Mauerkrone mit fünf Zinnen, die den Status als Verwaltungseinheit (Gemeinde) kennzeichnet. Die Symbolik ist ähnlich wie bei der Flagge: Das Grün steht für die Wälder und die Natur, der Wellenbalken für das Meer und die Küstenlinie, der Leuchtturm für den Kõpu-Leuchtturm als historisches und orientierendes Symbol. Der Hügel unter dem Leuchtturm verweist auf die Kõpu-Halbinsel, wo der Leuchtturm steht. Das Wappen wird auf offiziellen Dokumenten, Siegeln und Gebäuden der Hiiumaa vald (Gemeinde Hiiumaa) verwendet, die seit der Verwaltungsreform 2017 die gesamte Insel umfasst.
Hauptort
Hauptort der Insel Hiiumaa ist seit dem 20. Jahrhundert Kärdla (deutsch historisch Kertel, schwedisch Kärrdal), die einzige Stadt auf der Insel und Verwaltungssitz des Landkreises Hiiu maakond sowie der gesamten Landgemeinde Hiiumaa vald.
Kärdla entwickelte sich erst relativ spät zum Zentrum der Insel. Die Siedlung wurde erstmals 1564 erwähnt, als dort eine kleine schwedische Kolonie mit 24 Familien existierte. Bis ins 19. Jahrhundert blieb Kärdla ein unbedeutendes Dorf. Der entscheidende Aufschwung begann 1830, als der Gutsherr von Suuremõisa eine Tuchfabrik (eine der ersten industriellen Anlagen Estlands) dorthin verlegte. Dies zog Arbeiter an, förderte den Hafenbau und ließ das Dorf rasch wachsen – die Fabrik beschäftigte in ihrer Blütezeit bis zu 700 Menschen. Am 1. Mai 1938 erhielt Kärdla während der ersten estnischen Unabhängigkeit offiziell das Stadtrecht, was seinen Status als wirtschaftliches und administratives Herz der Insel festigte.
Vor der Etablierung Kärdlas als Hauptort gab es keinen vergleichbaren zentralen Ort auf Hiiumaa. In der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Periode (unter Ordensherrschaft, dänischer, schwedischer und russischer Zeit) waren die Verwaltung und Machtzentren dezentral auf Gutshöfe (wie Suuremõisa, das größte und wichtigste Herrenhaus) und Kirchengemeinden (z. B. Pühalepa, Emmaste oder Käina) verteilt. Es existierte keine echte "Hauptstadt" – die Insel wurde von entfernten Zentren wie Haapsalu (auf dem Festland) oder dem Bischofssitz in Arensburg/Kuressaare (Saaremaa) mitverwaltet. Erst mit der Industrialisierung und dem Wachstum durch die Tuchfabrik wurde Kärdla zum natürlichen Mittelpunkt, der diesen Status seit 1938 (Stadtrecht) und verstärkt seit der sowjetischen Zeit (als Kreisstadt) bis heute innehat.
Verwaltungsgliederung
Der Kreis Hiiu ist unterteilt in die Stadt (estnisch linn) Kärdla (Kertel) und die vier Landgemeinden (vald) Emmaste (Emmast), Käina (Keinis), Kõrgessaare (Hohenholm) und Pühalepa (Pühhalep). Die Gemeinden sind mit den Daten des Jahres 2004:
| Gemeinde | Fläche in km² | Einwohner | Dichte (E/km²) | |
| 1 | Emmaste Vald (Emmast) | 197,5 | 1 443 | 7,3 |
| 2 | Käina Vald (Keinis) | 186,5 | 2 391 | 12,8 |
| 3 | Kärdla Linn (Kertel) | 4,5 | 3 950 | 877,8 |
| 4 | Kõrgessaare Vald (Hohenholm) | 375,0 | 1 488 | 3,9 |
| 5 | Pühalepa Vald (Pühhalep) | 255,5 | 1 815 | 7,1 |
| Hiiu Maakond (Dagö) | 1019,0 | 11 087 | 10,9 |
Verwaltungseinheiten:
1 linn (Stadt)
4 vallad (Landgemeinden)
2 alevikud (Vorstadtbereiche)
187 külad (Dörfer)
Bevölkerung
Im Folgenden die Entwicklung der Bevölkerungszahl samt Dichte, bezogen auf die offizielle Fläche von 1.023,2 km².
Bevölkerungsentwicklung:
Jahr Einwohner Dichte (E/km²)
1900 15 000 14,66
1910 16 000 15,64
1920 16 000 15,64
1930 14 000 13,68
1939 12 500 12,22
1950 11 000 10,75
1960 10 000 9,77
1970 9 700 9,48
1979 10 180 9,95
1990 11 200 10,95
2000 10 500 10,26
2001 10 429 10,19
2002 10 200 9,97
2003 10 000 9,77
2004 9 800 9,58
2005 9 600 9,38
2006 9 400 9,19
2007 9 200 8,99
2008 8 900 8,70
2009 8 700 8,50
2010 8 500 8,31
2011 8 482 8,29
2012 8 460 8,27
2013 8 470 8,28
2014 8 480 8,29
2015 8 490 8,30
2016 8 500 8,31
2017 8 510 8,32
2018 8 520 8,33
2019 8 520 8,33
2020 8 510 8,32
2021 8 497 8,30
2022 8 450 8,26
2023 8 420 8,23
2024 8 380 8,19
2025 8 346 8,16
Die Bevölkerung wuchs von 1981 bis 2001 um durchschnittlich 0,553 % pro Jahr.
Volksgruppen
Die überwiegende Mehrheit der Bewohner sind Esten, die laut der Volkszählung von 2021 etwa 98,4 % der Bevölkerung ausmachten (8.330 von rund 8.500 Einwohnern). Diese Dominanz hat historische Gründe: Hiiumaa war nie ein starkes Ziel für industrielle Zuwanderung wie die nordöstlichen Regionen Estlands, und die insularen Bedingungen begünstigten eine stabile, lokale estnische Bevölkerung. Mit Stand Anfang 2025 leben auf der Insel rund 9.778 Menschen, und der Anteil der Esten bleibt weiterhin extrem hoch.
Russen bilden die größte Minderheit, sind jedoch mit nur etwa 55 Personen (zirka 0,6 %) sehr gering vertreten. Andere ethnische Gruppen (zum Beispiel Ukrainer, Finnen oder Deutsche) machen zusammen weniger als 1 % aus. Eine historisch bedeutende Volksgruppe waren die Estlandschweden (rannarootslased oder aibofolke), eine schwedischsprachige Minderheit, die seit dem 13. Jahrhundert vor allem im Norden und Westen Hiiumaas ansässig war. Sie lebten in Küstendörfern, betrieben Fischerei und bewahrten lange ihre Sprache und Kultur. In der schwedischen Herrschaftszeit (17./18. Jahrhundert) siedelten weitere Schweden an, und Schwedisch war in manchen Gebieten die dominante Sprache. Die Mehrheit dieser Gemeinschaft floh jedoch 1943/44 vor der sowjetischen Besatzung nach Schweden oder wurde in der Sowjetzeit assimiliert. Heute gibt es nur noch vereinzelte Nachkommen oder Rückkehrer; die estlandschwedische Minderheit auf Hiiumaa ist praktisch verschwunden, wenngleich Spuren in Ortsnamen, Traditionen und Museen erhalten bleiben.
Sprachen
Die Amtssprache auf HBiiumaa ist Estnisch, eine finno-ugrische Sprache, die von etwa 98 bis 99 % der Inselbevölkerung als Erstsprache gesprochen wird (laut Volkszählung 2021 nannten 8.341 Einwohner Estnisch als Muttersprache). Auf Hiiumaa wird traditionell der insulare Dialekt (saarte murre) gesprochen, ein westestnische Variante mit archaischen Zügen, die auch auf Saaremaa und anderen Inseln vorkommt. Dieser Dialekt unterscheidet sich leicht vom Standardestnisch (basierend auf nordestnischen Varianten) durch Aussprache, Vokabular und Grammatik, wird aber zunehmend seltener in reiner Form gepflegt – viele Bewohner mischen ihn mit dem Hochestnisch.
Russisch ist die wichtigste Minderheitensprache, doch auf Hiiumaa extrem marginal: Nur etwa 63 Personen (zirka 0,7 %) gaben es 2021 als Muttersprache an. Dies spiegelt die geringe russischsprachige Bevölkerung wider, die durch sowjetische Zuwanderung entstanden ist, aber auf der Insel nie stark vertreten war.
Historisch spielte Schwedisch eine bedeutende Rolle: Bis ins 20. Jahrhundert war es in nördlichen und westlichen Küstengebieten (zum Beispiel Reigi, Kärdla-Umgebung) die dominante Sprache der Estlandschweden (rannarootslased oder Hiiu-Schweden). Viele Ortsnamen und Traditionen zeugen davon. Die Mehrheit dieser Gemeinschaft floh jedoch 1943/1944 vor der sowjetischen Besatzung nach Schweden oder wurde in der Sowjetzeit vertrieben/assimiliert – heute gibt es praktisch keine aktiven Schwedisch-Sprecher mehr auf der Insel.
Als Fremdsprachen sind Englisch (besonders bei Jüngeren und im Tourismus), Finnisch (durch sprachliche Nähe) und teilweise Deutsch oder Russisch verbreitet, da Estland insgesamt hohe Mehrsprachigkeit aufweist. Auf Hiiumaa profitieren Einwohner und Besucher von der starken Orientierung am Estnischen, ergänzt durch Englisch in touristischen Bereichen.
Religion
Laut Volkszählung 2021 gehörten auf Hiiumaa nur etwa 12,9 % der Bevölkerung einer Religion an: Davon waren rund 560 Personen (7 bis 8 %) lutherisch (Evangelisch-Lutherische Kirche), 170 Personen (rund 2 %) orthodox und etwa 360 Personen andere Konfessionen (zum Beispiel Baptisten, Freikirchen oder kleinere Gruppen). Der Großteil – über 70 % – gab keine Religionszugehörigkeit an oder verweigerte die Angabe, was der nationalen Tendenz entspricht, bei der viele Esten eine kulturelle Verbindung zum Christentum haben, ohne gläubig zu sein.
Historisch wurde das Christentum auf Hiiumaa im 13. Jahrhundert durch die Livländischen Kreuzzüge und die Herrschaft des Deutschen Ordens sowie des Bistums Ösel-Wiek eingeführt. Die älteste Kirche, die Pühalepa-Kirche (geweiht dem Hl. Laurentius), stammt aus dieser Zeit und ist eine der ältesten Estlands. Lutheranismus dominierte ab der Reformation im 16. Jahrhundert unter schwedischer Herrschaft. Im 19. Jahrhundert gab es eine Welle von Konversionen zur Orthodoxie, ausgelöst durch russische Einflüsse und soziale Vorteile – mehrere orthodoxe Kirchen wie die Kuriste-Kirche (1873) entstanden in dieser Phase.
Heute gibt es auf Hiiumaa zahlreiche Kirchen, die meist lutherisch sind: Zu den bekanntesten gehören die Pühalepa-Kirche, Reigi-Kirche, Emmaste-Kirche, Paluküla-Kirche, Kärdla-Kirche und Kassari-Kapelle. Orthodoxe Gotteshäuser wie Kuriste, Kõpu oder Puski sind kleiner und weniger aktiv. Viele Kirchen dienen heute auch als Kulturdenkmäler und Veranstaltungsorte für Konzerte oder Feste.
Siedlungen
Kärdla ist die einzige Stadt der Insel. Daneben gibt es noch vier größere und über 180 kleinere Ortschaften. Die Einwohnerzahl von Kärdla entwickelte sich wie folgt:
| 1897 | 1922 | 1934 | 1939 | 1959 | 1970 | 1979 | 1989 | 2000 | 2010 |
| 1718 | 1580 | 1454 | 1524 | 2688 | 2969 | 3426 | 4126 | 3672 | 3634 |
Die größeren Ortschaften der Inselprovinz sind:
| Ort | Z 2000 | Z 2011 | Z 2021 |
| Emmaste | 281 | 217 | 206 |
| Esiküla | 92 | 79 | 83 |
| Harju | 71 | 73 | 59 |
| Hausma | 34 | 49 | 57 |
| Hellamaa | 75 | 65 | 66 |
| Heltermaa | 43 | 40 | 29 |
| Hindu | 72 | 68 | 75 |
| Jausa | 128 | 92 | 90 |
| Jõeranna | 45 | 24 | 33 |
| Kaigutsi | 53 | 41 | 38 |
| Käina | 849 | 690 | 667 |
| Kärdla | 3,769 | 3,050 | 3,046 |
| Kärdla-Nõmme (Nõmme) | 62 | 35 | 35 |
| Kassari | 90 | 81 | 77 |
| Kõpu | 50 | 35 | 34 |
| Kõrgessaare | 517 | 364 | 345 |
| Kuri | 53 | 41 | 38 |
| Lassi | 44 | 40 | 27 |
| Lauka | 181 | 153 | 111 |
| Lõpe | 169 | 129 | 144 |
| Luguse | 68 | 49 | 49 |
| Männamaa | 168 | 107 | 102 |
| Muda | 40 | 27 | 24 |
| Nasva | 34 | 35 | 37 |
| Nõmba | 50 | 50 | 44 |
| Nõmme | 73 | 62 | 61 |
| Nurste | 36 | 42 | 47 |
| Õngu | 31 | 30 | 33 |
| Orjaku | 69 | 74 | 75 |
| Paluküla | 78 | 78 | 68 |
| Paope | 48 | 41 | 53 |
| Pärna | 23 | 15 | 25 |
| Partsi | 53 | 34 | 42 |
| Pilpaküla | 54 | 39 | 34 |
| Putkaste | 122 | 108 | 105 |
| Reheselja | 50 | 36 | 24 |
| Reigi | 41 | 38 | 34 |
| Ristivälja | 43 | 38 | 55 |
| Sääre | 26 | 33 | 32 |
| Sakla | 45 | 32 | 30 |
| Salinõmme | 33 | 29 | 20 |
| Sarve | 36 | 29 | 28 |
| Selja | 63 | 66 | 60 |
| Soonlepa | 20 | 23 | 32 |
| Suuremõisa | 321 | 187 | 208 |
| Tilga | 35 | 34 | 27 |
| Tubala | 78 | 79 | 61 |
| Ühtri | 32 | 24 | 27 |
| Vaemla | 44 | 24 | 35 |
| Vahtrepa | 41 | 34 | 40 |
| Valgu | 57 | 42 | 42 |
| Viilupi | 39 | 41 | 31 |
| Villemi | 32 | 29 | 25 |
Kärdla ist die einzige Stadt und das administrative Zentrum der Insel sowie die Hauptstadt des Landkreises Hiiu maakond und der gesamten Landgemeinde Hiiumaa vald. Mit rund 2.900–3.000 Einwohnern (Stand 2024) beherbergt sie etwa ein Drittel der Inselbevölkerung und gilt als wirtschaftliches, kulturelles und verkehrstechnisches Herz Hiiumaas. Die Geschichte Kärdlas reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück: Erstmals 1564 erwähnt, existierte dort bereits eine kleine schwedische Siedlung. Der eigentliche Aufschwung begann jedoch 1830, als der Gutsherr von Suuremõisa eine Tuchfabrik (eine der ersten industriellen Anlagen Estlands) hierher verlegte. Diese Fabrik zog Arbeiter an, förderte den Hafenbau und ließ das Dorf rasch wachsen – in der Blütezeit beschäftigte sie bis zu 700 Menschen. Am 1. Mai 1938 erhielt Kärdla offiziell das Stadtrecht während der ersten estnischen Unabhängigkeit.
Heute präsentiert sich Kärdla als charmante, kleine Hafenstadt an der Nordostküste der Insel, umgeben von Wäldern und dem Meer. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören das Hiiumaa-Museum im Langen Haus (einem der längsten Holzgebäude Estlands aus den 1840er Jahren), der moderne Hafen, der Flughafen Kärdla (mit Verbindungen nach Tallinn) sowie zahlreiche Cafés, Restaurants und Geschäfte. Die Stadt ist Ausgangspunkt für Touren zu Leuchttürmen, Stränden und Naturreservaten und profitiert stark vom Tourismus.
Käina (deutsch historisch Keinis) ist ein kleiner Borough (alevik) im Süden Hiiumaas und der zweitgrößte Ort der Insel. Er liegt an der Nordküste der Käina-Bucht (Käina laht), einem wichtigen Feuchtgebiet und Vogelschutzgebiet, das Teil des Ramsar-Schutzgebiets Hiiumaa-Islets und Käina-Bucht ist. Käina hat eine lange kirchliche Tradition: Die gotische Kirche aus dem Mittelalter war einst die größte auf Hiiumaa und fasste bis zu 600 Personen. Sie wurde jedoch 1941 während des Zweiten Weltkriegs zerstört – heute sind nur Ruinen mit alten Grabsteinen und einer Sonnenuhr erhalten, die als mahndes Denkmal gelten. In der Umgebung gibt es weitere historische Kirchen wie die Kuriste-Kirche.
Der Ort ist bekannt für seine naturnahe Lage und moderne Attraktionen: Das Erlebniszentrum Tuuletorn (Windturm) ist ein interaktives Museum und Wissenschaftszentrum, das Themen wie Energie, Natur und Inselgeschichte behandelt. Weitere Highlights sind das Hiiumaa-Museum-Ausstellungshaus in Kassari (nahe Käina), das Rudolf-Tobias-Hausmuseum (dem estnischen Komponisten gewidmet) sowie Ponyställe und Wanderwege in der Umgebung. Die Käina-Bucht zieht Vogelbeobachter an und bietet Möglichkeiten für Bootstouren oder Naturerkundungen.
Verkehr
Hiiumaa ist hauptsächlich über Fähren vom Festland (Rohuküla–Heltermaa) und von Saaremaa (Triigi–Sõru) erreichbar, ergänzt durch Flüge von Tallinn nach Kärdla. Auf der Insel sorgt eine Ringstraße für den Straßenverkehr, während Busse des GoBus Hiiumaa den Nahverkehr kostenlos mit personalisierter Karte abdecken.
Straßenverkehr
Der Straßenverkehr auf Hiiumaa ist geprägt von Ruhe, geringem Verkehrsaufkommen und gut ausgebauten, aber schmalen Wegen, die die natürliche Landschaft der Insel schonen. Die Insel verfügt über ein Netz von etwa 300 Kilometern Straßen, größtenteils asphaltiert und in gutem Zustand, mit der Hauptachse von Heltermaa (Fährhafen) über Kärdla bis zur Kõpu-Halbinsel. Geschwindigkeitslimits betragen in Ortschaften 50 km/h und auf Landstraßen meist 90 km/h. Staus oder starkes Verkehrsaufkommen sind extrem selten – Hiiumaa gilt als eine der verkehrsärmsten Regionen Estlands, was sie zu einem Paradies für Radfahrer, Motorradfahrer und entspannte Autofahrer macht. Der öffentliche Nahverkehr wird durch Busse abgedeckt, die Kärdla mit anderen Orten verbinden. Parken und Busfahren sind oft kostenlos.
Besonders beliebt bei Touristen ist das Erkunden per Auto oder Fahrrad, da die Straßen durch Wälder, Moore und entlang der Küste führen. Im Winter kann bei starkem Frost eine Eisstraße (jäätee) über die gefrorene Ostsee vom Festlandhafen Rohuküla nach Heltermaa eröffnet werden – mit bis zu 26,5 Kilometern die längste Europas. Sie ist nur bei ausreichender Eisdicke (mindestens 22 cm) und tagsüber befahrbar, mit Geschwindigkeitsempfehlungen von 25 oder 40 bis 70 km/h; Sicherheitsgurte sind verboten, um schnelles Aussteigen zu ermöglichen. Diese saisonale Verbindung verkürzt die Reisezeit erheblich, ist aber wetterabhängig und wird nicht jedes Jahr freigegeben.
Schiffsverkehr
Der Schiffsverkehr ist die Lebensader Hiiumaas und dominiert den Personen- und Gütertransport zur Insel, da sie keine Brückenverbindung zum Festland hat. Die wichtigste Route ist die Fährverbindung vom Festlandhafen Rohuküla (nahe Haapsalu) nach Heltermaa im Osten Hiiumaas, die von der Reederei TS Laevad betrieben wird. Moderne Fähren wie Tiiu, Leiger und andere verkehren ganzjährig mehrmals täglich; die Überfahrt dauert etwa 75 bis 90 Minuten und kostet für Autos und Passagiere moderat (Tickets online buchbar über praamid.ee). In der Hochsaison (Sommer) sind Reservierungen empfehlenswert, da die Fähren beliebt bei Touristen sind.
Eine weitere Route verbindet Triigi auf Saaremaa mit Sõru im Süden Hiiumaas (zirka 65 Minuten Fahrtzeit), ideal für Inselhopping. Kleinere Häfen wie Kärdla, Orjaku oder Sõru dienen Yachten und Privatbooten; Gastliegeplätze sind vorhanden. Zusätzlich gibt es einen kleinen Flughafen in Kärdla mit regelmäßigen Flügen nach Tallinn (ca. 30 Minuten), betrieben von NyxAir.
Kõpu Tuletorn
- Standort: 58°54‘57“ N, 22°11‘59“ O
- Inbetriebnahme: 1531
- Turmhöhe: 67 m
- Feuerhöhe: 102,6 m
- Befeuerung: seit 1963 automatisiert
- Tragweite: 48 km
Flugverkehr
Der Flughafen Kärdla (estnisch Kärdla lennujaam) befindet sich 7 km östlich der Stadt Kärdla beim Dorf Hiiessaare in der Landgemeinde Hiiumaa, an der Nordküste der zweitgrößten Insel Estlands Hiiumaa. Er wurde 1963 gebaut. Von den 1960er bis in die 1980er Jahre gab es regelmäßige Verbindungen nach Tallinn, Haapsalu, Vormsi, Kuressaare, Riga, Pärnu, Viljandi und Tartu. Murmansk, Vilnius, Kaunas und Riga wurden zusätzlich mit Charterverbindungen bedient. Die Fluggastanzahl im Jahre 1987 betrug 24.335. Seit 1992 sank das Passagieraufkommen, so nutzten 1995 nur 727 Passagiere den Flughafen. Dies lag daran, dass die Fluggesellschaft Aeroflot in einer Krise war und die Wirtschaft Estlands nach der Unabhängigkeit neu strukturiert wurde. 1998 wurde die Landebahn erneuert und das Passagieraufkommen stieg wieder, so dass 2004 8840 Fluggäste gezählt wurden.
Am 23. November 2001 verunglückte eine Antonow An-28 der estnischen Fluggesellschaft ELK Airways mit 17 Menschen an Bord auf dem Weg von Tallinn nach Kärdla. Die Maschine stürzte beim Landeanflug in ein 1,5 Kilometer vom Flughafen Kärdla entferntes Waldstück des landwirtschaftlichen Museums Soera nahe Palade auf der Insel Hiiumaa. Zwei Menschen überlebten den Absturz nicht.
Der Flughafen kann seit einigen Jahren für Personen- und Frachtflüge rund um die Uhr genutzt werden. 2017 wird zweimal täglich von Montag bis Freitag die estnische Hauptstadt Tallinn angeflogen, am Wochenende einmal täglich. Auch die estnische Luftwaffe und die Küstenwache benutzen den Flughafen Kärdla. Im ersten Augustwochenende findet jährlich eine Flugshow statt.
| Airline | Ziel |
| Transaviabaltika | Tallinn (PSO) |
Kardla Airport
- estnischer Name: Kärdla lennujaam
- Code: KDL / EEKA
- Lage: 58°59‘26“ N, 22°49‘50“ O
- Seehöhe: 5 m (18 ft)
- Inbetriebnahme: 1963
- Betreiber: SC Kärdla Airport
- Termin al: 1
- Rollbahn: 1
- Länge der Rollbahn: 1520 m (Asfalt)
- Fluggesellschaft: 1
- Flugzeug-Standplätze: ca. 20
- jährliche Passagierkapazität: ca. 40.000
- jährliche Frachtkapazität: ca. 1000 t
- Flughafen-Statistik: Jahr Flugbewegungen Passagiere Fracht in t
1987 . 24 335
1996 940 2 750
1997 550 2 441
1998 433 3 090
1999 840 2 926
2000 917 3 205
2001 1 304 2 791
2002 1 904 7 707
2003 1 627 8 460
2004 1 435 8 840
2005 1 687 10 108
2006 1 488 11 073
2007 1 492 10 026
2008 1 616 10 454
2009 1 420 9 255
2010 1 352 10 551
2011 1 426 10 695
2012 1 512 9 700
2013 1 340 10 222
2014 1 305 7 750
2015 1 460 8 029
2016 1 233 7 547
2017 1 528 9 168
Wirtschaft
Die Wirtschaft von Hiiumaa stützt sich stark auf die Kunststoffindustrie, Forstwirtschaft, Landwirtschaft (insbesondere Bio-Betriebe) sowie Fischerei und Lebensmittelverarbeitung, ergänzt durch saisonalen Tourismus und Groß- sowie Einzelhandel.
Landwirtschaft
Die Landwirtschaft auf der estnischen Insel Hiiumaa ist kleinstrukturiert, stark ökologisch orientiert und eng mit der naturnahen Inselwirtschaft verbunden. Sie basiert auf Viehzucht, Milchproduktion und Getreideanbau, ergänzt durch spezialisierte Kulturen wie Lavendel oder Safran, und profitiert vom Status als UNESCO-Biosphärenreservat, der Nachhaltigkeit fördert.
Historisch war die Landwirtschaft die Hauptlebensgrundlage der Hiidlased, neben Fischerei und Forstwirtschaft. In der Sowjetzeit spezialisierte sie sich auf Fleisch- und Milchproduktion mit Kolchosen; nach der Unabhängigkeit 1991 schrumpfte die Nutzfläche stark (von über 65 % 1939 auf unter 25 % in den 1990er Jahren), viele Flächen verwaldeten oder wurden aufgegeben. Seit den 2000er Jahren erlebt sie eine Renaissance durch Bio-Landbau: Ende 2021 gab es über 2.785 ökologische Betriebe auf 14.387 Hektar – ein hoher Anteil im estnischen Vergleich. Die Böden und das milde Klima begünstigen Viehzucht (Rinder für Milch und Fleisch, Schafe auf Salzwiesen) sowie Getreide (Gerste, Hafer).
Moderne Höfe wie der vollautomatisierte Bio-Milchbetrieb in Hiiumaa (einer der fortschrittlichsten Estlands) produzieren täglich Tonnen organischer Milch. Spezialkulturen wie der nördlichste Lavendelfeld der Welt auf der Kõpu-Halbinsel oder Estlands erster Safran-Anbau nutzen die reine Natur. Permakultur-Farmen und kleine Familienbetriebe (zum Beispiel mit Pferden oder Gemüse) kombinieren oft mit Tourismus (Agrotourismus, Hofläden).
Forstwirtschaft
Die Forstwirtschaft auf Hiiumaa spielt eine zentrale Rolle für die Insel sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch. Mit etwa zwei Dritteln der Inselfläche, die von Wäldern bedeckt sind, ist Hiiumaa eine der waldreichsten Regionen Estlands. Die Wälder bestehen überwiegend aus Kiefern, Fichten, Birken und Laubmischwäldern, wobei Nadelbäume den Hauptanteil ausmachen. Die Forstwirtschaft ist auf Hiiumaa historisch gewachsen, geprägt von traditioneller Holznutzung, nachhaltiger Bewirtschaftung und der Anpassung an die besonderen Insellagen.
Die Forstwirtschaft trägt wesentlich zur lokalen Wirtschaft bei. Holz wird auf Hiiumaa vor allem für Bauholz, Brennholz, Möbelproduktion und Papierprodukte genutzt. Kleinere Sägewerke und lokale Betriebe verarbeiten das Holz direkt auf der Insel, wodurch Arbeitsplätze geschaffen und Transportkosten minimiert werden. Auch Brenn- und Energieholz aus Restholz oder Durchforstungen spielt eine Rolle, insbesondere in privaten Haushalten und in der Biomasseheizung öffentlicher Einrichtungen.
Hiiumaa setzt auf nachhaltige Forstwirtschaft, um die natürliche Waldstruktur, Biodiversität und den langfristigen Holzbestand zu sichern. Dies umfasst geplante Durchforstungen, Aufforstungen und die Pflege von Mischwäldern. Schutzgebiete und Nationalparks sind von kommerzieller Nutzung ausgenommen, während andere Wälder so bewirtschaftet werden, dass ökonomische Nutzung und ökologischer Erhalt miteinander verbunden sind. Alte Eichen, seltene Pflanzenarten und Moorwälder werden besonders geschützt.
Die Wälder Hiiumaas sind nicht nur Rohstoffquelle, sondern auch ein wichtiger Faktor für den sanften Tourismus. Wanderwege, Radstrecken, Naturpfade und Beobachtungspunkte für Flora und Fauna werden durch die Forstwirtschaft gepflegt und zugänglich gehalten. Pilze, Beeren und Kräuter aus den Wäldern stellen zudem eine zusätzliche Einkommensquelle für Einheimische und Besucher dar.
Fischerei
In der Vergangenheit war die Fischerei eine der Hauptlebensgrundlagen der Inselbewohner – neben Landwirtschaft und Robbenjagd. Bereits in der Eisenzeit und im Mittelalter nutzten die Esten und später die Estlandschweden die reichen Fischgründe. Im 19. und 20. Jahrhundert blühte die professionelle Fischerei, insbesondere Hering, Sprotte und Garfish (eine lokale Spezialität, estnisch: vimme). Viele Küstendörfer wie Orjaku, Sõru oder Kalana lebten vom Fang, und Netze, Boote und Räuchereien prägten das Bild.
Heute ist die Fischerei auf Hiiumaa weitgehend familienbetrieben und saisonal. Die Flotte besteht aus kleinen Kuttern und Booten, die in Häfen wie Heltermaa, Sõru, Orjaku oder Kärdla stationiert sind. Wichtige Fangarten sind Hering, Sprotte, Barsch, Zander, Aal und Garfish, der im Frühjahr besonders geschätzt wird. Räucherfisch (suitsukala) ist eine Inseldelikatesse und wird in kleinen Räuchereien hergestellt. Die Fischerei unterliegt strengen EU-Quoten und estnischen Vorschriften zum Schutz der Bestände – Überfischung wird vermieden, und viele Fischer kombinieren den Beruf mit Tourismus.
Neben der professionellen Fischerei ist die Angelfischerei ein wachsender Sektor: Hiiumaa ist bei Sportanglern beliebt, mit geführten Touren auf Hecht, Barsch oder Meerforelle. Orte wie die Käina-Bucht oder die offene Ostsee bieten gute Bedingungen. Lokale Unternehmen vermieten Boote und Ausrüstung.
Bergbau
Historische Quellen belegen, dass auf Hiiumaa früher vor allem Kalkstein und Ton für den lokalen Bau genutzt wurden. Kleine Steinbrüche lieferten Material für Häuser, Straßen und Kirchen, vor allem in Kärdla und den umliegenden Dörfern. Auch Torfabbau spielte eine Rolle, da das Moor auf der Insel als Brennstoff und in der Landwirtschaft verwendet wurde. Diese Aktivitäten waren in der Regel handwerklich organisiert und hatten keinen industriellen Charakter.
Heute existiert auf Hiiumaa kein industriell bedeutender Bergbau. Vereinzelt wird noch Sand für Bauzwecke oder Kalk für landwirtschaftliche Anwendungen abgebaut, jedoch in kleinem, lokalem Maßstab. Größere Rohstoffvorkommen werden nicht erschlossen, was auch der nachhaltigen Entwicklung der Insel zugutekommt, da extensive Bergbautätigkeit die Natur stark beeinträchtigen würde.
Handwerk
Das Handwerk auf Hiiumaa umfasst vor allem Textilien, Strickwaren, Keramik, Holzarbeiten und Souvenirs aus natürlichen Materialien, oft inspiriert von der maritimen und naturnahen Umgebung. Der Hiiumaa Käsitööselts (Handicraft Association of Hiiumaa), gegründet 1998, vereint über 110 Mitglieder und fördert die Traditionen des Handwerks durch Workshops, Ausstellungen und Verkauf. Beliebte Produkte sind handgestrickte Pullover, Decken, Accessoires mit traditionellen Mustern sowie Woll- und Leinenarbeiten. Shops wie der Hiiumaa Craftsmen's Shop in Kärdla (im historischen Fabrikhof der Tuchfabrik), der Heltermaa Käsitöömaja am Fährhafen oder Läden in Museen (zum Beispiel Pikk Maja) bieten einzigartige, handgefertigte Souvenirs an. Viele Produkte stammen von lokalen Familienbetrieben und kombinieren Tradition mit modernem Design – ein Spiegel der authentischen Hiiumaa-Identität, die Touristen und Einheimische gleichermaßen schätzen.
Industrie
Die Industrie auf Hiiumaa ist kleinstrukturiert, nachhaltig orientiert und stark vom Tourismus, der Natur und historischen Erbe geprägt. Große Schwerindustrie fehlt; stattdessen dominieren kleine Unternehmen in Bereichen wie Lebensmittelverarbeitung, Textilresten, Kunststoffproduktion und erneuerbaren Energien.
Historisch markiert die Tuchfabrik in Kärdla (ab 1830) den Beginn der Industrialisierung, deren Gebäude heute als Viscosa Culture Factory kulturell genutzt werden. Moderne Branchen umfassen Wollverarbeitung (speziell Hiiumaa Wollfabrik), Kunststoffrecycling (zum Beispiel BioBag, ein norwegisches Unternehmen für biologisch abbaubare Produkte) und kleine Fertigungen in Medizintechnik oder Holzverarbeitung. Die Wirtschaft profitiert von niedriger Arbeitslosigkeit (zirka 1,4 % 2024) und EU-Fördermitteln für grüne Projekte, wie Windenergie und Klimaneutralität bis 2050. Handel, Dienstleistungen und Tourismus ergänzen die Industrie, die sich auf lokale Ressourcen und Umweltschutz konzentriert – ein Kontrast zur intensiven Industrie auf dem Festland.
Wasserwirtschaft
Die Trinkwasserversorgung auf Hiiumaa erfolgt überwiegend über kommunale Wasserwerke, die Wasser aus Grundwasserbrunnen und kleineren Quellen gewinnen. In der Inselhauptstadt Kärdla und in größeren Siedlungen existieren zentrale Versorgungsnetze, die den größten Teil der Bevölkerung abdecken. In ländlicheren Gebieten nutzen Haushalte häufig private Brunnen, die regelmäßig auf Qualität geprüft werden müssen. Die Wasserwerke setzen moderne Aufbereitungsanlagen ein, um die Trinkwasserqualität nach estnischen Standards sicherzustellen.
Die Abwasserentsorgung ist auf Hiiumaa ein zentrales Thema, insbesondere in Zusammenhang mit dem Umweltschutz und der touristischen Nutzung der Küstengebiete. In städtischen Gebieten wie Kärdla gibt es zentrale Kläranlagen, die Abwasser reinigen, bevor es in die Ostsee oder nahegelegene Flüsse geleitet wird. In kleineren Dörfern werden oft dezentrale Systeme, wie Kleinkläranlagen oder biologisch abbaubare Gruben, eingesetzt. Ein wachsender Fokus liegt auf der Vermeidung von Nährstoffeinträgen, um die Gewässer vor Eutrophierung zu schützen.
Hiiumaa legt großen Wert auf den Schutz von Seen, Flüssen und Küstengewässern. Besonders sensible Bereiche sind Naturschutzgebiete, Feuchtgebiete und Badebereiche. Maßnahmen umfassen die Überwachung der Wasserqualität, Renaturierungsprojekte und Aufklärung der Bevölkerung über umweltfreundliche Nutzung von Wasserressourcen. Der nachhaltige Umgang mit Wasser ist auch für den Tourismus von Bedeutung, da saubere Strände und Badeseen ein wesentliches Attraktivitätsmerkmal der Insel darstellen.
Energiewirtschaft
Hiiumaa ist über Unterseekabel mit dem estnischen Festland verbunden, wodurch die Insel an das nationale Stromnetz angeschlossen ist. Die Versorgung ist grundsätzlich stabil, aber lokale Netzbetreiber müssen die Inselinfrastruktur regelmäßig warten, um Ausfälle durch Stürme oder Winterwetter zu verhindern. Auf der Insel selbst gibt es zudem kleinere, dezentrale Stromerzeugungsanlagen, etwa für Notstromversorgung oder für abgelegene Gemeinden.
Hiiumaa setzt zunehmend auf erneuerbare Energien, insbesondere Wind- und Solarenergie. Die Küstenlage und die konstanten Winde bieten ideale Bedingungen für Windkraftanlagen, die sowohl kleine Gemeinden als auch touristische Einrichtungen mit Strom versorgen. Auch Photovoltaikanlagen auf Dächern von öffentlichen Gebäuden, Hotels und Privathäusern gewinnen an Bedeutung, da die Insel eine hohe Motivation zur Energieautonomie hat. In einigen Pilotprojekten werden zudem Mini-Biomasseanlagen oder Holzheizungen genutzt, insbesondere für die Wärmeversorgung von Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden.
Die Insel ist dünn besiedelt, weshalb eine zentrale Wärmeversorgung wie in Großstädten kaum existiert. Stattdessen setzen viele Haushalte auf Holzöfen, Gas- oder Elektroheizungen. In kleineren Ortschaften gibt es vereinzelt Fernwärmenetze, die meist aus Biomasse gespeist werden. Innovative Projekte zur Nutzung erneuerbarer Energien für Heizung und Warmwasser sind auf Hiiumaa besonders gefragt, um fossile Brennstoffe zu reduzieren.
Die Energieversorgung auf Hiiumaa wird stark durch die Notwendigkeit geprägt, Unabhängigkeit und Resilienz zu gewährleisten. Die Inselbewohner legen großen Wert auf Energiesparen, effiziente Geräte und alternative Quellen. Lokale Behörden und Energieversorger fördern Programme zur Energieeffizienz, zum Ausbau von Solaranlagen und zur Reduzierung von CO₂-Emissionen.
Abfallwirtschaft
Auf der Insel wird der Abfall getrennt gesammelt, unter anderem in Restmüll, Papier, Verpackungen, Glas und Bioabfälle. In den größeren Ortschaften wie Kärdla sowie an zentralen Sammelstellen stehen entsprechende Container zur Verfügung. Zusätzlich gibt es Recyclinghöfe, auf denen Sperrmüll, Elektroschrott, Problemstoffe und Gartenabfälle abgegeben werden können. Da Hiiumaa über keine großen Entsorgungsanlagen verfügt, werden viele Abfälle zur weiteren Behandlung oder Verwertung auf das estnische Festland transportiert.
Die Abfallwirtschaft wird von kommunalen Einrichtungen und spezialisierten Unternehmen organisiert und richtet sich sowohl an Haushalte als auch an Betriebe und touristische Einrichtungen. Informationskampagnen und klare Entsorgungsregeln sollen das Umweltbewusstsein der Bevölkerung und der Besucher stärken. Insgesamt ist die Abfallwirtschaft auf Hiiumaa funktional, umweltorientiert und an die besonderen Bedingungen einer Insel angepasst, um die natürliche Schönheit und Lebensqualität langfristig zu erhalten.
Handel
Der Handel auf Hiiumaa ist stark auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und der Touristen ausgerichtet und zeichnet sich durch eine überschaubare, kleinteilige Struktur aus. Große Einkaufszentren oder Filialen internationaler Handelsketten sind auf der Insel kaum vertreten, stattdessen dominieren kleine Geschäfte und regionale Anbieter, die das tägliche Leben sichern.
In der Inselhauptstadt Kärdla konzentriert sich der größte Teil des Einzelhandels. Dort gibt es Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Bäckereien und Drogerien, die die Grundversorgung gewährleisten. Ergänzt werden sie durch kleinere Fachgeschäfte, etwa für Kleidung, Haushaltswaren oder Technik. In den Dörfern und kleineren Ortschaften finden sich meist Dorfläden, die ein begrenztes, aber wichtiges Sortiment anbieten und eine soziale Funktion für die Gemeinschaft erfüllen.
Eine besondere Rolle spielen Handwerks- und Souvenirläden, in denen lokale Produkte wie Kunsthandwerk, Textilien, Holzarbeiten oder regionale Lebensmittel verkauft werden. Vor allem in der Tourismussaison beleben diese Geschäfte das Inselleben. Darüber hinaus sind Wochenmärkte und Hofläden bedeutend, da sie frische, oft biologisch erzeugte Produkte direkt von Erzeugern anbieten. Insgesamt ist der Handel auf Hiiumaa funktional, regional geprägt und eng mit der ruhigen Lebensweise sowie dem nachhaltigen Tourismus der Insel verbunden.
Finanzwesen
Auf Hiiumaa sind Filialen oder Servicepunkte der großen estnischen Banken vertreten, vor allem in der Inselhauptstadt Kärdla. Diese Banken bieten grundlegende Dienstleistungen wie Kontoführung, Bargeldabhebung, Überweisungen und Kartenzahlungen an. Persönliche Beratung ist meist eingeschränkt verfügbar, da viele Finanzdienstleistungen in Estland stark digitalisiert sind und online abgewickelt werden. Geldautomaten sind auf der Insel vorhanden, allerdings in geringerer Zahl als auf dem Festland, weshalb insbesondere in ländlichen Gebieten vorausschauende Planung wichtig ist.
Für Unternehmen, landwirtschaftliche Betriebe und touristische Anbieter spielen Banken vor allem bei Investitionen, Förderprogrammen und Zahlungsabwicklung eine Rolle. Ergänzt wird das klassische Bankenwesen durch moderne Online-Banking- und Mobile-Payment-Systeme, die im Alltag weit verbreitet sind und auch auf Hiiumaa eine große Bedeutung haben. Insgesamt ist das Finanzwesen auf der Insel funktional, modern ausgerichtet und an die ruhige, kleinteilige Wirtschaftsstruktur Hiiumaas angepasst.
Soziales und Gesundheit
Das Sozialwesen auf der estnischen Insel Hiiumaa ist eng in das nationale estnische System integriert, das auf dezentraler, individueller und flexibler Hilfe basiert. Als Teil der Republik Estland profitieren die Inselbewohner von staatlichen Leistungen wie Renten, Arbeitslosenunterstützung, Kindergeld, Behinderungshilfen und Sozialdiensten, die vom Ministerium für Soziales koordiniert werden. Auf lokaler Ebene übernimmt die Hiiumaa vald (Landgemeinde) die Organisation von Sozialhilfe, Pflege und Unterstützung für Bedürftige. Aufgrund der kleinen Bevölkerung und der insularen Lage sind die Dienste stark gemeinschaftsorientiert: Es gibt enge Zusammenarbeit zwischen Gemeinde, Familienzentren und Freiwilligen.
Besondere Schwerpunkte liegen auf der Unterstützung älterer Menschen (die Insel hat einen hohen Altersdurchschnitt), Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderungen. Es existieren Pflegedienste zu Hause, Tageszentren und kleine Einrichtungen für betreutes Wohnen. Die Digitalisierung Estlands erleichtert den Zugang: Viele Anträge laufen online über das eesti.ee-Portal. Hiiumaa profitiert von EU-Fördermitteln und nationalen Programmen wie dem Child Guarantee Action Plan, die Armut und soziale Ausgrenzung bekämpfen. Insgesamt ist das Sozialsystem auf der Insel effektiv und bedarfsorientiert, mit Fokus auf Prävention und Integration in die kleine Gemeinschaft.
Gesundheitswesen
Das Gesundheitswesen auf Hiiumaa basiert auf dem estnischen Modell der Primärversorgung durch Familienärzte (perearst), ergänzt durch ein kleines lokales Krankenhaus. Die Grundversorgung erfolgt über mehrere Familienarztpraxen, zum Beispiel die Paevasaare Family Doctor in Kärdla oder andere in Käina und Emmaste. Jeder Bewohner kann sich bei einem perearst registrieren, der als Gatekeeper fungiert: Er koordiniert Behandlungen, Impfungen, Vorsorge und Überweisungen zu Spezialisten. Termine sind oft digital buchbar, und Hausbesuche sind möglich.
Das zentrale Hiiumaa Haigla (Hiiumaa-Krankenhaus) in Kärdla (Rahu tn 2) ist ein kleines Allgemeinkrankenhaus mit Poliklinik, Notaufnahme, stationärer Pflege, Chirurgie und grundlegender Diagnostik. Es bietet ambulante und stationäre Versorgung, inklusive Geburtshilfe und Rehabilitation. Für komplexe Fälle (zum Beispiel schwere Operationen oder Spezialbehandlungen) erfolgen Überweisungen auf das Festland, nach Haapsalu, Pärnu oder Tallinn – oft per Hubschrauber oder Fähre. Die Finanzierung läuft über die staatliche Krankenversicherung (Tervisekassa), die fast alle Bewohner abdeckt. Estlands digitales Gesundheitssystem (e-Health) ermöglicht nahtlosen Datenaustausch. Aufgrund der Isolation ist die Versorgung grundsolide, aber auf Prävention und Telemedizin angewiesen.
Krankheiten
Die häufigsten Krankheiten auf Hiiumaa entsprechen dem estnischen Durchschnitt, mit Fokus auf altersbedingte und lebensstilabhängige Erkrankungen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen (zum Beispiel Ischämische Herzkrankheit und Schlaganfall) sind die häufigste Todesursache, gefolgt von Krebs. Chronische Erkrankungen wie Diabetes, Asthma, Hypertonie und mentale Probleme (zum Beispiel Depressionen) sind verbreitet, verstärkt durch die alternde Bevölkerung.
Auf der Insel spielen zudem Zecken-übertragene Krankheiten eine Rolle: Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) sind in Estland zunehmend, da Zecken durch mildere Winter häufiger werden – die waldreiche Natur Hiiumaas begünstigt dies. Andere Infektionskrankheiten wie Keuchhusten oder Grippe treten saisonal auf. Die Lebenserwartung liegt in Estland bei zirka 79 Jahren (2025-Daten), auf Hiiumaa etwas darunter durch begrenzte Spezialversorgung, aber die gesunde Lebensweise (viel Natur, wenig Stress) wirkt positiv. Prävention durch Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen ist hoch; mentale Gesundheit gewinnt an Bedeutung. Insgesamt ist die Gesundheitslage stabil, mit niedriger Infektionsrate außer bei tick-borne diseases.
Bildung
Das Bildungswesen auf der estnischen Insel Hiiumaa ist geprägt von der kleinen Bevölkerungszahl und der insularen Lage, was zu einer kompakten, aber qualitativ hochwertigen Struktur führt. Es umfasst Kindergärten, Grundschulen, eine Sekundarschule und berufliche Bildung, die alle auf die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaft abgestimmt sind. Die Schulen sind estnischsprachig und folgen dem nationalen Curriculum, mit Fokus auf digitale Kompetenzen und Naturverbundenheit. Auf Hiiumaa gibt es mehrere Grundschulen (põhikoolid), darunter die Kärdla Basic School (für Schüler von 7 bis 16 Jahren) und die Suuremõisa Basic School.
Die Hiiumaa Gümnaasium in Kärdla ist die einzige allgemeinbildende Oberstufe (gümnaasium) und bietet eine breite Sekundarbildung mit guten Abschlussergebnissen. Die Hiiumaa Ametikool (Vocational School) in Suuremõisa spezialisiert sich auf berufliche Ausbildungen in Bereichen wie Landwirtschaft, Tourismus, Bau, Tierpflege und Dienstleistungen. Ab September 2026 plant das estnische Bildungsministerium die Fusion der Hiiumaa Gümnaasium und der Ametikool zu einer neuen staatlichen Schule, um Gymnasial- und Berufsbildung zu vereinen und die Qualität zu sichern. Kindergärten und Vorschulen sind in den größeren Orten verteilt. Insgesamt gewährleistet das System eine gute Erreichbarkeit, wenngleich viele Jugendliche für weiterführende Studien aufs Festland wechseln.
Höhere Bildung
Höhere Bildung (kõrgharidus) im Sinne von Universitäten oder Fachhochschulen existiert auf Hiiumaa nicht – es gibt keine eigenständige Universität, College oder angewandte Hochschule auf der Insel. Estland konzentriert seine höheren Bildungseinrichtungen auf das Festland (vor allem Tallinn und Tartu), und Hiiumaa-Bewohner studieren typischerweise dort oder online. Die Hiiumaa Ametikool bietet berufliche Sekundarbildung (kutseharidus), die teilweise als professionelle höhere Bildung gilt, aber keine akademischen Bachelor- oder Master-Abschlüsse. Sie umfasst Kurse in nachhaltiger Landwirtschaft, Tourismus, Restaurierung und anderen praktischen Bereichen, oft kombiniert mit E-Learning und Praktika. Gelegentliche Kooperationen mit Universitäten (konkret der Estonian University of Life Sciences) bringen Feldstudien oder Projekte auf die Insel, aber kein reguläres Studium. Für höhere Bildung müssen Inselbewohner pendeln oder umziehen, was die Abwanderung junger Menschen fördert. Die Schulfusion ab 2026 soll erweiterte berufliche Optionen schaffen, bleibt aber auf Sekundarstufe beschränkt.
Bibliotheken und Archive
Die Bibliotheken auf Hiiumaa sind zentralisiert und dienen als kulturelle Treffpunkte in der kleinen Gemeinschaft. Die Kärdla Linnaraamatukogu (Kärdla Stadtbibliothek) ist die Haupt- und Kreisbibliothek, gelegen im Kulturzentrum von Kärdla. Sie bietet eine große Sammlung an Büchern, Zeitschriften, digitalen Medien und Veranstaltungen, fördert lebenslanges Lernen und ist mit ID-Karte auch außerhalb der Öffnungszeiten zugänglich. Kleinere Filialen oder Schulbibliotheken ergänzen das Angebot in Orten wie Käina oder Emmaste.
Archive sind primär im Hiiumaa Muuseumid (Hiiumaa-Museen-Stiftung) integriert, die als zentrale Gedächtnisinstitution der Insel fungiert. Das Long House in Kärdla (Pikk Maja) beherbergt das Hauptmuseum mit Archiven zu Geschichte, Kultur und Alltagsleben, inklusive Dokumente, Fotos und Artefakte. Weitere Standorte wie das Kassari-Ausstellungshaus, das Mihkli Farm Museum oder das Hiiumaa Military Museum bewahren regionale Sammlungen. Es gibt keine separate staatliche Archivbehörde auf der Insel; historische Dokumente werden oft digital über nationale Plattformen (zum Beispiel FamilySearch oder estnische Staatsarchive) zugänglich. Die Museen und Bibliotheken kooperieren eng und machen Hiiumaa zu einem Ort, an dem Wissen und Erbe eng verknüpft sind.
Kultur
Die Kultur auf Hiiumaa zeichnet sich durch lebendige Volkstraditionen aus, darunter Festivals wie das Hiiumaa Folklore Festival mit estnischer Musik, Handwerk und Erzählkunst sowie das Homecoming Festival mit Pop-up-Cafés von Einheimischen. Historische Stätten wie die 13. Jahrhundert alte Pühalepa-Kirche, Leuchttürme (Kõpu, Ristna, Tahkuna) und traditionelle Bauernhöfe wie Mihkli sowie maritime Bräuche prägen das Erbe, ergänzt durch regionale Küche mit Fisch, Lamm und Hiiu-Brot.
Museen
Die Museen auf Hiiumaa werden größtenteils von der Stiftung SA Hiiumaa Muuseumid verwaltet, die seit den 1960er Jahren die kulturelle Erhaltung der Insel koordiniert. Sie umfassen mehrere Standorte, die sich auf Geschichte, Natur, Alltagsleben und Persönlichkeiten konzentrieren und oft in historischen Gebäuden untergebracht sind. Ergänzt werden sie durch unabhängige Spezialmuseen wie das Hiiumaa Military Museum. Insgesamt spiegeln die Museen die maritime, ländliche und militärische Vergangenheit Hiiumaas wider und sind beliebt bei Touristen, die die Inselgeschichte erkunden möchten.
Das zentrale Pikk Maja (Long House) in Kärdla dient als Hauptmuseum und ist in einem der längsten Holzgebäude Estlands (über 60 Meter, erbaut in den 1830er/1840er Jahren) untergebracht, das früher die Direktorenvilla der Tuchfabrik war. Es bietet Dauerausstellungen zur Inselgeschichte, Geologie, Seefahrt und Industrie sowie wechselnde Expositionen. Weitere Filialen sind das Kassari Muuseumimaja mit Fokus auf Natur und lokale Kultur, das Rudolf Tobias House Museum in Käina / Selja (dem Komponisten Rudolf Tobias gewidmet, mit Möbeln und Instrumenten aus dem 19./20. Jahrhundert) und das Mihkli Talumuuseum (Mihkli Farm Museum) in Malvaste, ein Freilichtmuseum, das das Bauernleben vor 200 Jahren zeigt.
Unabhängig davon gibt es das Hiiumaa Military Museum in Tahkuna (in einer ehemaligen Grenzstation), das sich auf Küstenverteidigung, Waffen und die Militärgeschichte (insbesondere WWII) konzentriert, sowie kleinere Einrichtungen wie das Soera Farm Museum (ein altes Bauernhofensemble) oder das Sõru Museum im Süden der Insel. Der Kõpu-Leuchtturm hat zwar eine kleine Ausstellung zur Schifffahrtsgeschichte, zählt aber primär als technisches Denkmal. Viele Museen sind saisonal geöffnet (Mai–September), bieten Führungen und kombinierte Tickets an und tragen zur Bewahrung des Hiiumaa-Erbes bei – ein Muss für Besucher, die tiefer in die Inselkultur eintauchen wollen.
Architektur
Die Architektur auf der estnischen Insel Hiiumaa ist geprägt von einer harmonischen Verbindung zur Natur, historischen Bauten aus Holz und Stein sowie funktionalen maritimen und ländlichen Strukturen. Die Insel zeichnet sich durch traditionelle estnische Volksarchitektur aus, ergänzt durch Leuchttürme, Herrenhäuser, Kirchen und Windmühlen, die oft aus lokalen Materialien wie Holz, Kalkstein oder Schilf errichtet wurden. Moderne Akzente setzen zeitgenössische Projekte, die Nachhaltigkeit und Windenergie thematisieren, während die Gesamterscheinung ruhig, funktional und naturnah bleibt – ohne hohe Gebäude oder urbane Dichte.
Zur historischen Architektur gehören:
- Leuchttürme als ikonische Wahrzeichen: Der Kõpu-Leuchtturm (erbaut ab 1531) ist einer der ältesten noch funktionierenden der Welt, ein massiver Steinbau mit quadratischem Sockel und pyramidaler Form. Weitere markante Türme sind Tahkuna (gusseiserne Konstruktion aus dem 19. Jahrhundert), Ristna und Sõru – sie verkörpern maritime Funktionalität und dienen als Orientierungspunkte.
- Herrenhäuser und Gutshöfe: Das Suuremõisa Schloss (18./19. Jahrhundert) ist ein barock-klassizistisches Ensemble mit Park, das die deutschbaltische Adelsarchitektur repräsentiert.
- Kirchen: Viele gotische oder historistische Steinkirchen wie Pühalepa (eine der ältesten Estlands), Reigi, Emmaste oder die orthodoxe Kuriste-Kirche (1873). Die Kassari-Kapelle (18. Jahrhundert) mit Schilfdach ist ein einzigartiges Beispiel traditioneller Dachdeckung.
- Holzbauten und Volksarchitektur: Das Pikk Maja (Langes Haus) in Kärdla, ein über 60 Meter langes Holzgebäude aus den 1830er und 1840er Jahren, ehemals Fabrikdirektorenvilla. Windmühlen wie die Postmühlen in Harju oder Aruselja (18./19. Jahrhundert) zeigen klassische Holzstrukturen auf Steinbasen. Freilichtmuseen wie Mihkli Talumuuseum oder Soera Farm Museum bewahren originale Bauernhöfe mit Scheunen, Wohnhäusern und Rauchsaunen.
Zeitgenössische Projekte integrieren sich sensibel in die Landschaft: Das Tuuletorn (Windturm-Erlebniszentrum) in Käina ist ein preisgekröntes modernes Gebäude, das Wind und Bewegung architektonisch widerspiegelt. Der Stadtplatz in Kärdla mit Holzpavillon und Markthalle betont natürliche Materialien. Private Villen und Ferienhäuser (zum Beispiel von Kosmos oder KAMP Arhitektid) sowie das geplante Wellness-Resort Eha (2025/26) zeigen minimalistischen, ökologischen Stil mit viel Glas und Holz.
Bildende Kunst
Die bildende Kunst auf der estnischen Insel Hiiumaa ist eng mit der insularen Natur, der maritimen Geschichte und der lokalen Identität verbunden. Sie umfasst Malerei, Grafik, Fotografie, Skulptur, Keramik und angewandte Kunst, oft inspiriert von Wäldern, Meer, Leuchttürmen und dem ruhigen Inselleben. Hiiumaa hat keine große Kunstszene wie Tallinn oder Tartu, doch eine aktive Gemeinschaft von Künstlern und Galerien, die durch Vereinigungen und Residencies gefördert wird.
Bekannte Künstler mit Hiiumaa-Bezug sind der surrealistische Maler Ülo Sooster (1924 bis 1970), ein gebürtiger Hiiumaa-Bewohner, dessen Jugendwerke im Hiiumaa-Museum erhalten sind, sowie Paul Kamm, der die Inselnatur in Grafiken und Zeichnungen festhielt. Weitere lokale Talente wie die Mei-Schwestern (mit Werken in nationalen Ausstellungen) oder zeitgenössische Künstler aus dem Verein HiKu (Hiiumaa Kunstnike Ühendus, gegründet 2008) bereichern die Szene mit Malerei, Design und Fotografie.
Zentrale Orte sind Galerien und Museen: Die Nelja Nurga Galerii in Kärdla (im Rathaus) zeigt Werke von Hiiumaa-Künstlern oder mit Inselbezug – Malerei, Skulpturen, Keramik und Design. Das Pikk Maja (Langes Haus) des Hiiumaa-Museums dient als Ausstellungsraum für Wechselausstellungen, zum Beispiel 2024 als Kunstjahr mit Werken von Konrad Mägi, Olev Subbi oder der Enn Kunila-Kollektion. Residencies wie Kordon in Kärdla laden internationale Künstler ein, fördern Experimente und veranstalten Events wie das Kordon Artist Film Festival.
Literatur
Die Literatur auf der estnischen Insel Hiiumaa ist tief mit der insularen Identität, der Natur und der Geschichte verbunden. Obwohl die Insel keine große literarische Metropole ist, hat sie zahlreiche bedeutende estnische Autoren hervorgebracht oder inspiriert, und die lokale Szene wird durch Events und Publikationen lebendig gehalten.
Zu den bekanntesten mit Hiiumaa verbundenen Schriftstellern gehören die Lyrikerin Marie Under (1883 bis 1980), deren Eltern aus Hiiumaa stammten und die als eine der einflussreichsten estnischen Dichterinnen gilt, sowie Ain Kalmus und Herman Sergo, die realistische Prosa über das Meer- und Inselleben schrieben. Weitere Namen sind Vaapo Vaher (Literaturwissenschaftler und Autor eines umfassenden Werks zur Hiiumaa-Literatur), Paul-Eerik Rummo (Dichter und Politiker), Ave Alavainu, Jaan Kross (der zeitweise auf der Insel lebte), Tõnu Õnnepalu und Fred Jüssi (Naturessayist). Viele Werke thematisieren die raue Schönheit der Insel, das Meer, Riesenmythen oder das ruhige Inselleben.
Ein Meilenstein ist das Buch "Hiiumaa kirjanduse lugu" von Vaapo Vaher (2019), das die Literaturgeschichte der Insel umfassend darstellt und zahlreiche Autoren porträtiert. 2022 wurde sogar ein Jahr der Literatur auf Hiiumaa ausgerufen, mit Veranstaltungen zum 80. Geburtstag von Paul-Eerik Rummo. Seitdem findet jährlich das Hiiumaa Kirjandusfestival (Literaturfestival) statt, zum Beispiel 2024 mit Fokus auf Kunst und Literatur, inklusive Lesungen, Diskussionen und Treffen mit Autoren in Kärdla.
Theater
Das Theater auf Hiiumaa ist gemeinschaftsorientiert und dezentral, ohne ein eigenes professionelles Ensemble oder festes Theaterhaus. Stattdessen finden Aufführungen in Kulturzentren, Dorfhäusern oder Open-Air-Locations statt, oft organisiert von lokalen Amateurgruppen, Gastensembles oder Festivals.
Das Viscosa Kultuuritehas in Kärdla (ehemalige Tuchfabrik) ist ein zentraler Veranstaltungsort für Theateraufführungen, Konzerte und Performances. Hier gastieren nationale Theater wie das Kuressaare Teater oder das Vanemuine aus Tartu mit Stücken für Erwachsene und Kinder. Beliebte Events umfassen Kinderstücke wie „Jussikese 12 sõpra“ oder „Sipsik“, aber auch experimentelle Performances. Früher gab es das Hiiumaa TantsuFestival (Tanz- und Theaterfestival) in Käina mit zeitgenössischen Stücken.
Amateurtheater wird von lokalen Gruppen gepflegt, zum Beispiel durch Schulen oder Vereine, und integriert sich in Festivals wie das Võnge Festival (mit Theater-Elementen wie Pony-Shows) oder das Hiiumaa Homecoming Festival. Gastspiele aus Tallinn oder Tartu bringen professionelles Theater auf die Insel, oft im Kärdla Kulturikeskus. Die Szene ist intim, naturverbunden und familienfreundlich – ein Spiegel der ruhigen Inselgemeinschaft.
Film
Der Film auf Hiiumaa dreht sich um ein kleines, aber engagiertes Kino und gelegentliche Screenings, die die Inselkultur bereichern. Es gibt kein großes Multiplex, aber das Hiiumaa Kino (betreiben von der MTÜ Hiiumaa Kino) ist ein Highlight: Der Haupt-Kinosaal in Kärdla (im Kulturzentrum) zeigt aktuelle Blockbuster, estnische Filme, Kinderfilme und Arthouse-Streifen. Zusätzlich gibt es Pop-up-Screenings in Dorfhäusern wie Orjaku külamaja.
Das Kino ist modern, mit Online-Ticketbuchung und einem Programm, das von Familienfilmen bis zu estnischen Produktionen reicht. Special Events wie "Soovikino" (Wunschfilme) oder Themenwochenenden machen es interaktiv. Größere Festivals finden nicht direkt auf Hiiumaa statt, aber benachbarte Events wie das Haapsalu Horror and Fantasy Film Festival (HÕFF) oder Screenings im Kordon-Residency (mit Künstlerfilmen) bringen Filmkunst auf die Insel.
Musik und Tanz
Die Musik auf Hiiumaa ist stark von der estnischen Folk-Tradition geprägt, ergänzt durch Jazz, klassische und moderne Elemente. Die Insel hat eine lebendige Szene mit Chören, Folk-Bands und jährlichen Festivals, die oft in Kirchen, Kulturzentren oder Open-Air-Locations stattfinden und die enge Verbindung zur Natur und zur lokalen Identität betonen.
Zentrale Festivals sind das Hiiu Folk, ein familienfreundliches, alkoholfreies Folk-Musik-Festival (seit Jahren etabliert, nächstes 17.–19. Juli 2026), das estnische Künstler wie Mari Jürjens oder Vaiko Eplik präsentiert und Workshops sowie Naturwanderungen integriert. Das Pühalepa Music Festival (jährlich im August) fokussiert auf frühe und zeitgenössische Musik in der historischen Pühalepa-Kirche. Sõru Jazz bringt Sommer-Jazz mit bekannten estnischen Musikern in den Süden der Insel, während das Võnge Festival (zuletzt 2025 in der Viscosa Kultuuritehas) moderne und experimentelle Klänge bietet.
Lokale Gruppen wie die Hiiumaa Pillisõprade Selts spielen traditionelle Instrumentalmusik für Tänze und Veranstaltungen. Chöre und Brass Bands nehmen regelmäßig am nationalen Laulu- ja Tantsupidu teil. Die Musikszene ist community-basiert, naturverbunden und zieht durch ihre Authentizität Besucher an – ein Spiegel der ruhigen, folkloristischen Hiiumaa-Kultur.
Der Tanz auf Hiiumaa ist vor allem durch estnischen Volkstanzen (rahvatants) geprägt, der in Gruppen gepflegt wird und stark mit der nationalen Tradition des Tantsupidu (Tanzfest) verbunden ist. Lokale Tanzgruppen aus Hiiumaa treten regelmäßig beim alle fünf Jahre stattfindenden nationalen Tanzfestival auf, wo Tausende Tänzer zusammenkommen.
Auf der Insel selbst gibt es aktive Rahvatants-Ensembles, zum Beispiel Segarühm Joondu oder Gruppen, die mit der Hiiumaa Pillisõprade Selts zusammenarbeiten und traditionelle Tänze wie „Kiigadi-kaagadi“ oder „Kaerajaan“ aufführen. Events wie der Hiiumaa Laulu- ja Tantsupäev kombinieren Gesang und Tanz, oft mit lokalen Chören und Musikern. Früher gab es das Hiiumaa TantsuFestival mit zeitgenössischen und folkloristischen Elementen. Tanz wird in Schulen, Kulturhäusern und bei Festivals wie Hiiu Folk oder Koolitants (Schultanzwettbewerb) gefördert.
Kleidung
Im Alltag tragen viele Einwohner praktische und robuste Kleidung, die für Arbeit im Freien, Spaziergänge in der Natur oder handwerkliche Tätigkeiten geeignet ist. Jacken gegen Wind und Regen, feste Schuhe sowie warme Pullover sind das ganze Jahr über wichtig. Auch im Sommer gehört eine zusätzliche Schicht Kleidung oft dazu, da sich das Wetter schnell ändern kann. Sport- und Outdoorbekleidung ist daher weit verbreitet.
Eine besondere Bedeutung hat die traditionelle Tracht (Rahvariided), die vor allem bei kulturellen Festen, Tanz- und Gesangsveranstaltungen getragen wird. Die hiiumaaische Tracht zeichnet sich durch schlichte Farben, gewebte Stoffe, Streifenmuster und handgefertigte Details aus. Sie ist ein Ausdruck regionaler Identität und handwerklicher Tradition.
Im Handel sind auf Hiiumaa vor allem kleinere Bekleidungsgeschäfte vertreten, die Grundbedarf und praktische Kleidung anbieten. Ergänzt wird dies durch selbst gefertigte Kleidung, Strickwaren und Accessoires aus Wolle und Leinen, die auf Märkten oder in Handwerksläden verkauft werden. Insgesamt spiegelt die Kleidung auf Hiiumaa die Nähe zur Natur, die Bodenständigkeit der Bewohner und den bewussten, nachhaltigen Lebensstil der Insel wider.
Kulinarik und Gasronomie
Die Küche der Insel sind geprägt von frischen, lokalen Zutaten, maritimen Einflüssen und einer Mischung aus traditioneller estnischer Küche mit modernen Akzenten. Die Insel betont Nachhaltigkeit, saisonale Produkte und die Verwendung von Wildbeeren, Fisch, Lamm und Kräutern aus der unberührten Natur – oft unter dem Motto "slow food" und lokaler Produktion. Hiiumaa ist Teil der estnischen Insel-Flavours-Route und feiert regelmäßig Events wie das "Jahr der Aromen", bei dem Spezialitäten wie Garfish (eine lokale Fischart) oder Lamm im Mittelpunkt stehen.
Traditionelle Gerichte umfassen frischen oder geräucherten Fisch (speziell Hering und Lachs), Lamm- oder Rindfleisch von Salzwiesenweiden, Wildbeeren (Preiselbeeren, Heidelbeeren), Pilze, hausgemachtes Brot und Produkte wie Honig, Senf oder Chutneys von lokalen Farmen. Beliebt sind auch Gerichte mit Rauchsauna-Schinken, fermentierten Produkten oder Kräutertees (zum Beispiel von Hiiu Gourmet). Viele Restaurants kombinieren diese mit internationalen Einflüssen, zum Beispiel italienisch oder modern-europäisch.
Die Gastronomie ist überschaubar und familiengeführt: Zu den Top-Adressen gehören Ungru Restoran (am Meer, mit lokalen Zutaten und moderner Fusion), Mamma Mia (italienische Pizza und Pasta mit Hiiumaa-Produkten in Kärdla), Hiiumaa Pruulikoja Resto (Pub mit lokalen Bieren und europäischen Gerichten), Rannapaargu oder iiUmekk (seaside Flavours). Weitere Highlights sind Cafés wie Emmaste Teemaja (hausgemachte estnische Küche) oder Kala ja Võrk (Fischspezialitäten). Viele Orte bieten vegetarische Optionen und fokussieren auf Bio-Qualität. Die Szene ist saisonal stark touristisch geprägt, mit Fokus auf Authentizität und Naturverbundenheit – ideal für Genießer, die ruhige, hochwertige Mahlzeiten suchen.
Festkultur
Auf Hiiumaa gelten die estnischen Feiertage.
- 1. Januar - Neujahr
- 24. Februar - Nationalfeiertag
- Ende März / Anfang April 2009 - Ostern
- 1. Mai - Maifeiertag
- 23. Juni - Võidupüha (Siegestag)
- 24. Juni - Jaanipäev (Johannistag, die estnische Mittsommernachtsfeier)
- 20. August - Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit
- 25./26. Dezember - Weihnachten
Medien
Das zentrale Medium ist die Hiiu Leht, die führende Wochenzeitung und Online-Nachrichtenquelle der Insel. Sie erscheint seit dem 20. Juni 1997 (zunächst wöchentlich, ab 1998 zweimal pro Woche) und wird von Hiiu Meedia OÜ herausgegeben. Die Zeitung berichtet umfassend über lokale Ereignisse, Politik, Kultur, Polizei- und Rettungsmeldungen sowie Meinungen. Sie hat eine starke digitale Präsenz auf hiiuleht.ee mit täglichen Updates, Podcasts (zum Beispiel „Hiiu Lehe minutid“), Videos und Social-Media-Kanälen (Facebook, Instagram, YouTube). Hiiu Leht gilt als unverzichtbar für die Inselgemeinschaft und stärkt den lokalen Zusammenhalt.
Radio ist auf Hiiumaa gut vertreten: Der regionale Sender Raadio Kadi (90.1 FM) sendet speziell für die Insel (und Teile Saaremaas), mit einem Mix aus Musik, lokalen Nachrichten und Unterhaltung – es ist eine der ersten privaten Stationen Estlands außerhalb Tallinns. Nationale Sender wie ERR Raadio 2 (99.1 FM) oder andere ERR-Programme sind ebenfalls empfangbar und bieten breiteres Programm.
Fernsehen gibt es kein lokales – die Bewohner nutzen nationale Kanäle wie ERR (öffentlich-rechtlich), Kanal 2 oder TV3. Lokale Ereignisse werden gelegentlich in ERR-Nachrichten oder Postimees aufgegriffen. Online ergänzen Portale wie hiiumaa.ee (offizielle Gemeindeseite mit News) oder Social Media die Berichterstattung.
Kommunikation
Die Postleitzahlen der Insel sind 92401 bis 92420. Die Telefonvorwahl lautet 0(0372)46.
Sport
Aufgrund der überschaubaren Bevölkerungszahl und der ländlichen Struktur stehen weniger leistungsorientierter Spitzensport, sondern vielmehr Breiten-, Freizeit- und Natursport im Vordergrund. Gleichzeitig hat Hiiumaa im estnischen Vergleich einen guten Ruf für aktive Erholung und sportliche Veranstaltungen. Besonders beliebt sind Outdoor-Sportarten, da die Landschaft der Insel mit Wäldern, Küsten, Mooren und wenig Verkehr ideale Bedingungen bietet. Radfahren und Wandern sind sehr beliebt, sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen. Gut ausgebaute Wege und ruhige Straßen ermöglichen lange Touren, während Naturpfade durch Schutzgebiete sportliche Bewegung mit Naturerlebnis verbinden. Im Winter spielen Langlauf und Eislaufen eine Rolle, sofern die Wetterbedingungen es zulassen.
Durch die Lage an der Ostsee sind Wasser- und Windsportarten von großer Bedeutung. Segeln, Kajakfahren, Stand-up-Paddling und Rudern werden in Küstennähe und in den Buchten betrieben. Auch Kitesurfen und Windsurfen haben sich etabliert, da Hiiumaa für konstante Winde bekannt ist. In den Sommermonaten ist zudem das Schwimmen in der Ostsee oder in Seen ein wichtiger Freizeitsport.
Der Vereinssport ist auf Hiiumaa gut organisiert und spielt eine zentrale Rolle für den sozialen Zusammenhalt. In Sportvereinen werden unter anderem Fußball, Basketball, Volleyball, Leichtathletik, Ringen und Turnen angeboten, besonders für Kinder und Jugendliche. Sporthallen, Schulturnhallen und Sportplätze – vor allem in Kärdla – dienen als Trainings- und Wettkampfstätten. Regelmäßige lokale Turniere und Inselmeisterschaften fördern die Beteiligung der Bevölkerung.
Eine besondere Stellung nehmen Sportveranstaltungen und traditionelle Wettkämpfe ein. Laufveranstaltungen, Radrennen, Orientierungsläufe und Mehrkampfwettbewerbe ziehen Teilnehmer aus ganz Estland an. Der bekannte Hiiumaa-Marathon sowie Volksläufe und Triathlon-ähnliche Wettbewerbe verbinden sportliche Leistung mit Naturerlebnis und stärken den Tourismus.
Persönlichkeiten
Die wichtigsten von der Insel stammenden Persönlichkeiten sind:
- Juhan Maaker (1845 bis 1930), estnischer Volksmusiker
- Roman von Ungern-Sternberg (1885 bis 1921), Militärkommandant der Weißen im Russischen Bürgerkrieg
- Aleksander Maaker (1890 bis 1968), letzter Meister des estnischen torupill (Dudelsack)
- Lydia Mei (1896 bis 1965), Künstler
- Natalie Mei (1900 bis 1975), Künstler
- Erkki-Sven Tüür (* 1959), klassischer Komponist
Fremdenverkehr
Die Ostseeinsel ist ein beliebtes Touristenziel vor allem für Biker aus dem deutschsprachigen Raum und Skandinavien. Nicht wenige haben dort ihre Ferienhäuser. Die Fahrt mit der Autofähre vom Festland dauert anderthalb Stunden.
Die Iunsel ist geprägt von Ruhe, Natur und sanftem Tourismus. Besucher schätzen vor allem die weiten Wälder, unberührten Strände, Leuchttürme und die entspannte Atmosphäre fernab vom Massentourismus. Entsprechend vielfältig, aber überschaubar sind die Unterbringungsmöglichkeiten, die sich gut in die natürliche Umgebung einfügen.
Auf Hiiumaa gibt es kleine Hotels und Pensionen, vor allem in und um die Inselhauptstadt Kärdla, die komfortable Zimmer und oft persönlichen Service bieten. Sehr beliebt sind außerdem Gästehäuser und Ferienwohnungen, die sich sowohl für Paare als auch für Familien eignen und ein hohes Maß an Flexibilität ermöglichen. Eine besondere Rolle spielen Bauernhöfe und Landunterkünfte, auf denen Besucher das ländliche Leben kennenlernen, regionale Produkte genießen und die Natur unmittelbar erleben können. Für Naturliebhaber stehen zudem Campingplätze und einfache Hütten zur Verfügung, die vor allem in den Sommermonaten stark genutzt werden. Ergänzt wird das Angebot durch Wellness- und Spa-Unterkünfte, die Entspannung mit der ruhigen Insellandschaft verbinden. Insgesamt bietet Hiiumaa passende Unterkünfte für unterschiedliche Ansprüche und trägt damit zu einem nachhaltigen und naturnahen Tourismus bei.
Gästezahlen 2004:
- insgesamt 16.740
- davon Esten 11.068
- Finnen 3.046
- Letten 745
- Deutsche 556
- Schweden 525
Literatur
- wikipedia = https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Hiiumaa_Parish
- wikitravel = https://wikitravel.org/en/Hiiumaa
- wikivoyage = https://de.wikivoyage.org/wiki/Hiiumaa
- Marc Vorsatz: Eine Insel für die Seele, in Weser-Kurier 15.9.2024 = https://www.weser-kurier.de/ratgeber/reise/hiiumaa-ruhe-und-natur-auf-estlands-zweitgroesster-insel-entdecken-doc7x5i1kuuic5afxtzfpr
Reiseberichte
- Der reisende Reporter: Hiiumaa, die Insel der Abenteuer (20.9.2020) = https://andreas-moser.blog/2020/09/29/hiiumaa/
- Geertje: Die estnische Insel Hiiumaa in einem Tag (28.10.2018) = https://www.nordicfamily.de/die-estnische-insel-hiiumaa-an-einem-tag/
Videos
- Hiiumaa via drone = https://www.youtube.com/watch?v=SaJh1hcu5Uo
- Baltikum-Tour 2021: Die Insel Hiumaa = https://www.youtube.com/watch?v=LiCxJQIvyyk
Atlas
- Hiiumaa, openstreetmap = https://www.openstreetmap.org/#map=10/58.8905/22.3132
- Hiiumaa, ADAC = https://maps.adac.de/poi/hiiumaa-kaerdla
- Hiiumaa, Satellit = https://latitude.to/satellite-map/ee/estonia/19978/hiiumaa
Reiseangebote
Visit Estonia - die Insel Hiiumaa = https://visitestonia.com/de/reiseziele/die-insel-hiiumaa
Forum
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