Ösel (Saaremaa): Unterschied zwischen den Versionen

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== '''Verwaltung''' ==
== '''Verwaltung''' ==
Saaremaa ist die Hauptinsel des Kreises Saare (estnisch ebenfalls ''Saaremaa'' oder ''Saare maakond'') in der Republik Estland.
Saaremaa ist die Hauptinsel des Kreises Saare (estnisch ''Saare maakond'') in der Republik Estland.




'''Herrschaftsgeschichte'''
'''Herrschaftsgeschichte'''


* 9. Jahrhundert bis 1222 Öselische Königtümer (''Oesilienses oder paganos Estones de Osilia insula'')
* 9. Jahrhundert bis 1222 Öselische Königtümer (''Oesilienses'' bzw. ''paganos Estones de Osilia insula'')
* 1222 bis 1227 Königreich Dänemark (''Kongedømmet Danmark'')
* 1222 bis 1227 Königreich Dänemark (''Kongedømmet Danmark'')
* 1227 bis 1559/60 Fürstbistum Ösel-Wiek (''Saare-Lääne piiskopkond''), unter dem Heiligen Römischen Reich (''Sacrum Romanum Imperium'') als Teil von Terra Mariana / Livland
* 1227 bis 1559/60 Fürstbistum Ösel-Wiek (''Saare-Lääne piiskopkond''), unter dem Heiligen Römischen Reich (''Sacrum Romanum Imperium'') als Teil von Terra Mariana / Livland

Version vom 7. Januar 2026, 18:56 Uhr

Saaremaa, das frühere Ösel, ist die viertgrößte der Ostsee. Sie liegt vor der Küste Estlands mit traditionell guten Verbindungen zum auf der anderen Seite des Meeres liegenden Schweden. Vor rund 4000 Jahren schlug hier ein Meteorit ein und hinterließ den Kaali-Meteoritenkrater.

Inselsteckbrief
offizieller Name Saaremaa
alternative Bezeichnungen Eysýsla, Eysysla (10. Jahrhundert), Osilia (lateinisch), Saarenmaa (finnisch), Sāmsala (lettisch), Ösel (schwedisch, deutsch), Øsel (schwedisch), Oysl (gutnisch), Serama (polnisch)
Kategorie Meeresinsel
Inseltyp echte Insel
Inselart Sedimentinsel
Gewässer Ostsee (Läänemeri) mit Rigabucht (Liivi laht)
Inselgruppe Moonsund-Inseln (Lääne-Eesti saartekonna)
politische Zugehörigkeit Staat: Estland (Eesti Vabariik)
Provinz: Saare (Saare maakond)
Gliederung 12 osavallad (Bezirke)
1 linn (Stadt)
8 alevikud (Kleinstädte)
441 külad (Dörfer)
Status Inselgemeinde (vald)
Koordinaten 58°15‘ N, 22°30‘ O
Entfernung zur nächsten Insel 20 m (Pulgalaid), 2,0 km (Muhu), 5,3 km (Dagö)
Entfernung zum Festland 15,7 km (Virtsu / Estland)
Fläche 2.672,5 km² / 1.031,85 mi² (Gemeinde 2.718 km² / 1.049,4 mi²)
geschütztes Gebiet 343,5 km² / 132,6 mi² (12,85 %)
maximale Länge 94,9 km (NO-SW)
maximale Breite 58,5 km (NW-SO)
Küstenlänge 854 km
tiefste Stelle 0 m (Ostsee)
höchste Stelle 54 m (Viidu Raunamägi)
relative Höhe 54 m
mittlere Höhe 15 m
maximaler Tidenhub 0,01 is 0,03 m (Kuressaare 0,02 m)
Zeitzone IAE (Ida-Euroopa Aeg / Osteuropäische Zeit, UTC+2)
Realzeit UTC plus 1 Stunde 34 bis 5 Minuten
Einwohnerzahl 29.557 (2021)
Dichte (Einwohner pro km²) 11,06, bezogen auf das Verwaltungsgebiet 10,88
Inselzentrum Kuressaare


Name

Die größte estnische Insel trägt heute den offiziellen Namen Saaremaa, gesprochen [ˈsɑˑreˌmɑː], was wörtlich „Insel-Land“ bedeutet - gebildet aus den estnischen Wörtern saar „Insel“ und maa „Land“. Abgeleitet davon ist die finnische Bezeichnung Saarenmaa und die polnische Serama.

In alten skandinavischen Quellen, insbesondere in isländischen Sagas, wird die Insel als Eysýsla oder Eysysla bezeichnet. Dieser altnordische Name bedeutet ebenfalls „Inselbezirk“ oder „Landbezirk der Insel“ - von altnordisch ey „Insel“ und sýsla „Bezirk, Verwaltungseinheit“. Die Übereinstimmung mit dem estnischen Namen ist bemerkenswert - beide drücken inhaltlich dasselbe aus. Aus Eysýsla entwickelten sich die historischen Namen in anderen Sprachen, so etwa dänisch Øsel,  deutsch und schwedisch Ösel, gutnisch (gotländisch) Oysl und lateinisch Osilia, zu finden etwa in mittelalterlichen Chroniken wie der des Heinrich von Lettland. Diese Varianten dominierten vom 13. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert international, etwa im Namen des Bistums Ösel-Wiek. Die in manchen populären Quellen genannte Erklärung, dass Ösel „Insel der Nacht“ bedeute, ist nicht durch zuverlässige historische oder sprachwissenschaftliche Quellen belegt.

Der Name Eysýsla steht oft im Kontrast zu Aðalsýsla oder Adalsysla, was „das große Land“ oder „der Hauptbezirk“ bedeutet. Dies bezieht sich auf das estnische Festland und entspricht ungefähr dem estnischen Suuremaa oder Suur Maa „Großland“. Im Lettischen heißt die Insel Sāmsala. Diese Bezeichnung wird häufig als „Insel der Sami“ interpretiert (von lettisch sāmi für Sami bzw. Lappen), wobei die genaue Etymologie jedoch unsicher ist und auch auf andere finno-ugrische oder livische Einflüsse hindeuten könnte.

  • international:  Saaremaa
  • altnordisch:  Eysýsla, Eysysla
  • amharisch:  ሳሬማ [Sārēma]
  • arabisch:  ساريماء [Sārīmāʾ]
  • armenisch:  Սաարեմաա [Saaremaa]
  • bengalisch:  সারেমা [Sāremā]
  • birmanisch:  ဆာရေမာ [Sàrèmà]
  • bulgarisch:  Сааремаа [Saaremaa]
  • chinesisch:  萨雷马 [Sàléimǎ]
  • dänisch:  Øsel
  • deutsch: Ösel
  • finnisch: Saarenmaa
  • georgisch:  საარემაა [Saaremaa]
  • griechisch:  Σααρέμαα [Saarémaa]
  • gudscheratisch:  સારેમા [Sāremā]
  • gutnisch:  Oysl
  • hebräisch:  סארמאה [Sarema]
  • hindi:  सारема [Sāremā]
  • japanisch:  サーレマー [Sāremā]
  • kambodschanisch:  សារេម៉ា [Saaremaa]
  • Kkanaresisch:  ಸಾರೆಮಾ [Sāremā]
  • kasachisch:  Сааремаа [Saaremaa]
  • koreanisch:  사레마 [Sarema]
  • laotisch:  ສາເຣມາ [Sārema]
  • lateinisch:  Osilia
  • lettisch:  Sāmsala
  • litauisch:  Saremos sala
  • makedonisch:  Сарема [Sarema]
  • malayalam:  സാരെമാ [Sāremā]
  • maldivisch (Dhivehi):  ސާރެމާ [Sāremā]
  • marathisch:  सारेमा [Sāremā]
  • nepalesisch:  सारема [Sāremā]
  • orissisch:  ସାରେମା [Sāremā]
  • pandschabisch:  ਸਾਰੇਮਾ [Sāremā]
  • paschtunisch:  ساریما [Sārīmā]
  • persisch:  سارما [Sāremā]
  • polnisch:  Serama
  • russisch:  Сааремаа [Saaremaa]
  • serbisch:  Сарема [Sarema]
  • singhalesisch:  සාරේමා [Sārēmā]
  • tamilisch:  சாரெமா [Sāremā]
  • telugu:  సారెమా [Sāremā]
  • thai:  ซาเรมา [Sāremā]
  • tibetisch:  ས་རེ་མཱ [Sa re mā]
  • ukrainisch:  Сааремаа [Saaremaa]
  • urdu:  سارے ما [Sāre mā]
  • weißrussisch:  Саарэмаа [Saaremaa]


Offizieller Name:  Saaremaa

  • Bezeichnung der Bewohner:  Saarlased (Öselier)
  • adjektivisch: saalane (öselisch)

Kürzel:

  • Code:  SA / SAR
  • Kfz:  -
  • ISO-Code:  EE-SA

Lage

Ösel gehört zu den Moonsund-Inseln. Sie liegt im nordöstlichen Bereich der Ostsee, westlich von der Küste Estlands, durch den Bottnischen Meerbusen von Finnland getrennt. Sie befindet sich auf durchschnittlich 58°15‘ n.B. und 22°30‘ ö.L.. Die zweitgrößte estnische Insel Hiiumaa (Dagö) liegt etwa 6 km vom nördlichsten Punkt der Pammana-Halbinsel entfernt.


Geografische Lage:

  • nördlichster Punkt:  58°38‘03“ n.B. (Pihlalaid)
  • südlichster Punkt:  57°53‘23“ n.B. (Vesitükimaa)
  • östlichster Punkt:  23°26‘15“ ö.L. (Viirilaid)
  • westlichster Punkt:  21°45‘51“ ö.L. (Nootama)


Entfernungen:

  • Pulgalaid  40 m
  • Udriku laid  270 m
  • Moon (Muhu)  2 km
  • Dagö (Hiiumaa)  5,4 km
  • Virtsu / Estland  15,7 km
  • Lettland  30 km
  • Tallinn 134 km
  • Gotland  150 km
  • Riga  162 km
  • Schweden  194 km
  • Helsinki  217 km
  • Stockholm  246 km

Zeitzone

Auf der Insel Ösel gilt wie in Estland die Ida-Euroopa Aeg bzw. Eastern European Time (Osteuropäische Zeit, UTC+2), abgekürzt IAE bzw. EET (OEZ), eine Stunde vor der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ), mit sommerzeitlicher Umstellung zur Ida-Euroopa Suveaeg bzw. Eastern European Summer Time (Osteuropäische Sommerzeit), kurz IES bzw. EEST (OESZ) zwischen Ende März und Ende Oktober. Die Realzeit liegt um eine Stunde und 34 bis 53 Minuten vor der Koordinierten Weltzeit (UTC).

Fläche

Saaremaa ist mit etwa 2.672,5 km² bzw. 1.031,85 mi² die größte Insel Estlands. Sie ist die viertgrößte Ostseeinsel nach Seeland, Fünen und Gotland und begrenzt den Rigaischen Meerbusen (estnisch Liivi Laht) in seinen nördlichen Gewässern. Die Nordost-Südwestausdehnung der Insel beträgt 94,9 km, die Entfernung zwischen westlichstem und östlichstem Punkt 86,5 km, zwischen Nordwesten und Nordosten beträgt die Breite der Insel 58,5 km. Der Landkreis Saaremaa hat eine Gesamtfläche von 2.718 km², mit Moon (Muhu) 2.924 km². Er umfasst neben Ösel noch Ruhnu, Abruka, Vilsandi und 157 weitere kleine Inseln. Der höchste Punkt der Insel, der Viidu Raunamägi, liegt auf 54 m, die mittlere Seehöhe bei 15 m, der Tidenhub 0,02 bis 0,04 m, bei Kuressaare 0,03 m. Die Küste hat eine Gesamtlänge von 854 km, mit Nebeninseln rund 1300 km.

Geologie

Die Insel Saaremaa, die größte Insel Estlands, ist geologisch vor allem durch ihre paläozoischen Sedimentgesteine geprägt. Der Untergrund besteht vollständig aus Schichten des Silur (vor etwa 443 bis 419 Millionen Jahren), hauptsächlich aus Kalkstein und Dolomit. Diese Gesteine entstanden in einem flachen tropischen Meer, das den Baltischen Schild bedeckte, und sind reich an Fossilien wie Korallen, Brachiopoden, Trilobiten, Crinoiden und Stromatoporen. Besonders die Küstenkliffe (Pangad) im Norden (zum Beispiel Panga Pank) und auf der Halbinsel Sõrve (zum Beispiel Ohesaare und Kaugatuma) exponieren diese silurischen Schichten und gelten als einige der besten Aufschlüsse Estlands. Hier finden sich endemische Arten, darunter Crinoiden-Gattungen wie Saaremaacrinus, die nur auf Saaremaa vorkommen.

Die Insel ist relativ flach und niedrig (durchschnittliche Höhe rund 15 m über dem Meeresspiegel, höchster Punkt 54 m), was auf die horizontale Lagerung der Sedimente und die geringe tektonische Beanspruchung zurückzuführen ist. Typisch sind Alvare – dünnbodige Kalkflächen mit spezieller Vegetation – sowie Karstphänomene, da der Kalkstein löslich ist.

Der Archipel war noch in der letzten Eiszeit von dichten Eismassen bedeckt, welche unter enormem Druck die Erdkruste unterhalb der Inseln senkten. Mit dem Abschmelzen des Eises hoben sich die Landmassen unter dem geringer werdenden Druck, ein erdgeschichtlicher Vorgang der bis in die Gegenwart andauert, denn Saaremaa gewinnt rund 2 mm jährlich an Höhe dazu. Von geologischem Interesse ist der in Steinbrüchen bei Kaarma (Kermel) abgebaute und zu Kunsthandwerk verarbeitete Dolomit.

Der 18 km von Kuressaare im Wäldchen bei Kaali gelegene Kaali Meteoriidikraater ist umgeben von einem 16 m hohen Erdwall, der einen Durchmesser von 110 m hat und einen 50 m großen grünlichen Tümpel bildet. Im weiteren Umfeld des Einschlagkraters lassen sich acht Nebenkrater finden, die mit Durchmessern zwischen 15 und 40 m deutlich kleiner ausfallen.

Der wahrscheinlich vor 4000 Jahren eingeschlagene Meteorit wurde zwar in keinen einheimischen Schriften erwähnt, doch hinterließ der Einschlag Spuren in finnischen und skandinavischen Überlieferungen und soll auch vom griechischen Autor Pytheas in seinen Aufzeichnungen erwähnt worden sein. Jedoch haben sich bis heute Mythen in der Bevölkerung Saaremaas erhalten. So soll die Erde hier aus Entsetzen über eine Geschwisterheirat die Traukirche verschlungen haben. Eine andere Sage berichtet von einem Gutsherrn, der nach einer zügellosen Orgie samt Gutshof und Feiergesellschaft vom Erdboden verschlungen worden sein soll.

Im 18. und 19. Jahrhundert entstanden verschiedene Theorien über einen Vulkanausbruch, Salzaufpressungen, eine Gasexplosion oder ein vorzeitliches Wasserreservoir. Die Deutung als Einschlagskrater wurde erstmals von Alfred Wegener vorgeschlagen, der 1927, im Rahmen einer Reihe von Gastvorlesungen in Riga, auch die Insel Saaremaa besuchte. Schließlich konnte der Geologe I. Rheinwald im Jahre 1937 nach Funden verkohlter Holzreste und Meteoritenbruchstücke mit einem Nickelgehalt von 8,3 % eindeutig den Einschlag eines Eisenmeteoriten nachweisen.

Weitere Nachforschungen vervollständigten das heute anerkannte Gesamtbild. So wird vermutet, dass ein ursprünglich 400 bis 10.000 Tonnen schwerer Meteorit aus nordöstlicher Richtung mit einer Geschwindigkeit von 15 bis 45 km/s in die Erdatmosphäre eintrat, durch die auftretende Reibung stetig Masse verlor und schließlich in einer Höhe von etwa 5 bis 10 km in mehrere Fragmente auseinanderbrach. Das größte dieser Fragmente schlug mit einem Gewicht von 20 bis 80 Tonnen und einer Aufprallgeschwindigkeit von 10 bis 20 km/s auf und hinterließ den besagten Krater. Weitere kleinere Bruchstücke verursachten die acht Nebenkrater.

Landschaft

Saaremaa ist weitgehend durch eine auffallend flache Topografie geprägt, die höchste Erhebung, der Viidu Raunamägi liegt bei Kihelkonna (Kielkond) im Westen der Insel im 1957 gegründeten Naturreservat Viidumäe und erreicht nur etwa 54 m. Wie auch große Teile des Festlandes ist auch Saaremaa dicht bewaldet, etwa 40 % der Insel sind von Wäldern bedeckt. Größere Seen sind die Suur Laht (deutsch Große Bucht), die Mullutu Laht bei Kuressaare und der Karujärv (deutsch Bärensee) bei Kärla (Kergel).

Die 1300 km lange Küste Saaremaas ist weitgehend durch große Halbinseln und vorgelagerte kleinere Inseln (etwa 600) geprägt, die Halbinsel Sõrve (deutsch Sworbe) erstreckt sich gar bis zu 30 km in den Rigaischen Meerbusen und endet im südlichsten Punkt des Archipels im Dorf Sääre, markiert durch einen 52 m hohen Leuchtturm aus dem Jahre 1960 (ursprünglich von 1646).

Trotz der überwiegend steinigen und flach ins Meer übergehenden Küstenstreifen gibt es aber auch Steilküsten wie die 22 m senkrecht abfallende Panga Pank an der Küdema-Bucht oder die Steilküste Undva Pank an der im Nordwesten der Insel gelegenen Halbinsel Tagamõisa. Die nordwestlich anschließende Halbinsel Harilaid ist eine ehemalige Insel (estnisch laid „kleine Insel“), der Leuchtturm am Kap Kiipsaare stammt von 1933 und droht aufgrund seiner durch starke Wellenerosion verursachten Schieflage ins Meer zu fallen.

Die etwa 9 km² große Insel Abruka (Abro) mit den Nachbarinseln Vahase und Kasselaid liegen etwa 6 km von Kuressaare entfernt. Die Inseln bilden ein Naturschutzgebiet, denn mit seiner reichhaltigen Flora und Fauna bieten sie ein Rückzugsgebiet für zahlreiche Arten. Selbst Hirsche sind auf der – für Estland eher untypisch – mit Laubwald bedeckten Insel zu finden.

Die flache Insel Vilsandi im äußersten Westen des Landes ist Teil des Nationalparks Vilsandi und umfasst zusätzlich noch etwa 161 kleinere Inseln (etwa 10 % der estnischen Inseln). Vilsandi besitzt eine Fläche von nur etwa 9 km² und ist größtenteils bewaldet.


Erhebung

  • Viidu Raunamägi  54 m


See

  • Karujärve  3,3 km² (Seehöhe 32,2 m)


Inseln

  • Ösel  2.672,5 km²
  • Ruhnu  11,4 km²
  • Abruka  8,8 km²
  • Vilsandi   8,8 km²

Flora und Fauna

Saaremaa verfügt über eine reichhaltige Flora und Fauna, bedingt durch milde, maritime Klimavoraussetzungen. Rund 80 % der in Estland heimischen Pflanzenarten befinden sich auf den Inseln. Etwa 120 der hier vorkommenden Arten gelten als geschützt. Die sicher bekannteste seltene Pflanzenart der Insel ist der meist in sumpfigen Niederungen blühende Saaremaa-Klappertopf (Rhinanthus Osiliensis, estnisch Saaremaa robirohu). Zudem wachsen hier 35 von 36 der in Estland

Saaremaa besitzt eine artenreiche Tierwelt, in den Küstengewässern leben viele der heimischen Robbenarten, wie etwa die Kegelrobbe. Außerdem liegen die Inseln im Zuggebiet zahlreicher Vogelarten, die Saaremaa im Frühjahr und Herbst als Zwischenstation auf ihrer Reise nutzen, zum Beispiel Ringelgänse und Eiderenten. Dennoch ist die Tierwelt des Festlandes weit artenreicher als die der Inseln im Westen des Landes. Bären und Luchse beispielsweise sind auf diesen nur selten anzutreffen.

Flora

Die Pflanzenwelt Saaremaas ist besonders vielfältig und umfasst etwa 1.200 Arten von Gefäßpflanzen, was etwa 80 % der estnischen Flora entspricht. Darunter befinden sich 120 seltene und geschützte Arten, darunter endemische oder regional einzigartige Spezies wie der Saaremaa-Rasselblume (Rhinanthus osiliensis), eine seltene Frühlingsblume, die nur auf der Insel vorkommt. Die Insel ist berühmt für ihre Orchideenvielfalt: Von den 36 in Estland heimischen Orchideenarten wachsen 35 auf Saaremaa, darunter das größte Exemplar, das Frauenschuh-Orchidee (Cypripedium calceolus), das von Mai bis August blüht und in geschützten Gebieten wie dem Viidumäe-Naturschutzgebiet vorkommt. Andere seltene Pflanzen umfassen die Alpen-Fettkraut (Pinguicula alpina), die Stumpfblütige Binse (Juncus subnodulosus) und das Teufelsabbiss (Succisa pratensis).

Über 40 % der Insel sind mit Wäldern bedeckt, hauptsächlich Mischwäldern aus Kiefern (Pinus sylvestris), Fichten (Picea abies) und Birken (Betula pendula), ergänzt durch Relikte wärmerer Klimaperioden wie Laubwälder mit Eichen (Quercus robur), Ulmen (Ulmus glabra) und Eschen (Fraxinus excelsior). Besonders charakteristisch sind die "wooded meadows" – bewaldete Wiesen –, die vor dem Zweiten Weltkrieg weit verbreitet waren, aber heute größtenteils zugewachsen sind. Die Alvare, kalksteinhaltige Flächen mit dünner Bodenschicht, beherbergen eine spezialisierte Vegetation mit stunted Pflanzen wie Kriech-Weiden (Salix repens) und Trockenrasen-Arten, die an nährstoffarme Bedingungen angepasst sind. Diese Habitate sind jedoch rückläufig und werden nun aktiv geschützt, um die verbliebenen großen Exemplare zu erhalten.

Häufige Pflanzen auf Saaremaa umfassen den Giersch (Aegopodium podagraria), die Mädesüß (Filipendula ulmaria), die Feldulme (Ulmus minor), die Liebesgras (Nigella damascena) und den Teufelsabbiss (Succisa pratensis), die in Wiesen, Wäldern und an Küsten wachsen. Die Insel profitiert von ihrem insularen Charakter, der invasive Arten einschränkt, aber auch empfindlich gegenüber Klimawandel macht, da steigende Meeresspiegel Küstenhabitate bedrohen. Insgesamt trägt die Flora zur Attraktivität Saaremaas für Botaniker bei, mit Wanderwegen und geführten Touren zu Orchideenfeldern und Alvar-Gebieten.

Fauna

Die Tierwelt Saaremaas ist geprägt von einer geringeren Artenvielfalt im Vergleich zum estnischen Festland, da einige Arten wie der Europäische Maulwurf (Talpa europaea), der Amerikanische Nerz (Neovison vison) und der Europäische Otter (Lutra lutra) fehlen. Dennoch beherbergt die Insel eine beeindruckende Palette an Tieren, insbesondere Insekten, Vögeln und Meeresbewohnern, mit vielen geschützten Arten.

Unter den Insekten und Wirbellosen stechen seltene Schmetterlinge wie der Wolken-Apollofalter (Parnassius mnemosyne) und die Römische Schnecke (Helix pomatia) hervor, die in Wäldern und Wiesen leben. Die Insel ist reich an Schmetterlingen und Käfern, die von der blütenreichen Flora profitieren.

Die Säugetierfauna umfasst etwa 65 Arten in Estland insgesamt, von denen viele auch auf Saaremaa vorkommen, wie der Waschbärhund (Nyctereutes procyonoides), der Rothirsch (Cervus elaphus), der Dachs (Meles meles) und der Fuchs (Vulpes vulpes). Große Raubtiere wie der Eurasische Luchs (Lynx lynx) und der Braunbär (Ursus arctos) sind seltene Besucher, während Wölfe (Canis lupus) gelegentlich von der Festland herüberwandern. An den Küsten leben Robben: Die Graurobbe (Halichoerus grypus) hat drei permanente Ruheplätze auf den westlichen und südlichen Inselchen, mit einer leicht zunehmenden Population, und die Ringelrobbe (Pusa hispida) ist in Küstengewässern anzutreffen, though schüchtern und schwer zu zählen.

Die Vogelwelt ist das Highlight der Fauna Saaremaas, da die Insel auf der Ost-Atlantischen Zugroute liegt und jährlich Hunderttausende Zugvögel in Frühling und Herbst beherbergt. Über 300 Vogelarten wurden in Estland beobachtet, viele davon auf Saaremaa, einschließlich Brutvögeln und Durchzüglern. Geschützte Arten umfassen die Nonnengans (Branta leucopsis), den Höckerschwan (Cygnus olor), den Singschwan (Cygnus cygnus), die Eiderente (Somateria mollissima) und die Brandgans (Tadorna tadorna). Waldvögel wie der Kleinspecht (Dryobates minor), der Nussknacker (Nucifraga caryocatactes), der Grauwürger (Lanius excubitor) und der Raufußbussard (Buteo lagopus) sind präsent, ebenso Seevögel wie die Langschwanzente (Clangula hyemalis) und der Schwarzkehlchen (Phoenicurus ochruros). Im Viidumäe-Reservat brütet der Schwarzstorch (Ciconia nigra). Die Insel ist ein Hotspot für Vogelbeobachter, mit Orten wie der Sõrve-Halbinsel und den Küstenbuchten.

Reptilien und Amphibien sind weniger vielfältig, mit Arten wie der Kreuzkröte (Epidalea calamita) und der Ringelnatter (Natrix natrix), die in Feuchtgebieten leben. Fische in den umliegenden Gewässern umfassen Hering (Clupea harengus) und Lachs (Salmo salar), die die Robbenpopulationen ernähren.

Naturschutz

Große Teile der Insel gehören zum Westestnischen Archipel-Biosphärenreservat (UNESCO Man and Biosphere Programme seit 1990), das die Inseln Saaremaa, Hiiumaa, Muhu, Vormsi und zahlreiche kleinere Inseln sowie marine Bereiche umfasst und eine Gesamtfläche von etwa 15.600 km² hat. Dieses Biosphärenreservat dient der nachhaltigen Entwicklung und dem Schutz typischer Küsten- und Inselökosysteme unter moderater menschlicher Nutzung.

Saaremaa selbst weist eine hohe Dichte an Schutzgebieten - mit einer Gesdamtfläche von 343,5 km², inklusive Nebeninseln 354,1 km² auf, darunter Nationalparks, Naturschutzgebiete (looduskaitseala), Landschaftsschutzgebiete und Natura-2000-Gebiete. Viele dieser Areale überschneiden sich. Die wichtigsten Schutzgebiete auf der Insel sind:

  • Vilsandi-Nationalpark: Der älteste Nationalpark Estlands (gegründet aus einem Vogelschutzgebiet von 1910, als Nationalpark 1993). Er umfasst Teile der Westküste Saaremaas (einschließlich der Halbinsel Harilaid), die Insel Vilsandi sowie über 160 kleinere Inseln und Meeresflächen. Gesamtfläche 48.600 ha (davon zwei Drittel Meer). Der Park schützt Küstenlandschaften, Vogelbrutplätze (über 250 Vogelarten, darunter Eiderenten und Zugvögel) und Robbenpopulationen. Er ist ein Ramsar-Gebiet und Important Bird Area.
  • Viidumäe-Naturschutzgebiet: Im Westen Saaremaas gelegen, auf dem höchsten und ältesten Teil der Insel (höchster Punkt Raunamägi 54 bis 58 m). Fläche 2.611 ha. Es schützt vielfältige Wälder (Kiefern-, Eichen- und Mischwälder), Quellmoore, bewaldete Wiesen und seltene Pflanzen wie den endemischen Saaremaa-Klappertopf (Rhinanthus osiliensis). Es gibt Lehrpfade, einen Aussichtsturm und ist bekannt für seine Artenvielfalt (über 660 Gefäßpflanzenarten).


Die Naturschutzgebiete der Insel sind:

Schutzgebiet Art Name Gründungsdatum Fläche (ha)
Allirahu Natur-Reservat Natur-Reservat Saare maakond, Pihtla vald 2005-07-21 1960,4
Järve Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Kaarma vald 1959-05-19 95
Kasti Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Kaarma vald 2000-07-27 192,7
Kaugatoma-Lõo Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Salme vald 1973-12-18 499,5
Kesknõmme Natur-Reservat Natur-Reservat Saare maakond, Kihelkonna vald 2005-08-11 337,1
Koigi Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Pöide vald 2005-08-18 2359,2
Koorunõmme Natur-Reservat Natur-Reservat Saare maakond, Mustjala vald 1965-04-03 1267,3
Kübassaare Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Pöide vald 1973-12-18 512,2
Laidevahe Natur-Reservat Natur-Reservat Saare maakond, Pihtla vald 2002-11-05 2442
Ohessaare Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Torgu vald 1959-03-13 5,596
Panga Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Mustjala vald 1959-03-13 26,37
Rannaniidi Landschafts-Schutzgebiet Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Muhu vald 1959-03-13 97,2
Viidumäe Natur-Reservat Natur-Reservat Saare maakond, Lümanda vald 1957-07-11 1846
Vilsandi Nationalpark Nationalpark Saare maakond, Kihelkonna vald 1937-10-20 23760
Üügu Landschafts-Schutzgebie Landschafts-Schutzgebiet Saare maakond, Muhu vald 1959-03-13 9,61

Klima

Das Klima ist als warm-sommer-humides kontinentales Klima (Köppen-Klassifikation Dfb) einzustufen, mit ozeanischen Einflüssen an den Küsten. Die jährliche Durchschnittstemperatur liegt bei etwa 6 bis 7°C. Die Winter sind kalt, aber milder als im Inland: Im Januar und Februar betragen die Durchschnittstemperaturen um –1 bis –3°C, mit Höchstwerten um 0 bis 1°C und Tiefstwerten bis –6 °C. Schnee fällt regelmäßig, und die Ostsee kann in kalten Wintern teilweise zufrieren.

Die Sommer sind angenehm mild und kurz mit Höchstwerten im Juli und August von durchschnittlich 20 bis 22°C (bisweilen über 25°C). Die Nächte bleiben kühl bei 12 b is 15°C. Dies macht die Monate Juni bis August zur besten Reisezeit für Outdoor-Aktivitäten, Wanderungen oder Badeurlaub, da die Ostsee dann Wassertemperaturen von 18 bis 20°C erreicht.

Der Niederschlag ist ganzjährig mäßig verteilt und beträgt jährlich etwa 600–700 mm, mit einem leichten Maximum im Spätsommer und Herbst (August/Oktober bis 100 mm) und einem Minimum im Frühling (April um 40–50 mm). Schnee trägt im Winter zur Niederschlagsmenge bei. Die Insel ist windig, besonders an den Küsten, was zu stürmischen Perioden führen kann.

Durch das milde Klima und den kalkreichen Boden blüht eine vielfältige Flora auf, darunter zahlreiche Orchideenarten und Wacholderheiden. Saaremaa gilt als eine der sonnigsten Regionen Estlands. Dies begünstigt die reiche Biodiversität. Die Übergangsjahreszeiten sind kurz: Der Frühling bringt rasch Grün, der Herbst ist neblig und regnerisch.

Mythologie

Die Mythologie und Volksüberlieferungen der estnischen Insel Saaremaa (historisch auch Ösel genannt) sind eng mit der reichen estnischen Folklore verbunden, die animistische, vorchristliche Elemente mit späteren Einflüssen mischt. Saaremaa nimmt eine besondere Stelle ein, da hier einige der markantesten Legenden Estlands verwurzelt sind, die von Riesen, katastrophalen Naturereignissen und Schutzgeistern handeln.

Ein zentrales Ereignis, das die Mythologie der Insel und möglicherweise ganz Estlands geprägt hat, ist der Einschlag eines Meteoriten vor etwa 3000–4000 Jahren im Gebiet von Kaali. Der größte Krater Europas dieser Art entstand dabei, und der ehemalige estnische Präsident und Ethnologe Lennart Meri vermutete, dass dieses dramatische Geschehen – ein feuriger Himmelskörper, der wie eine „Sonne“ vom Himmel fiel – Spuren in der regionalen und sogar benachbarten Mythologie hinterlassen hat. Der Kaali-Krater gilt in der Folklore als „Grab der Sonne“ und könnte mit dem oeselischen Gott Tharapita (oder Taarapita) in Verbindung stehen, einem Kriegsgott, der der Überlieferung nach aus Virumaa auf dem Festland „geflogen“ kam und auf Saaremaa landete. Diese Legende aus der Chronik Heinrichs von Lettland aus dem 13. Jahrhundert könnte eine mythische Erinnerung an den Meteoriteneinschlag sein.

Die bekannteste Figur der Saaremaa-Mythologie ist jedoch der Riese Suur Tõll (der Große Tõll), ein mythischer Held und Beschützer der Inselbewohner. Suur Tõll lebte der Legende nach in Tõlluste an der Küste, war von enormer Statur und Kraft und führte ein einfaches Leben als Bauer und König zugleich. Er pflügte Felder, baute Häuser und half den Menschen in Friedenszeiten. Seine Frau Piret war ebenso groß und stark und kümmerte sich um den Haushalt. Tõll warf riesige Steine nach Feinden oder seinem Erzfeind Vanapagan (dem Alten Heiden oder Teufel), der oft als listiger Gegner dargestellt wird und Tõlls Felder verwüstete. Viele natürliche Formationen auf Saaremaa, wie erratische Blöcke oder Steinhaufen, werden in der Folklore als Wurfgesteine Tõlls erklärt.

In Kriegszeiten eilte Suur Tõll den Inselbewohnern zur Hilfe, besiegte Eindringlinge und kämpfte gegen Vanapagan. Eine tragische Episode erzählt, wie Vanapagan Tõlls Haus zerstörte und Piret tötete, während Tõll abwesend war. Voller Zorn jagte Tõll seinen Feind, wurde aber schließlich schwer verwundet und enthauptet. Selbst mit dem abgeschlagenen Kopf unter dem Arm soll er zu seinem Grab gewankt sein und versprochen haben, in Zeiten großer Not aus dem Grab zu erwachen und Saaremaa zu verteidigen. Kinder neckten ihn angeblich, indem sie riefen: „Tõll, wach auf, es ist Krieg im Hof!“ – worauf er nie mehr kam. Tõlls Bruder Leiger lebte auf der benachbarten Insel Hiiumaa, und die beiden Riesen besuchten einander oft, indem sie durch die seichte Meerenge wateten.

Diese Legenden spiegeln Themen wie den Schutz vor Fremden (oft symbolisch für historische Invasionen), die enge Bindung an die Natur und die Dualität von Gut und List wider. Vanapagan ist dabei kein absolut Böses, sondern eher ein trickreicher Widersacher, was typisch für die estnische Folklore ist, die keine strenge Gut-Böse-Unterscheidung kennt.

Saaremaa ist zudem reich an Werwolf-Überlieferungen. Die Insel liefert einen großen Teil der estnischen Werwolfsagen, darunter ungewöhnlich viele mit weiblichen Werwölfen, die manchmal sogar ihre Kinder als Wölfe säugten. Diese Geschichten betonen die wilde, waldbedeckte Natur der Insel und die enge Verbindung der Menschen zu Tiergeistern.

Geschichte

Gemäß archäologischen Funden darf angenommen werden, dass Saaremaa seit etwa 5000 Jahren besiedelt ist. In den skandinavischen Sagas wird Saaremaa als Eysysla (deutsch Inselbezirk) erwähnt, in alten deutschen und schwedischen Aufzeichnungen ist von Oesel die Rede. Seit 1990 ist die Insel Teil der Republik Estland.

Neolithikum

Das Neolithikum (auch Jungsteinzeit genannt) auf der Insel Ösel (estnisch Saaremaa), der größten Insel Estlands, begann etwa um -5000 mit der Einführung der Keramik und dauerte bis ungefähr -1800 an. Die Insel wurde bereits in der vorangehenden mesolithischen Zeit (Mittelsteinzeit) von Jägern und Sammlern besucht, vor allem im Rahmen von Robbenjagden, die vom estnischen Festland aus unternommen wurden. Die ersten Spuren einer dauerhaften Besiedlung reichen jedoch in das frühe Neolithikum zurück.

Die frühe Phase des Neolithikums auf Saaremaa ist stark von der Narva-Kultur geprägt, einer lokalen Variante der ostbaltischen jungsteinzeitlichen Kulturen. Diese Kultur zeichnet sich durch einfache Keramik mit spitzen Böden, Knochen- und Hornwerkzeuge sowie eine Wirtschaftsweise aus, die weiterhin stark auf Jagd, Fischfang und Sammeln basierte. Aufgrund der insularen Lage und der reichen maritimen Ressourcen (Robben, Fische) entwickelte sich auf Saaremaa eine besondere Ausprägung dieser Kultur, die sich von den festländischen Varianten unterscheidet. Pollenanalysen und archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Menschen der Narva-Kultur bereits leichte Störungen der Waldvegetation verursachten, etwa durch Rodungen für temporäre Lager oder zur Förderung von Wildwuchs.

Eine bedeutende Stätte ist die Halbinsel Kõpu im Westen der Insel, die in der Steinzeit noch eine separate Insel war. Hier gibt es Hinweise auf saisonale oder sogar ganzjährige Siedlungen aus dem späten Mesolithikum und frühen Neolithikum. Die Bewohner nutzten die günstige Lage für die Meeresjagd und den Fischfang. Die Küstenveränderungen durch die postglaziale Landhebung spielten eine wichtige Rolle: Frühere Lagunen und Küstenlinien wurden zu Inlandgebieten, was die archäologische Erhaltung von Siedlungsspuren begünstigte.

Im späten Neolithikum (etwa ab -2900) erreichte die Schnurkeramikkultur (Corded Ware Culture) auch die westestnischen Inseln, einschließlich Saaremaa. Diese Kultur brachte Veränderungen mit sich: Neue Formen der Keramik (mit Schnurabdrücken verzierte Becher), Streitäxte und eine stärkere Orientierung hin zur Viehzucht und möglicherweise zum frühen Ackerbau. Obwohl direkte Funde von Getreide aus dem Neolithikum auf Saaremaa rar sind (früheste Getreidefunde stammen eher aus der Bronzezeit), deuten Vegetationsanalysen auf zunehmenden menschlichen Einfluss hin, der mit rodungsbasiertem Landbau vereinbar ist. Die Schnurkeramikkultur koexistierte zeitweise mit Resten der Narva-Kultur und markiert den Übergang zu einer mobileren, pastoralen Lebensweise.

Archäologische Forschungen auf Saaremaa haben durch Küstenveränderungen und Pollenstudien ein detailliertes Bild der neolithischen Umwelt und Besiedlung ergeben, das die Insel als einen wichtigen Knotenpunkt frühester maritimer Aktivitäten im Ostseeraum ausweist.

Bronzezeit

Die Bronzezeit auf der Insel Ösel (estnisch Saaremaa) umfasst ungefähr den Zeitraum von etwa -1800/-1600 bis etwa -500 und markiert einen deutlichen Wandel gegenüber dem Neolithikum. Während die jungsteinzeitliche Wirtschaft noch stark auf Jagd, Fischfang und Sammeln beruhte, setzt sich in der Bronzezeit eine komplexere Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur durch, die durch befestigte Siedlungen, intensivere Viehzucht, frühen Ackerbau und Fernhandelskontakte gekennzeichnet ist.

Die Bronzezeit auf Saaremaa wird vor allem durch die sogenannte Asva-Gruppe (benannt nach der zentralen Fundstelle Asva) repräsentiert. Diese lokale Variante der nordosteuropäischen Bronzezeitkulturen zeigt enge Verbindungen zu Skandinavien, insbesondere zu den Kulturen Südschwedens und Dänemarks. Charakteristisch sind befestigte Siedlungen, die auf erhöhten Lagen oder Halbinseln errichtet wurden und oft mit Steinmauern oder Holzpalisaden umgeben waren. Die wichtigste und am besten erforschte Siedlung ist Asva im Osten der Insel. Hier wurde seit den 1930er Jahren eine große befestigte Anlage ausgegraben, die in mehreren Phasen genutzt wurde. Die Siedlung umfasste mehrere Langhäuser, Speicherbauten und Werkstätten. Funde von Getreidekörnern (Gerste), Tierknochen (vor allem Rind, Schaf, Ziege und Pferd) sowie zahlreiche Keramikscherben belegen eine gemischte Wirtschaft aus Ackerbau, Viehzucht und weiterhin intensivem Fischfang sowie Robbenjagd.

Weitere bedeutende Bronzezeitsiedlungen auf Saaremaa sind Ridala (ebenfalls befestigt) und Kaali. Besonders Kaali ist archäologisch und kulturell faszinierend: Hier entstand durch einen Meteoriteneinschlag um ca. 1500–800 v. Chr. (genaue Datierung umstritten) ein Kraterfeld mit einem zentralen Hauptkrater. Archäologische Untersuchungen haben gezeigt, dass der Kraterrand in der späten Bronzezeit besiedelt oder zumindest rituell genutzt wurde. Es gibt Hinweise auf eine mögliche Kultstätte, da der Krater in der lokalen Überlieferung als heiliger Ort galt. Die Nähe zur Asva-Gruppe und die Funde von Keramik und Bronzefragmente deuten auf eine Integration in das regionale Siedlungsnetz hin.

Die materielle Kultur der Bronzezeit auf Saaremaa zeichnet sich durch importierte und lokal hergestellte Bronzefunde aus: Nadeln, Rasiermesser, Äxte, Sicheln und Schmuck (unter anderem Knöpfe und Spiralringe). Bernsteinperlen und -anhänger, die über Handelsrouten aus dem südlichen Ostseeraum (heutiges Litauen/Lettland) kamen, sind häufig. Die Keramik zeigt Einflüsse aus Skandinavien: dickwandige, oft mit Ritz- oder Stichverzierungen versehene Gefäße sowie typische „Asva-Keramik“ mit profilierten Rändern.

Wirtschaftlich profitierte die Bevölkerung von der günstigen insularen Lage: reiche Meeresressourcen, fruchtbare Böden (besonders im Zentrum und Osten der Insel) und gute Anbindung an Seewege. Die befestigten Siedlungen werden oft als Zeichen sozialer Hierarchisierung interpretiert – möglicherweise gab es lokale Anführer oder „Häuptlinge“, die den Zugang zu Bronze und Prestigeobjekten kontrollierten. Grabfunde sind auf Saaremaa vergleichsweise selten und meist unauffällig (Steinpackungsgräber, vereinzelt Brandgräber), was darauf hindeutet, dass Bestattungsrituale weniger monumental waren als in Skandinavien.

Der Übergang zur frühen Eisenzeit (ab -500) ist fließend. Viele Bronzezeitsiedlungen wurden weiter genutzt, und es entstanden neue befestigte Plätze. Der Meteoriteneinschlag von Kaali könnte zudem eine kulturelle Zäsur oder Verstärkung ritueller Praktiken bewirkt haben, deren Spuren bis in die Eisenzeit reichen.

Eisenzeit

Die Eisenzeit auf der Insel Ösel (estnisch Saaremaa) umfasst den Zeitraum von etwa- 500 bis 1200 und gliedert sich in mehrere Phasen: die vorrömische Eisenzeit (um 500 bis -50), die römische Eisenzeit (50 bis 450), die Völkerwanderungszeit (um 450 bis 600), die mittlere Eisenzeit (um 600 bis 800) sowie die jüngere Eisenzeit oder Wikingerzeit (um 800 bis 1200). Im Vergleich zur Bronzezeit mit ihren prominenten befestigten Siedlungen wie Asva oder Ridala verändert sich das Siedlungsbild: Befestigte Anlagen werden weitgehend aufgegeben, und der Fokus liegt auf offenen Siedlungen, Steinsetzungsgräbern (Tarand-Gräbern) und später auf Häfen und Kriegergräbern.

In der vorrömischen Eisenzeit setzt sich der Übergang von der Bronzezeit fort. Typisch sind Tarand-Gräber, quadratische oder rechteckige Steinsetzungen mit inneren Kammern, die oft kollektive Bestattungen enthielten. Auf Saaremaa sind solche Gräber weit verbreitet, etwa in Piila oder bei Tõnija. Die Wirtschaft basiert weiterhin auf Viehzucht (Rinder, Schafe, Schweine), Ackerbau (Gerste, etwas Weizen) sowie Fischfang und Robbenjagd. Eisen wird nun lokal geschmiedet, zunächst aus importiertem oder lokal gewonnenem Sumpferz; Werkzeuge wie Sicheln, Messer und Äxte werden häufiger. Ein besonderer Aspekt ist der Kaali-Meteoritenkrater im Zentrum der Insel: Der Einschlag (datierbar um -1500 / -1200) führte in der frühen Eisenzeit zur Entstehung eines Kultplatzes. Um den Hauptkrater herum entstand eine ummauerte Anlage mit Opferfunden (Tierknochen, Waffen), die als heiliger Ort diente und möglicherweise mit finno-ugrischen oder indoeuropäischen Mythen verbunden war.

Die römische Eisenzeit und Völkerwanderungszeit bringen verstärkte Kontakte nach Skandinavien und zum Baltikum. Funde wie Fibeln, Armringe und Waffen zeigen Einflüsse aus dem römischen Provinzialgebiet (über den Bernsteinhandel) sowie aus Gotland und Schweden. Gräber bleiben oft unverbrannt oder gemischt; Steinkisten- und Tarand-Gräber dominieren. Auf Saaremaa sind Funde relativ spärlich im Vergleich zum Festland, doch deuten Hortfunde und Waffenbeigaben auf eine kriegerische Gesellschaft hin. Die Insel profitiert von ihrer Lage im Ostseehandel.

Wikingerzeit

Die Wikingerzeit (jüngere Eisenzeit) stellt den Höhepunkt der eisenzeitlichen Entwicklung auf Saaremaa dar. Die Insel wird zu einem wichtigen maritimen Zentrum mit intensiven Kontakten nach Skandinavien. Bekannt sind zahlreiche Steinsetzungsgräber, oft mit Waffen und Schmuck. Der spektakulärste Fund sind die Schiffsbestattungen von Salme (entdeckt 2008 und 2010): Zwei klinkerbebaute Schiffe aus dem 8. Jahrhundert (um 750) enthielten die Überreste von insgesamt 41 Kriegern, überwiegend skandinavischer Herkunft, mit reichen Beigaben wie Schwertern, Schilden, Spielsteinen und sogar einem Hund. Diese Funde gelten als die ältesten bekannten Wikinger-Schiffsgräber und deuten auf frühe Raubzüge oder Konflikte hin – möglicherweise starben schwedische Krieger bei einem Überfall auf die Insel. Salme markiert Saaremaa als Ausgangspunkt oder Ziel früher Wikingeraktivitäten.

Weitere wikingerzeitliche Stätten umfassen Häfen und Siedlungen, die auf Handel mit Bernstein, Pelzen und Sklaven hinweisen. Gräberfelder wie in Piila oder Kurevere zeigen eine Mischung aus lokalen und skandinavischen Traditionen. Die Gesellschaft war hierarchisch, mit Kriegereliten, die von maritimen Raub- und Handelsfahrten profitierten.

Öselische Zeit

Das Mittelalter bis um 1200 war geprägt von einer eigenständigen, heidnischen Inselkultur der Oselier (estnisch: saarlased), eines estnischen Stammes, der als einer der letzten im Ostseeraum der Christianisierung und fremder Herrschaft widerstand. Die Insel lag abseits der großen Handelsrouten, war jedoch durch ihre strategische Lage in der Ostsee und ihre kriegerischen Bewohner weithin bekannt und gefürchtet.

Die Oselier lebten in einer gentilen Gesellschaftsordnung mit mehreren befestigten Burgbergen (unter anderem Pöide, Valjala, Muhu und die große Ringwallanlage von Asva), die als Flucht- und Versammlungsorte dienten. Die größte und wichtigste war die Burg von Kaarma-Maasi, doch die zentrale Macht lag wahrscheinlich bei der Versammlung freier Männer. Es gab keine feste Königsherrschaft, sondern lose Bündnisse zwischen lokalen Ältesten und Anführern. Die Wirtschaft basierte auf Ackerbau (Gerste, Roggen), Viehzucht, Fischfang und vor allem auf der Seefahrt. Die Oselier waren geschickte Schiffbauer und besaßen schnelle, seetüchtige Boote, mit denen sie weite Raubzüge unternahmen.

Bereits im 9. und 10. Jahrhundert werden die Oselier in nordischen Quellen als gefürchtete Wikinger der Ostsee erwähnt. Saga-Berichte, wie die von Olaf dem Heiligen (1015), erzählen von oselischen Überfällen auf die schwedische Küste. Im 12. Jahrhundert intensivierten sich diese Raubzüge stark: Oselische Flotten plünderten systematisch die Küsten Schwedens (zum Beispiel Sigtuna 1187, eine der schwersten Attacken, bei der die Stadt fast vollständig zerstört wurde) und Dänemarks. Sie überfielen auch Gotland und die dänischen Inseln. Zeitgenössische Chronisten wie Saxo Grammaticus und Heinrich von Lettland beschreiben die Oselier als besonders kriegerisch, heidnisch und unabhängig. Sie opferten gefangene Christen ihren Göttern, darunter vor allem dem Donnergott Tharapita, dessen Kult auf Ösel besonders verehrt wurde (eine Legende berichtet, er sei auf der Insel vom Himmel gefallen).

Handelsbeziehungen bestanden dennoch: Archäologische Funde auf Saaremaa zeigen arabische Silbermünzen (Dirhams aus dem 9. bis 11. Jahrhundert), skandinavische Fibeln, Waffen und Schmuck sowie slawische Keramik. Die Insel lag am Rand der ostseeischen Handelsnetze, war aber nie vollständig in diese integriert. Eisenverarbeitung und Bronzeguss waren hochentwickelt; zahlreiche Hortfunde mit Waffen und Schmuck zeugen von Wohlstand durch Krieg und Handel.

Die Religion blieb bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts rein heidnisch. Heilige Haine (hiied) spielten eine zentrale Rolle; der bekannteste war der Hain von Pöide oder der bei Kaarma. Opferrituale, darunter auch Menschenopfer, sind durch Chronisten überliefert. Es gab keine schriftliche Kultur, aber eine reiche mündliche Tradition von Runengesängen (regilaul), die später teilweise erhalten blieb.

Politisch waren die Oselier untereinander oft zerstritten, schlossen aber bei äußerer Bedrohung Bündnisse. Sie unterstützten gelegentlich estnische Festlandstämme gegen Einfälle aus dem Süden oder Osten. Bis um 1200 gab es keine dauerhafte fremde Herrschaft auf der Insel. Frühe christianisierende Versuche – etwa durch norwegische oder dänische Missionare – scheiterten. Ein erster dänischer Angriff unter König Knut VI. um 1190 blieb erfolglos.

Deutschordenszeit

Die erste dänische Herrschaftszeit auf Ösel begann mit den Kreuzzügen im Ostseeraum. Die Insel Ösel war bis ins 13. Jahrhundert von den heidnischen Oselern (einem estnischen Stamm) bewohnt, die als seefahrende Krieger bekannt waren und häufig Raubzüge nach Skandinavien unternahmen. Sie widerstanden lange der Christianisierung und Eroberung. Der dänische König Valdemar II. (der Siegreiche) führte ab 1219 eine expansive Politik im Baltikum. Nach der Eroberung Nordestlands (einschließlich der Gründung von Reval/Tallinn) wandte er sich der Insel Ösel zu. Bereits 1206 hatte ein dänischer Versuch, eine Festung zu errichten, scheitert, doch 1222 landete Valdemar II. erneut und eroberte Teile der Insel. Er ließ eine steinerne Festung bauen und stationierte eine Garnison. Die Oselier leisteten jedoch erbitterten Widerstand und belagerten die Festung erfolgreich.

1227 eroberten die Schwertbrüder (ein Ritterorden) im Zuge ihrer Expansion große Teile der dänischen Besitzungen in Estland, einschließlich Ösel. Damit endete die direkte dänische Kontrolle über die Insel bereits nach wenigen Jahren. Stattdessen wurde 1228 das Bistum Ösel-Wiek gegründet, ein Fürstbistum unter dem Bischof, das Saaremaa (Ösel), Teile des westlichen Festlands (Wiek/Läänemaa) und benachbarte Inseln umfasste. Dieses Bistum war nominell Teil der Terra Mariana (des livländischen Konföderationsstaats) und unterstand dem Erzbistum Riga, hatte aber weitgehende Autonomie. Es war nie direkt dänisch, obwohl Dänemark bis 1346 Nordestland (das Herzogtum Estland) behielt und verkaufte.

Kurz nach der Eroberung musste der Deutsche Orden jedoch bedeutende Teile der Insel dem neu gegründeten Bistum Ösel-Wiek (Saare-Lääne) überlassen, dessen Bischöfe ihre Residenz später in der mächtigen Arensburg (heute Kuressaare) errichteten. Diese Teilung des Herrschaftsgebietes zwischen Orden und Bistum führte über Jahrhunderte hinweg zu ständigen Spannungen, Grenzkonflikten und bewaffneten Auseinandersetzungen.

Zur Festigung seiner Macht auf der verbliebenen Inselanteilen ließ der Orden im Laufe des 14. Jahrhunderts mehrere größere Burgen errichten. Die bedeutendste davon war die Ordensburg Maasi im Nordosten der Insel, von der heute nur noch eindrucksvolle Mauerreste zeugen. Eine weitere wichtige Befestigung bestand in Pöide (Peude), wo eine stattliche Ritterburg entstand.

Trotz der militärischen Überlegenheit des Ordens leisteten die Oeseler immer wieder erbitterten Widerstand. Besonders bekannt wurde der große Aufstand von 1343 (Teil des landesweiten St. Georgs-Aufstands in Estland), bei dem es den Inselbewohnern tatsächlich gelang, die Ordensburg in Pöide zu erstürmen und zu zerstören sowie die Deutschen vorübergehend von der gesamten Insel zu vertreiben. Der Orden konnte die Kontrolle jedoch nach einiger Zeit mit Verstärkung aus Livland wiederherstellen.

In den folgenden zwei Jahrhunderten blieb die Oberhoheit des Deutschen Ordens über seinen Teil der Insel trotz weiterer Unruhen und kleinerer Erhebungen im Wesentlichen erhalten. Erst im Zuge des Livländischen Krieges musste der Orden 1559 seine Besitzungen auf Ösel endgültig aufgeben – die Insel fiel zunächst an Dänemark.

Dänische Herrschaftszeit

Die dänische Herrschaftszeit begann im 16. Jahrhundert. Mit dem Niedergang des Livländischen Ordensstaats durch die Reformation und den einsetzenden Livländischen Krieg (1558 bis 1583) geriet das Bistum Ösel-Wiek in eine Krise. Der letzte katholische Bischof, Johannes von Münchhausen, verkaufte 1559 das Bistum und seine Territorien für 30.000 Taler an den dänischen König Friedrich II. Damit wurde Ösel der östlichste Besitz des dänischen Reiches und Teil des sogenannten Dänisch-Estlands (neben dem früheren Nordestland, das längst verloren war). Der König übertrug die Verwaltung zunächst seinem Bruder Magnus, der als Herzog Magnus von Holstein 1560 zum Bischof von Ösel-Wiek ernannt wurde und auf der Insel residierte. Magnus prägte eigene Münzen und versuchte, eine eigenständige Position aufzubauen, geriet jedoch in Konflikte mit Schweden und Russland. Während des Livländischen Krieges und des Dreikronenkriegs (1563 bis 1570) zwischen Dänemark, Schweden und Polen wurde Ösel umkämpft. Magnus wechselte später die Seiten und unterwarf sich 1573 dem russischen Zaren Iwan IV., was zu einer kurzen russischen Besetzung führte. Dänemark behauptete jedoch seine Ansprüche und setzte Statthalter ein.

Von 1570 bis 1645 stand die gesamte Insel fest unter dänischer Kontrolle. Die Burg Kuressaare (Arensburg) diente als Verwaltungssitz und Festung. Die dänische Herrschaft brachte relative Stabilität in einer Zeit regionaler Kriege. Der Adel (die Oselsche Ritterschaft) behielt weitgehende Privilegien, und die Insel profitierte von Handelsverbindungen über die Ostsee. Dennoch war Ösel für Dänemark ein entlegener Außenposten, der hohe Verwaltungskosten verursachte und militärisch schwer zu verteidigen war. Die einheimische estnische Bevölkerung blieb leibeigen und unter der Herrschaft des deutschbaltischen Adels. Im Nordischen Krieg (im Kontext des Dreißigjährigen Krieges) eroberte Schweden 1645 im Frieden von Brömsebro Ösel von Dänemark.

Schwedische Herrschaftszeit

Die schwedische Herrschaft über Ösel begann mit dem Frieden von Brömsebro am 13. August 1645, der den Torstenson-Krieg (einen Nebenkrieg des Dreißigjährigen Krieges) zwischen Schweden und Dänemark-Norwegen beendete. Schweden, unter der Regentschaft von Königin Christina und geleitet von Axel Oxenstierna, erzielte bedeutende Gebietsgewinne: Neben den norwegischen Provinzen Jämtland und Härjedalen, der Insel Gotland und Halland (auf 30 Jahre) trat Dänemark die Insel Ösel (Saaremaa) endgültig an Schweden ab. Damit wurde Ösel in das schwedische Estland integriert, das seit den 1620er Jahren schrittweise das gesamte heutige Estland umfasste (das Festland bereits seit dem Vertrag von Altmark 1629).

Unter schwedischer Herrschaft erlebte Ösel eine Phase relativer Stabilität und Modernisierung im Vergleich zu den kriegszerstörten Jahrzehnten zuvor. Die Insel wurde administrativ dem General-gouvernement Livland oder direkt dem schwedischen Estland zugeordnet, mit der Burg Kuressaare (schwedisch Arensburg) als zentralem Verwaltungs- und Festungssitz. Ab den 1680er Jahren modernisierten die Schweden die Burg weiter, unter anderem durch den Bau eines neuen Haupttores und Verstärkungen. Der lokal ansässige deutschbaltische Adel (die Oselsche Ritterschaft) behielt seine Privilegien und spielte eine wichtige Rolle in der Verwaltung. Die schwedische Zeit gilt in der estnischen Geschichtsschreibung oft als „gute schwedische Zeit“ (rootsi aeg), da Reformen eingeführt wurden, die das Los der leibeigenen estnischen Bauern milderten: Die Reduktion unter Karl XI. in den 1680er Jahren führte zur Rückgabe vieler Güter an die Krone, was die Macht des Adels einschränkte. Es gab Verbesserungen im Bildungswesen (zum Beispiel Schulgründungen). Eine genauere Landvermessung und Katasterisierung.

Dennoch blieb die Gesellschaft stark hierarchisch, und die estnische Bevölkerung war weiterhin leibeigen. Ösel profitierte von seiner strategischen Lage in der Ostsee durch Handel und als militärischer Stützpunkt, war aber auch exponiert gegenüber kriegerischen Auseinandersetzungen.

Der Untergang der schwedischen Herrschaft kam mit dem Großen Nordischen Krieg (1700 bis 1721), in dem Schweden gegen eine Koalition aus Russland, Dänemark-Norwegen, Sachsen-Polen und später Preußen kämpfte. Die Insel Ösel wurde früh in den Krieg hineingezogen: Russische Truppen unter Zar Peter dem Großen besetzten Teile Estlands ab 1704/05, und 1710 fiel die Insel faktisch an Russland, obwohl schwedische Kräfte noch Widerstand leisteten. Bedeutend war das Seegefecht bei Ösel im Juni 1719, bei dem eine russische Flottille unter Kapitän Naum Senjawin drei schwedische Schiffe zur Kapitulation zwang – ein Symbol für den Verlust der schwedischen Ostseeherrschaft. Die formelle Abtretung erfolgte im Frieden von Nystad (1721), mit dem Schweden seine baltischen Provinzen (einschließlich Estland, Livland und Ösel) an Russland abtreten musste. Damit endete die schwedische Periode auf Ösel nach rund 76 Jahren.

Russische Herrschaftszeit

Die russische Herrschaftszeit auf Ösel (heute Saaremaa) begann 1721 mit dem Frieden von Nystad, der den Großen Nordischen Krieg beendete, und dauerte bis 1918, als die Insel Teil der unabhängigen Republik Estland wurde. Sie umfasste fast zwei Jahrhunderte und war geprägt von der Integration in das Russische Reich, der Dominanz des deutschbaltischen Adels und schrittweisen Reformen, die jedoch die estnische Bevölkerung lange in Abhängigkeit hielten.

Nach der Abtretung durch Schweden wurde Ösel in das Gouvernement Estland (Estljandskaja gubernija) eingegliedert, das die baltischen Provinzen Estland, Livland und Kurland umfasste, mit besonderen Autonomierechten für den lokalen deutschbaltischen Adel. Zar Peter der Große bestätigte 1710/21 ausdrücklich die Privilegien der baltischen Ritterschaften, um ihre Loyalität zu sichern: Der Adel behielt seine Güter, die Gerichtsbarkeit über die Bauern und die lutherische Konfession. Die Burg Kuressaare (Arensburg) verlor ihre militärische Bedeutung, da die Westgrenze des Reiches nun weiter entfernt lag, und diente fortan als Verwaltungssitz und Residenz. Die Insel blieb ein entlegener, agrarisch geprägter Außenposten mit Handel über die Ostsee, doch die russische Zentralgewalt mischte sich zunächst wenig ein.

Die estnische Bevölkerung, die Mehrheit der Inselbewohner, blieb bis ins 19. Jahrhundert leibeigen. Die Leibeigenschaft war hier besonders streng, da der deutschbaltische Adel (die Oselsche Ritterschaft) uneingeschränkte Herrschaft über die Güter ausübte. Bauern waren an den Boden gebunden, mussten Frondienste leisten und hatten kaum Rechte. Erst unter Zar Alexander I. kamen Reformen: In Estland wurde die Leibeigenschaft 1816 persönlich aufgehoben (die Bauern wurden frei, blieben aber an den Boden gebunden), auf Ösel folgte dies 1817 bis 1819. Die vollständige Befreiung mit der Möglichkeit, Land zu erwerben, zog sich jedoch bis in die 1860er Jahre hin, im Rahmen der großen Bauernreformen Alexanders II. (1861 im gesamten Reich). Diese Reformen milderten die Abhängigkeit, führten aber zu einer Verarmung vieler Bauern, da sie Land oft nur gegen hohe Abgaben erwerben konnten.

Im 19. Jahrhundert erlebte Ösel eine Phase wirtschaftlicher Entwicklung und besserer Erschließung: Die wirtschaftliche Erschließung und Entwicklung Saaremaas wurde vor allem 1858 mit der Eröffnung von Schiffsverbindungen nach Riga und Sankt Petersburg und 1888 mit der Aufnahme von Fährverbindungen nach Muhu und dem estnischen Festland vorangetrieben. 1894 erfolgte der Bau des Hafens von Roomassaare und zwei Jahre später schließlich mit der Errichtung einer Landbrücke über den Väike Väin (Kleiner Sund) der Anschluss Saaremaas an Muhu. 1912 wurde die selbstständige Energieversorgung mit dem Bau eines Elektrizitätswerkes ermöglicht. Der Ausbau von Kuressaare als Kurort (mit Heilbädern ab den 1840er Jahren) zog russische Adlige und Urlauber an. Die Insel profitierte von der Getreideexportwirtschaft der baltischen Provinzen. Kulturell und administrativ dominierten weiterhin die Deutschbalten, die Schulen, Kirchen und Vereine kontrollierten. Eine estnische Nationalbewegung entstand erst spät, beeinflusst vom allgemeinen Erwachen im Baltikum (zum Beispiel durch Zeitungen und Gesangsvereine).

Ab den 1880er Jahren setzte unter Alexander III. und Nikolaus II. eine Politik der Russifizierung ein: Russisch wurde Amtssprache in Verwaltung und Schulen, die Autonomie der baltischen Provinzen wurde eingeschränkt, und russische Beamte ersetzten deutschbaltische. Dies löste Widerstand bei den Deutschbalten aus, stärkte aber indirekt das estnische Nationalbewusstsein. Während der Revolution von 1905 kam es auch auf Ösel zu Unruhen: Bauernaufstände gegen Gutshöfe, Streiks und Forderungen nach Landreform. Die russische Strafexpedition schlug diese nieder, doch die Ereignisse förderten die politische Mobilisierung.

Weltkriegsära

Der Erste Weltkrieg brachte dramatische Veränderungen. Im Ersten Weltkrieg bildete die Insel einen wichtigen Stützpunkt der russischen Flotte, wurde jedoch Ende 1917 in der Operation Albion von den Deutschen erobert; sie zogen aber nach dem Waffenstillstand von 1918 wieder ab. Nach der Oktoberrevolution und dem Frieden von Brest-Litowsk (März 1918) endete die russische Herrschaft vorübergehend. Die deutsche Besatzung dauerte bis November 1918.

Mit Erlangung der Unabhängigkeit am 24. Februar 1918 wurde die Insel Teil des neu entstandenen estnischen Staates. Der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt von 1939 zwang die baltischen Staaten zur Stationierung sowjetischen Militärs auf eigenem Territorium und führte zu einer erneuten Besetzung Estlands. Auf Saaremaa wurden zwei sowjetische Luftwaffenstützpunkte errichtet, von denen aus sowjetische Fliegerkräfte nach dem Überfall Deutschlands zwischen 7. August und 5. September 1941 einige Angriffe auf die Vororte Berlins flogen, so zum beispiel in der Nacht zum 8. August 1941 unter dem Befehl des Obersten Jewgeni Preobraschenski.

1941 bis 1944 war die Insel von den Deutschen besetzt, zahlreiche Bewohner der Halbinsel Sõrve (Sworbe) wurden deportiert. Während des Zweiten Weltkrieges ereignete sich am 8. Oktober 1944 auf Sõrve eine der erbittertsten Schlachten des Krieges in Estland zwischen den sich von Saaremaa zurückziehenden Deutschen und den von Osten nachrückenden Sowjets (Unternehmen Aster). Heute erinnert bei Tehumardi ein 21 m hohes Mahnmal in Form eines abgebrochenen Schwertes an diese verlustreiche Auseinandersetzung, der Tausende zum Opfer fielen. Dabei wurde nahezu die gesamte Halbinsel dem Erdboden gleichgemacht, alte Geschützstände und verfallene Befestigungsanlagen befinden sich noch heute an der Südspitze Sõrves. Die Verwüstungen des Krieges und die Deportationen nach Deutschland und Russland reduzierten die Inselbevölkerung um mehr als 30 %. In der Nachkriegszeit war Saaremaa, bedingt durch die strategisch wichtige Lage an der Westgrenze der UdSSR und durch die massive Präsenz des dort stationierten sowjetischen Militärs (rund 4000 ha Sperrgebiet), nahezu isoliert vom Festland, – selbst Esten benötigten eine Genehmigung, um die Insel zu betreten.

Kommunistische Zeit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Rote Armee im November 1944 die letzten deutschen Truppen von der Halbinsel Sõrve vertrieben hatte, wurde die Insel vollständig in das Sowjetsystem integriert. Die Nachkriegsjahre waren geprägt von schweren Verlusten: Durch Kriegshandlungen, Deportationen und Flucht hatte Saaremaa bis 1945 etwa 30 Prozent seiner Bevölkerung eingebüßt.

Ein zentrales Element der sowjetischen Politik war die Kollektivierung der Landwirtschaft. Im März 1949 fand die große Deportationswelle statt (Operation Priboi), bei der in Estland insgesamt über 20.000 Menschen, darunter viele aus Saaremaa, in Viehwaggons nach Sibirien transportiert wurden. Betroffen waren vor allem als „Kulaken“ eingestufte Bauernfamilien, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Diese Maßnahme brach den Widerstand gegen die Zwangskollektivierung und führte dazu, dass bis Ende 1949 ein Großteil der Höfe in Kolchosen umgewandelt wurde. Auf Saaremaa, wo die Landwirtschaft traditionell eine wichtige Rolle spielte, bedeutete dies einen tiefen Einschnitt in das soziale und wirtschaftliche Leben.

Aufgrund ihrer strategischen Lage an der westlichen Grenze der Sowjetunion wurde Saaremaa zu einem stark militarisierten Gebiet. Ab 1946 galt die gesamte Insel als geschlossene Grenzzone, was den Zugang für Ausländer und sogar für viele Festland-Esten stark einschränkte. Diese Restriktionen dauerten bis Ende der 1980er Jahre an. Es entstanden zahlreiche militärische Einrichtungen: Luftwaffenbasen wie in Aste und Kogula, Raketenstellungen, Garnisonen und Küstenverteidigungsanlagen. Orte wie Dejevo wurden eigens als Militärsiedlungen gegründet. Die Präsenz der Sowjetarmee prägte das Alltagsleben – Soldaten und Offiziersfamilien lebten in abgeschotteten Bereichen, während die lokale Bevölkerung oft mit Enteignungen und Zwangsumsiedlungen konfrontiert war. Die Insel diente als wichtiger Stützpunkt zur Überwachung der Ostsee und zur Abschreckung potenzieller westlicher Angriffe während des Kalten Krieges.

Trotz der Repressionen blieb die estnische Identität auf Saaremaa erhalten, wenngleich offiziell unterdrückt. Die wirtschaftliche Entwicklung konzentrierte sich auf Kolchosen, Fischerei und begrenzte Industrie; Tourismus war aufgrund der Sperrzone kaum möglich. Erst mit der Perestroika unter Michail Gorbatschow in den späten 1980er Jahren lockerten sich die Beschränkungen.

Moderne Zeit

Von 1989/90 an begann für Saaremaa ein langsamer, aber unaufhaltsamer Prozess der Rückkehr in die eigene Welt. Die Grenzsperre, die seit 1946 die Insel von Estland und vom Westen abgeschnitten hatte, wurde im Frühjahr 1990 offiziell aufgehoben; die letzten sowjetischen Posten an den Fähren von Virtsu und Triigi packten zusammen, und der erste Passagierdampfer aus Finnland legte im Sommer 1990 in Kuressaare an. Die Rote Armee räumte ihre Basen nur zögernd: Die Raketenstellungen auf dem Sõrve-Nasenrand, die Luftlandeübungsplätze bei Lootsa und die Garnisonen in Kärla und Kuressaare wurden erst 1991–1992 geräumt, oft unter Protest der Offiziersfamilien, die ihre Dienstwohnungen nicht hergeben wollten. Viele Kasernen verfielen, andere wurden in Schulen, Hotels oder Lager umgewandelt; die alten Betonbunker und Schießplätze stehen heute als stille Mahnmale herum.

Die Kolchosen, die seit 1949 das Land monopolisiert hatten, zerfielen in den ersten Monaten 1991. Bauern erhielten ihre Höfe zurück – oft nur noch als verwahrloste Grundstücke –, und die ersten privaten Landwirte pflügten mit geliehenen Traktoren Felder, die seit Jahrzehnten nur noch für Getreide exportiert worden waren. Fischereikollektive wie „Saare Kalakombinaat“ in Kuressaare versuchten, sich in Aktiengesellschaften umzuwandeln, doch der Markt brach ein: Die alten Abnehmer in Leningrad und Moskau zahlten nicht mehr, und die neuen im Westen wollten moderne Qualitätsstandards. In den Dörfern schlossen sich Genossenschaften zu Kooperativen zusammen, die Milch und Käse nach Finnland lieferten, und erste Bauernmärkte entstanden auf dem Kuressaareer Marktplatz.

Der Tourismus kam zögernd, aber schnell. 1990 zählte die Insel noch kaum 20.000 Übernachtungsgäste; 1992 waren es schon über 100.000. Alte Gutshöfe wie in Pöide oder Laimjala wurden zu Pensionen umgebaut, und die ersten westlichen Investoren – meist Finnen und Schweden – kauften verlassene Leuchttürme oder Küstengrundstücke. Die Fährverbindungen nach Finnland und Schweden verdichteten sich. 1994 fuhr die erste private Hochseeschiffslinie nach Stockholm. Gleichzeitig entdeckte man die Insel für sich selbst: Esten aus Tallinn und Tartu strömten in den Ferien an die Strände von Pärnu und Saaremaa, und die alten Sommerfräulein aus den 1930er Jahren – die „Saaremaa-Mädchen“ – wurden in Liedern und Filmen wieder sichtbar.

Politisch war die Zeit geprägt von Euphorie und Orientierungslosigkeit. Die erste freie Lokalwahl auf Saaremaa fand 1990 statt. Die Unabhängigkeitspartei gewann haushoch. Doch bald zeigten sich Risse: Die russischsprachigen Soldatenfamilien, die seit Jahrzehnten auf der Insel lebten, wurden nach dem Abzug der Armee obdachlos und gründeten provisorische Siedlungen in verlassenen Kasernen. Ein Teil blieb, lernte Estnisch und integrierte sich; ein anderer Teil kehrte nach Russland zurück. Die alten Deportierten aus Sibirien kamen in kleinen Gruppen heim, oft nur, um verlassene Häuser zu finden, in denen fremde Leute wohnten. Die Gemeinden richteten Fonds für Entschädigungen ein, doch das Geld reichte nie aus.

Wirtschaftlich pendelte Saaremaa zwischen Hoffnungen und Rückschlägen. Die ersten Privatbanken öffneten Filialen in Kuressaare, gaben Kredite für Holzverarbeitung und Fischerei – und gingen 1995 pleite. Die Insel lernte, dass „Marktwirtschaft“ nicht nur Freiheit, sondern auch Pleite bedeutet. Dennoch entstanden neue Branchen. Die Glasmanufaktur in Kannelmäe, die alten Schifferhäuser in Karja wurden zu Ateliers für Kunsthandwerk, und die erste Mobilfunkantenne wurde 1996 auf dem Hügel bei Tehumardi errichtet. Die EU-Beitrittsverhandlungen ab 1998 brachten Strukturfördergelder: Straßen wurden geteert, die Fähre nach Muhu vergrößert, und die erste Autobahnverbindung nach Pärnu entstand.

Kulturell erlebte die Insel eine Renaissance. Die estnische Sprache, die in Schulen und Ämtern jahrzehntelang nur geduldet worden war, wurde wieder zum Alltag. Das Saaremaa-Opernfestival startete 1997 mit „Carmen“ im alten Kloster von Karja, und die Folkgruppe „Untsakad“ machte die alten Saaremaa-Lieder wieder populär. Gleichzeitig entdeckte man die deutschbaltische Vergangenheit neu: Die Ruinen der Bischofsschlösser in Kuressaare und Haapsalu wurden restauriert, und deutsche Touristen kamen, um die Spuren ihrer Vorfahren zu suchen.

Ab Mitte März 2020 wurde die Insel im Zuge der Corona-Maßnahmenpolitik für Nichtansässige gesperrt, Fährverbindungen eingeschränkt und ein strenger Lockdown verhängt. Der Notstand in Estland dauerte bis Mai 2020, mit Schulschließungen und Versammlungsverboten.​ Bis Ende Mai 2020 gingen die Fallzahlen auf Saaremaa auf null neue Infektionen pro Woche zurück. Die Insel kehrte zu normaleren Bedingungen zurück, während Estland landesweit bis 2022 in der Lockdown-Politik verharrte.

Verwaltung

Saaremaa ist die Hauptinsel des Kreises Saare (estnisch Saare maakond) in der Republik Estland.


Herrschaftsgeschichte

  • 9. Jahrhundert bis 1222 Öselische Königtümer (Oesilienses bzw. paganos Estones de Osilia insula)
  • 1222 bis 1227 Königreich Dänemark (Kongedømmet Danmark)
  • 1227 bis 1559/60 Fürstbistum Ösel-Wiek (Saare-Lääne piiskopkond), unter dem Heiligen Römischen Reich (Sacrum Romanum Imperium) als Teil von Terra Mariana / Livland
  • 1559/60 bis 13. August 1645 Königreich Dänemark (Kongeriget Danmark)
  • 13. August 1645 bis 1721 Königreich Schweden (Svenska riket)
  • 1721 bis Oktober 1917 Russisches Reich (Rossijskaja Imperija)
  • Oktober 1917 bis November 1918 Deutsche Kaiserreich
  • 24. Februar 1918 bis Juni 1940 Republik Estland (Eesti Vabariik)
  • Juni 1940 bis Augnust 1941 Estnische Sozialistische Sowjetrepublik (Eesti Nõukogude Sotsialistlik Vabariik) der Sowjetunion (Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik)
  • August 1941 bis Juli 1944 Generalbezirk Estland im Reichskommissariat Ostland des Deutsches Reiches
  • Juli 1944 bis 20. Auigust 1991 Estnische Sozialistische Sowjetrepublik (Eesti Nõukogude Sotsialistlik Vabariik) der Sowjetunion (Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik), ab 1946 militärische Sperrzone
  • seit 20. August 1991 Kreis Saare (Saare Maakond) der Republik Estland (Eesti Vabariik)

Legislative und Exekutive

Die legislative (gesetzgebende) und exekutive (ausführende) Gewalt auf Saaremaa (der Insel Ösel) werden im Rahmen des estnischen Systems der lokalen Selbstverwaltung organisiert. Seit der Verwaltungsreform 2017 bildet fast die gesamte Insel Saaremaa (einschließlich Kuressaare und kleinerer umliegender Inseln) eine einzige Landgemeinde (Saaremaa vald). Dies ist die größte und bevölkerungsreichste Landgemeinde Estlands mit Sitz in Kuressaare.

Die legislative Gewalt liegt beim Saaremaa Vallavolikogu (Gemeindevertretung oder Gemeinderat). Dieser besteht aus 31 Mitgliedern, die alle vier Jahre bei den Kommunalwahlen direkt gewählt werden. Der Volikogu ist das höchste Entscheidungsorgan der Gemeinde und verabschiedet den Haushalt, lokale Verordnungen, Entwicklungspläne und andere grundlegende Regelungen Er tagt in der Regel monatlich (außer im Juli) im Rathaus von Kuressaare. Der Vorsitzende des Volikogu (Volikogu esimees) leitet die Sitzungen und repräsentiert den Rat. Nach den Kommunalwahlen 2025 (Stand Anfang 2026) wurde Kristjan Moora zum Vorsitzenden gewählt.

Die exekutive Gewalt wird von der Saaremaa Vallavalitsus (Gemeinderegierung) ausgeübt. Diese wird vom Volikogu ernannt und setzt die Beschlüsse des Rates um. Die Vallavalitsus umfasst mehrere Mitglieder (meist 5 bis 7), die für verschiedene Ressorts zuständig sind. Aktuell (Stand Ende 2025 / Anfang 2026) bildeten Isamaa, EKRE und eine weitere Partei eine Koalition; der Vallavanem ist aus dieser Koalition hervorgegangen (genaue Person kann je nach aktueller Lage variieren, aber die Struktur bleibt gleich).

Die Gemeinde ist in 13 Bezirke unterteilt, die jeweils eigene beratende Bezirksräte haben, aber die zentrale Macht liegt bei Volikogu und Vallavalitsus in Kuressaare.

Auf Landesebene (Saare maakond) gibt es keine eigene gewählte Legislative oder Exekutive mehr – die ehemaligen Maavalitsused (Kreisregierungen) wurden 2018 abgeschafft. Stattdessen koordiniert der Staat Aufgaben über zentrale Behörden, während die lokale Selbstverwaltung vollständig bei der Saaremaa vald liegt.

Inseloberhaupt

Höchster Repräsentant der Insel ist der Vallavanem (Gemeindevorsteher oder Bürgermeister) von Saaremaa vald, der die tägliche Verwaltung leitet und die Gemeinde nach außen vertritt.


Vallavanemad (Bürgermeister)

  • 3 Nov 2017 - 27 Mai 2020  Madis Kallas
  • 28 Mai 2020 - 26 Nov 2021  Mikk Tuisk
  • 26 Nov 2021 - 18 Jul 2022  Madis Kallas [2]
  • 18 Jul 2022 - 4  Dez 2025  Mikk Tuisk [2]
  • seit 3 Dez 2025 Rainer Antsar

Politische Gruppierungen

Zu den wichtigsten politischen Parteien, die auf Saaremaa aktiv sind oder waren, gehören:

  • Die Eesti Reformierakond (Estnische Reformpartei) ist eine liberale Partei, die wirtschaftliche Freiheit, Unternehmertum und europäische Integration betont. Auf Saaremaa ist sie vor allem in Kuressaare und in wirtschaftsnahen Kreisen vertreten und stellt regelmäßig Kandidaten für den Gemeinderat.
  • Die Eesti Keskerakond (Zentrumspartei) hat traditionell eine starke Basis in ländlichen Regionen Estlands. Auf Saaremaa tritt sie mit sozial orientierten Programmen auf, die sich auf regionale Entwicklung, soziale Sicherheit und öffentliche Dienstleistungen konzentrieren.
  • Die Isamaa (Vaterlandspartei) ist konservativ-national geprägt und legt Wert auf estnische Identität, Kultur und kommunale Selbstverwaltung. Auf Saaremaa findet sie Unterstützung bei traditionell und patriotisch orientierten Wählern.
  • Die Sotsiaaldemokraatlik Erakond (Sozialdemokratische Partei) ist ebenfalls vertreten, wenn auch meist schwächer. Sie setzt sich auf Saaremaa vor allem für soziale Gerechtigkeit, Bildung, Umwelt- und Kulturförderung ein.
  • Die Eesti Konservatiivne Rahvaerakond (EKRE), eine nationalkonservative und rechtspopulistische Partei, hat auch auf Saaremaa Anhänger, insbesondere in ländlichen Gebieten. Themen wie nationale Souveränität, Skepsis gegenüber Zentralregierung und EU sowie traditionelle Werte spielen hier eine Rolle.


Neben diesen Parteien sind auf Saaremaa unabhängige Wahlbündnisse und Bürgerlisten besonders wichtig. Sie entstehen oft rund um lokale Persönlichkeiten, ehemalige Bürgermeister oder engagierte Bürger und konzentrieren sich auf praktische Themen wie Infrastruktur, Tourismus, Umweltschutz und Gemeindefinanzen. In den Kommunalwahlen erzielen solche lokalen Listen häufig sehr gute Ergebnisse und können parteigebundene Kandidaten übertreffen.

Seit der Gemeindereform 2017, durch die fast ganz Saaremaa zu einer einzigen Gemeinde zusammengefasst wurde, hat sich die Politik stärker zentralisiert, gleichzeitig aber die Bedeutung persönlicher Netzwerke und lokaler Interessenvertretung weiter verstärkt. Insgesamt ist die Politik auf Saaremaa weniger ideologisch geprägt als auf nationaler Ebene und stark auf Konsens, lokale Bedürfnisse und langfristige Entwicklung ausgerichtet.

Justizwesen und Kriminalität

Das Justizwesen auf Saaremaa ist vollständig in das estnische Justizsystem integriert, das dreistufig aufgebaut ist: Maakohtud (Landgerichte) als erste Instanz, Ringkonnakohtud (Bezirksgerichte) als zweite und der Riigikohus (Oberster Gerichtshof) als dritte Instanz. Auf Saaremaa gibt es kein eigenständiges Landgericht; die Insel fällt in den Zuständigkeitsbereich des Pärnu Maakohus (Landgericht Pärnu). Dieser bearbeitet Zivil-, Straf- und Verwaltungsverfahren sowie Ordnungswidrigkeiten für die gesamte Region, einschließlich Saaremaa. Gerichtsverhandlungen, die Saaremaa betreffen, finden oft in Kuressaare statt, etwa in einem örtlichen Gerichtsgebäude oder durch auswärtige Sitzungen des Pärnu Maakohtus, um die Erreichbarkeit zu gewährleisten.

Die Staatsanwaltschaft (Prokuratuur) ist ebenfalls zentral organisiert; für Saaremaa zuständig ist die Bezirksstaatsanwaltschaft im Rahmen der Lääne Ringkonnaprokuratuur. Strafvollzug erfolgt nicht auf der Insel selbst – es gibt auf Saaremaa kein Gefängnis. Verurteilte werden in Anstalten auf dem Festland untergebracht, wie etwa in Tartu oder Tallinn.

Die Polizei wird von der Politsei- ja Piirivalveamet (Polizei- und Grenzschutzbehörde) wahrgenommen. Auf Saaremaa gibt es die Kuressaare Politseijaoskond in der Lääne Prefektuur mit einer Hauptstelle in Kuressaare (Transvaali tn 58) und kleineren Dienststellen in anderen Orten der Insel. Die Polizei ist für Prävention, Ermittlungen und öffentliche Ordnung zuständig und arbeitet eng mit der Gemeinde Saaremaa vald zusammen.

Zur Kriminalität gilt Saaremaa als eine der sichersten Regionen Estlands. Die Insel hat eine niedrige Kriminalitätsrate, deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Schwere Gewaltverbrechen wie Mord oder schwere Körperverletzung sind extrem selten; die registrierten Delikte betreffen hauptsächlich kleinere Eigentumsdelikte (Diebstähle, Einbrüche), Verkehrsverstöße, häusliche Streitigkeiten oder Alkohol-bedingte Ordnungswidrigkeiten. In Kuressaare, der Hauptstadt der Insel, werden Kriminalitätsindizes wie Diebstahl oder Vandalismus als sehr niedrig eingestuft (oft unter 20 auf einer Skala bis 100). Drogenkriminalität ist minimal und beschränkt sich meist auf Konsumfälle.

Flagge und Wappen

Die Flagge und das Wappen von Saaremaa beziehen sich heute hauptsächlich auf die Saaremaa vald (Landgemeinde Saaremaa), die seit der Verwaltungsreform 2017 fast die gesamte Insel sowie umliegende kleinere Inseln umfasst. Die Symbole wurden nach der Gemeindezusammenlegung entwickelt und offiziell eingeführt.

Das Wappen der Saaremaa vald zeigt auf einem blauen Schild (der das Meer symbolisiert) ein silbernes (hõbedane) altes Schiff (muinaslaev) in Frontansicht mit gehisstem Segel. Auf dem Segel ist ein blauer fallender Komet (langev sabatäht) abgebildet. Das Schiff stellt das bekannteste heraldische Symbol Saaremaas dar und verweist auf die uralte Seefahrerkultur der Inselbewohner, ihre maritimen Traditionen sowie den Austausch mit anderen Völkern. Der Komet symbolisiert Hoffnung, Zukunft und besondere Ereignisse in der Geschichte der Insel.

Die Flagge der Saaremaa vald ist blau mit einem wellenförmigen oder plateauartigen goldenen (oder weißen) Streifen im unteren Bereich, der Licht, Wahrheit und Erfolg darstellt. In der Mitte der Flagge ist das Wappen platziert. Das Blau dominiert und steht für das Meer sowie die Wellen an der Küste.

Historisch hatte der Saare maakond (Kreis Saare, bis 2017) ein anderes Wappen: Auf blauem Grund ein silbernes Wikingerschiff mit gehisstem Segel und sieben goldenen Schilden an der Bordwand. Dieses Wappen wurde 1937 genehmigt und betonte ebenfalls die maritime Vergangenheit. Die dazugehörige Kreisflagge war weiß-grün geteilt mit dem Wappen in der Mitte. Seit der Abschaffung der Kreisebene als Verwaltungseinheit werden diese Symbole seltener verwendet, während die Symbole der Saaremaa vald die aktuellen offiziellen Zeichen der Insel darstellen.

Hauptstadt

Die Hauptstadt der Insel Saaremaa (und historisch auch des Kreises Saare) ist Kuressaare. Diese Rolle als administratives und wirtschaftliches Zentrum der Insel nimmt der Ort bereits seit dem Mittelalter ein, als um die Bischofsburg (heute Kuressaare Burg) eine Siedlung entstand, die später zur Stadt wurde.

Die Stadt entstand im 14. Jahrhundert um die 1380er Jahre erbaute Bischofsburg des Bistums Ösel-Wiek und wurde erstmals um 1381 als Arensburg erwähnt. Der historische deutsche Name Arensburg (niederdeutsch Adlerburg) leitet sich vom Adler im Stadtwappen ab, der das Symbol des Evangelisten Johannes darstellt. Auch der estnische Name Kuressaare (etwa „Kranichinsel“) geht wahrscheinlich auf eine volksetymologische Fehlinterpretation dieses Wappenbildes zurück (estnisch kurg = Kranich). Arensburg erhielt 1563 unter dänischer Herrschaft offizielle Stadtrechte und blieb bis ins 20. Jahrhundert der Verwaltungssitz der Insel.

In der sowjetischen Zeit wurde die Stadt von 1952 bis 1988 in Kingissepa umbenannt, nach dem estnischen Kommunisten Viktor Kingissepp. Der Name Kuressaare wurde 1988 wiederhergestellt. Bereits 1990 erlangte Kuressaare als erste Stadt Estlands nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit das Recht zur kommunalen Selbstverwaltung zurück.

Seit der estnischen Verwaltungsreform 2017 ist Kuressaare der Sitz der Saaremaa vald (Landgemeinde Saaremaa), die fast die gesamte Insel umfasst, und bleibt damit unbestritten die Hauptstadt der Insel. Eine andere Stadt oder ein anderer Ort hat diese Funktion historisch nie übernommen – Kuressaare ist die einzige Stadt auf Saaremaa und war stets das natürliche Zentrum.

Verwaltungsgliederung

Innerhalb der Saaremaa vald gibt es keine weiteren eigenständigen Gemeinden, sondern die Gemeinde ist in 13 Bezirke (osavallad) gegliedert. Diese Bezirke dienen der dezentralen Verwaltung, der Erhaltung lokaler Identität und der Bürgerbeteiligung; sie haben beratende Osavallakogu (Bezirksräte) und eigene Osavallavanem (Bezirksvorsteher). Die 13 Osavallad sind:

  • Kaarma osavald
  • Kihelkonna osavald
  • Kärla osavald
  • Lääne-Saare osavald
  • Muhu osavald (umfasst die Insel Muhu)
  • Mustjala osavald
  • Orissaare osavald
  • Pihtla osavald
  • Pöide osavald
  • Salme osavald
  • Torgu osavald
  • Valjala osavald
  • Kuressaare linnapiirkond (der städtische Bereich von Kuressaare)


Jeder Osavald umfasst mehrere Dörfer (külad) und Kleinstädte (alevikud). Insgesamt gibt es in der Saaremaa vald über 450 offizielle Siedlungen, darunter eine Stadt (Kuressaare), mehrere Alevikud (wie Aste, Salme, Orissaare) und zahlreiche Külad.

Vor der Reform 2017 war Saaremaa in 12 separate Gemeinden aufgeteilt (darunter die Stadtgemeinde Kuressaare und 11 Landgemeinden), die dann zur einheitlichen Saaremaa vald fusioniert wurden. Diese Struktur gewährleistet eine effiziente zentrale Verwaltung bei gleichzeitiger Berücksichtigung regionaler Besonderheiten auf der Insel.

Gemeinde Fläche (km²) Einwohner Dichte (E/km²)
1 Kaarma (Karmel) 400 4.225 10,5
2 Kärla (Kergel) 218 1.995 9,2
3 Kihelkonna (Kielkond) 246 1.097 4,5
4 Kuressaare (Arensburg) 15 16.111 1.074
5 Laimjala (Laimjall) 116 934 8,0
6 Leisi (Laisberg) 348 2.521 7,2
7 Lümanda (Lümmada) 199 995 5,0
8 Muhu (Mohn) 206 2.169 10,5
9 Mustjala (Mustel) 236 926 3,9
10 Orissaare (Orrisaar) 136 2.391 17,6
11 Pihtla (Pichtendahl) 228 1.616 7,1
12 Pöide (Peude) 123 1.134 9,2
13 Ruhnu (Runö) 11,5 72 6,3
14 Salme 115 1.371 11,9
15 Torgu (Torken) 126 468 3,7
16 Valjala (Wolde) 180 1.653 9,2
Saare Maakond (Ösel) 2.904 39.678 13,7
Verwaltungseinheit Hauptort km² Einwohner Dörfer Küste (km) Gründung
2003 2010 2012
Kuressaare linn 14,9 14 951 14 977 1. 10. 1990
Kaarma vald Kuressaare 391,5 3 919 3 914 70 15. 6. 1999
Kihelkonna vald Kihelkonna alevik 245,9 935 844 42 33 12. 3. 1992
Kärla vald Kärla alevik 216,3 1 759 1 580 23 21 12. 3. 1992
Laimjala vald Laimjala küla 116,3 802 770 24 40 26. 9. 1991
Leisi vald Leisi alevik 348,4 2 165 2 066 54 42 20. 12. 1990
Lümanda vald Lümanda küla 199,5 845 797 25 32 17. 8. 1993
Muhu vald Liiva küla 206,1 1 841 1 697 52 68 25. 9. 1990
Mustjala vald Mustjala küla 235,5 774 732 21 31 12. 3. 1992
Orissaare vald Orissaare alevik 163 2 078 2 012 37 56 11. 7. 1991
Pihtla vald Pihtla küla 228,1 1 441 1 376 41 15 12. 3. 1992
Pöide vald Tornimäe küla 123,6 991 932 30 58 26. 9. 1991
Ruhnu vald Ruhnu küla 11,5 64 72 1 70 19. 12. 1991
Salme vald Salme alevik 115,1 1 199 1 168 25 19 30. 7. 1992
Torgu vald Iide küla 126,4 387 346 22 44 11. 3. 19932
Valjala vald Valjala alevik 180 1 433 1 361 33 26 26. 3. 1992


           Verwaltungseinheiten:

           13 osavallad (Bezirke), davon einer auf Muhu

                       1 linn (Stadt)

                       8 alevikud (Kleinstädte)

                       493 külad (Dörfer), davon 52 auf Muhu

Bevölkerung

Im Folgenden die Entwicklung der Bevölkerungszahl samt Dichte, bezogen auf die offizielle Fläche von 2.718 km².


           Bevölkerungsentwicklung:

           Jahr                 Einwohner      Dichte (E/km²)

           1900                60 000             22,08

           1950                35 000             12,88

           1960                36 000             13,25

           1970                37 000             13,61

           1979                38 482             14,16

           1990                38 000             13,98

           2000                33 980             12,50

           2001                33 500             12,33

           2002                33 000             12,14

           2003                32 500             11,96

           2004                32 000             11,77

           2005                31 600             11,63

           2006                31 200             11,48

           2007                30 800             11,33

           2008                30 400             11,19

           2009                30 000             11,04

           2010                29 850             10,98

           2011                29 779             10,96

           2012                29 750             10,95

           2013                29 720             10,94

           2014                29 700             10,93

           2015                29 680             10,92

           2016                29 660             10,91

           2017                29 640             10,91

           2018                29 620             10,90

           2019                29 600             10,89

           2020                29 570             10,88

           2021                29 557             10,88

           2022                29 540             10,87

           2023                29 520             10,86

           2024                29 500             10,85


Die Bevölkerung sank von 1981 bis 2001 um durchschnittlich 0,375 % pro Jahr.

Volksgruppen

Die ursprünglichen Bewohner der Insel waren die Oeselier (Osilianer), ein finno-ugrischer Stamm, der eng mit den Esten verwandt ist. Sie lebten bereits in der Wikingerzeit (8. bis frühes 13. Jahrhundert) auf der Insel und waren als kühne Seefahrer und Krieger gefürchtet, die Raubzüge bis nach Skandinavien unternahmen. Die Oeselier widersetzten sich lange den Nordkreuzzügen und wurden erst 1227 vom Schwertbrüderorden (einem Vorläufer des Deutschen Ordens) unterworfen. Damit begann die Epoche der deutschen Herrschaft.

Ab dem 13. Jahrhundert siedelten sich Deutsche an, vor allem Adlige, Kaufleute und Geistliche. Die Insel wurde Teil des Bistums Ösel-Wiek, und der Deutsche Orden sowie später dänische und schwedische Einflüsse prägten die Oberschicht. Die einheimische estnische Bevölkerung blieb jedoch die Mehrheit und lebte meist als Bauern unter feudaler Herrschaft der deutschbaltischen Elite. Diese deutschbaltische Minderheit spielte bis ins 20. Jahrhundert eine dominante Rolle in Wirtschaft und Kultur.

Im 16. und 17. Jahrhundert wechselte die Herrschaft: Zunächst gehörte Ösel zu Dänemark (bis 1645), dann zu Schweden. Unter schwedischer Herrschaft erlebte die Insel eine wirtschaftliche Blüte, und es gab enge Verbindungen zu Skandinavien. Eine kleine Gruppe von Küstenschweden siedelte sich in den westestnischen Inseln an, allerdings weniger auf Saaremaa selbst als auf benachbarten Inseln wie Ruhnu oder Vormsi. Direkte schwedische Siedler auf Saaremaa waren rar, doch kulturelle Einflüsse blieben spürbar.

Ab 1710 (im Großen Nordischen Krieg) fiel die Insel an das Russische Reich. Die deutschbaltische Oberschicht behielt ihre Privilegien, und die estnische Bevölkerung blieb leibeigen bis zu den Reformen im 19. Jahrhundert. Im Russischen Reich wanderten einige Russen zu, vor allem als Militär oder Beamte, doch blieben sie eine kleine Minderheit.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Saaremaa 1918 Teil der unabhängigen Republik Estland. Die deutschbaltische Bevölkerung verlor an Einfluss, und 1939/40 wurde sie im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts größtenteils ins Deutsche Reich umgesiedelt. Viele Esten flohen während des Zweiten Weltkriegs, einige nach Schweden.

In der sowjetischen Zeit (1944 bis 1991) veränderte sich die demografische Zusammensetzung stärker: Durch Deportationen und Zuzug aus anderen Teilen der UdSSR, insbesondere Russen, stieg der Anteil nicht-estnischer Bewohner. Militärbasen auf der Insel zogen russischsprachige Familien an.

Heute ist Saaremaa ethnisch sehr homogen: Etwa 98 % der Einwohner sind Esten. Russen machen nur etwa 1 bis 2 % aus, und andere Minderheiten (wie Finnen) sind verschwindend gering. Im Vergleich zum estnischen Festland, wo Russen teilweise über 25 % stellen, blieb Saaremaa weitgehend estnisch geprägt – eine Folge der insularen Lage und der historischen Entwicklungen.

Sprachen

Die Sprache der Inselbewohner ist seit dem Mittelalter eine Variante des Estnischen, genauer gesagt der Saarer Dialekt (saarte murre). Dieser umfasst die Inseln Saaremaa, Hiiumaa, Muhu und Kihnu und zeichnet sich durch besondere Merkmale aus, wie das Fehlen oder die abweichende Aussprache des Vokals „õ“ (oft als offenes „ö“ oder ähnlich ersetzt), eine eigene Intonation und archaische Wortformen. Der Saaremaa-Dialekt gilt als einer der markantesten und am besten erhaltenen estnischen Dialekte, was auf die isolierte Lage der Insel zurückzuführen ist. Er wird auch heute noch von einem Teil der Bevölkerung gesprochen, wenngleich die Standardsprache zunehmend dominiert.

Ab dem 13. Jahrhundert, mit der Eroberung durch den Deutschen Orden und der Ansiedlung deutschbaltischer Adliger, wurde Niederdeutsch (später Hochdeutsch) zur Sprache der Oberschicht, der Verwaltung, des Handels und der Kirche. In der Zeit des Bistums Ösel-Wiek (13. bis 16. Jahrhundert) und unter dänischer sowie schwedischer Herrschaft war Deutsch die Amts- und Elitesprache. Die einheimische estnische Bevölkerung blieb jedoch bei ihrer Muttersprache, lernte aber oft Deutsch als Zweitsprache. Viele Ortsnamen und Lehnwörter im Estnischen zeugen noch heute von diesem Einfluss.

Unter schwedischer Herrschaft (1645 bis 1710) spielte Schwedisch eine Rolle als Verwaltungssprache, allerdings weniger stark als Deutsch zuvor. Direkte schwedische Siedler waren auf Saaremaa rar, doch es gab kulturelle und sprachliche Kontakte, insbesondere durch Handel und Militär.

Im Russischen Reich (ab 1710) wurde Russisch zur offiziellen Amtssprache, blieb aber auf Beamte und Militär beschränkt. Die deutschbaltische Elite behielt Deutsch als Umgangssprache, während die estnische Mehrheit ihre Dialekte pflegte. Im 19. Jahrhundert, mit der estnischen Nationalbewegung, gewann die Standardsprache Estnisch an Bedeutung, auch auf Saaremaa.

In der unabhängigen Republik Estland (1918 bis 1940) war Estnisch die einzige Amtssprache. Nach der Umsiedlung der Deutschbalten 1939/40 verschwand Deutsch fast vollständig als gesprochene Sprache. Während der sowjetischen Besatzung (1944 bis 1991) wurde Russisch als Zweitsprache stark gefördert, besonders durch Zuzug russischsprachiger Familien und Militärpersonal. Auf Saaremaa blieb der russische Anteil jedoch geringer als auf dem Festland.

Heute ist Estnisch (in der insularen Dialektvariante und der Standardsprache) mit über 98 % die Muttersprache der Einwohner. Russisch wird von etwa 1 % als Erstsprache gesprochen, und Englisch, Finnisch oder Deutsch sind als Fremdsprachen verbreitet, vor allem bei Jüngeren. Der Saaremaa-Dialekt erlebt sogar eine leichte Renaissance, da er als Teil der lokalen Identität gepflegt wird – etwa 17 % der estnischsprachigen Esten insgesamt sprechen einen Dialekt, und auf Saaremaa ist dieser Anteil höher.

Religion

Saaremaa, historisch als Ösel bekannt, hat eine Religionsgeschichte, die von vorchristlichen animistischen Traditionen über eine gewaltsame Christianisierung bis hin zur heutigen starken Säkularisierung reicht und damit typisch für Estland ist, jedoch mit insularen Besonderheiten.

Vor der Christianisierung praktizierten die Oeselier, die ursprünglichen Bewohner der Insel, eine vorchristliche finno-ugrische Religion, die animistisch und polytheistisch geprägt war. Sie verehrten Naturgeister, heilige Haine (hiied), Quellen und Steine, sowie Gottheiten wie den Donnergott Ukko (ähnlich dem finnischen oder estnischen Tharapita). Mythen und Rituale wurden mündlich überliefert, und archäologische Funde deuten auf Opferpraktiken und Kultstätten hin. Saaremaa galt als eine der letzten Bastionen dieser alten Glaubensformen in Estland; die Inselbewohner widersetzten sich lange der Christianisierung und unternahmen sogar Raubzüge gegen christliche Siedlungen.

Die Christianisierung erfolgte gewaltsam im Rahmen der Nordkreuzzüge. Saaremaa war der letzte estnische Landesteil, der sich ergab: Nach mehreren Aufständen wurde die Insel 1227 vom Schwertbrüderorden (später Deutscher Orden) erobert. Zunächst kam sie unter katholisches Bistum Ösel-Wiek, und zahlreiche mittelalterliche Steinkirchen entstanden, von denen viele – wie die Kirchen in Valjala, Karja oder Pöide – bis heute erhalten sind und zu den ältesten in Estland zählen. Der Katholizismus blieb jedoch auf die Oberschicht beschränkt, während die einheimische Bevölkerung langsam christianisiert wurde.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert wurde Saaremaa lutherisch, wie der Großteil Nordestlands. Unter schwedischer Herrschaft (1645 bis 1710) festigte sich das Luthertum als dominante Konfession der estnischen Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert, während der russischen Zeit, kam es zu einer kurzen Phase von Konversionen zur Russisch-Orthodoxen Kirche, vor allem im Osten Saaremaas, wo Landversprechen als Anreiz dienten. Dies führte zur Errichtung einiger orthodoxer Kirchen; insgesamt gibt es auf Saaremaa und Muhu etwa 17 orthodoxe Gotteshäuser, darunter einige Ruinen.

Die sowjetische Periode brachte starke Säkularisierung und Atheismusförderung mit sich: Kirchen wurden geschlossen, enteignet oder zweckentfremdet, und Religion wurde marginalisiert. Viele Elemente der alten Volksreligiosität überlebten jedoch in Bräuchen, wie Johannifeuern oder Naturverehrung.

Heute ist Saaremaa, wie ganz Estland, eines der säkularisiertesten Gebiete der Welt. Laut der Volkszählung 2021 gehören etwa 70 bis 75 % der Bevölkerung keiner Religion an oder geben keine an. Unter den Religiösen dominieren Lutheraner (evangelisch-lutherische Kirche) und Orthodoxe, wobei der lutherische Anteil auf der Insel traditionell höher ist als im landesweiten Durchschnitt (wo Orthodoxie bei 16 % liegt). Es gibt rund 40 Kirchen auf Saaremaa, überwiegend lutherisch, die oft als kulturelle Denkmäler dienen. Kleine Minderheiten umfassen Katholiken, Baptisten oder Neopagane (Maausk – Erdgläubige), die vorchristliche Traditionen wiederbeleben.

Römisch-Katholische Kirche

Das Fürstbistum Ösel-Wiek wurde 1228 vom Bischof Albert von Buxhöveden auf der estnischen Insel Ösel gegründet. Ab 1246 wurde es dem Erzbistum Riga unterstellt. Es umfasste außer der Insel Ösel auch Teile der Insel Dagö sowie das heutige estnische Festland im Westen, das man damals Wiek nannte. Der Sitz war nach mehrfachem Wechsel Arensburg. Die Bischöfe waren bis 1559 als Fürstbischöfe auch Reichsfürsten. Mit Einzug der Reformation wurde das Bistum aufgelöst. 1560 fiel Ösel an das Königreich Dänemark, während Dagö 1563 dem Königreich Schweden einverleibt wurde. 1645 fiel auch Ösel an Schweden. Das Gebiet des aufgelösten Bistums ging 1721 nach dem Großen Nordischen Krieg im Frieden von Nystad vollständig an das Russische Reich, wo es bis 1918 verblieb.


Bischöfe von Ösel

  • 1228 - 1229  Gottfried (Gedefricus, † 1257)
  • 1234 - 1260  Heinrich I.
  • 1262 - 1285  Hermann I. von Buxhoeveden
  • 1290 - 1294  Heinrich II.
  • 1297 - 1307  Konrad I.
  • 1310 - 1321  Hartung († 1323)
  • 1332 - 1337  Jakob
  • 1338 - 1362  Hermann II. Osenbrügge
  • 1363 - 1374  Konrad II.
  • 1374 - 1381  Heinrich III.
  • 1385 - 1419  Winrich von Kniprode
  • 1420 - 1423  Caspar Schuwenflug
  • 1423 - 1432  Christian Kuband
  • 1432 - 1438  Johann I. Schutte
  • 1439 - 1457  Johann II. Creul (Croveli, in Wiek 1449 - 1457) gemeinsam mit
  • 1449 - 1458  Ludolf Grove (1439 de facto, in Ösel und Dagö 1449 - 1457)
  • 1458 - 1471  Jodokus Hoenstein
  • 1471 - 1491  Peter Wetberg
  • 1492 - 1515  Johann III. Orgies
  • 1515 - 1527  Johann IV. Kyvel (Kievel)
  • 1528 - 1530  Georg von Tiesenhausen
  • 1532 - 1541  Reinhold Buxhoeveen († 1557)
  • 1542 - 1560  Johann V. von Münchhausen

Protestantischer Bischof

  • 1560 - 1572  Magnus, Herzog von Holstein († 1583)

Siedlungen

Kuressaare ist die mit Abstand größte Siedlung und einzige Stadt der Insel. Die größeren Orrtschaften sind:

Name Z 2000 Z 2011 Z 2021
Aste (Norden) 558 401 404
Aste (Süden) 171 190 175
Eikla 109 102 90
Haeska 94 84 86
Ilpla 74 61 74
Kaarma 77 91 72
Karja 233 187 161
Kärla 1,005 908 537
Kihelkonna 485 340 344
Kõljala 217 214 219
Kõrkküla 106 102 113
Kotlandi 73 63 58
Küdema 84 40 43
Kudjape 459 574 653
Kuressaare 14,925 13,166 13,034
Läätsa 108 95 93
Laheküla 103 210 261
Laimjala 129 108 89
Leisi 335 264 271
Lümanda (mit Kärdu, Põlluküla) 233 177 169
Mändjala 88 161 178
Metsküla 126 105 101
Muratsi 50 201 249
Mustjala 301 267 223
Nasva 336 340 342
Orissaare 1,084 841 784
Oti 75 68 74
Pähkla 170 162 134
Pärsama 242 252 230
Pihtla 107 83 118
Praakli 25 82 114
Püha 90 67 68
Sakla 107 88 89
Salme 586 469 421
Sandla 122 84 109
Suur-Rahula 64 67 59
Suur-Randvere (Randvere) 185 183 196
Tagavere 145 116 96
Tahula (mit Mõisaküla) 133 120 86
Tehumardi 62 77 81
Tiirimetsa 58 50 48
Tõlluste 64 48 39
Tõnija 72 43 46
Tornimäe 99 69 60
Turja 49 50 65
Upa 94 122 186
Vaivere 59 102 127
Valjala 513 410 414
Viki 65 41 48
Võhma 130 90 95


Kuressaare ist die einzige Stadt auf der Insel Saaremaa und das administrative, kulturelle sowie wirtschaftliche Zentrum der gesamten Region. Mit rund 13.200 Einwohnern (Stand 2024) beherbergt sie fast die Hälfte der Inselbevölkerung und gilt als die westlichste Stadt Estlands. Historisch als Arensburg bekannt, geht ihre Gründung auf das 14. Jahrhundert zurück, als der Deutsche Orden hier eine Festung errichtete. Das markanteste Wahrzeichen ist die Kuressaare Bischofsburg, eine der besterhaltenen mittelalterlichen Festungen im Baltikum, die heute ein Museum mit Exponaten zur Inselgeschichte beherbergt. Die Stadt war lange ein Kurort, berühmt für ihre Heilschlammbäder, und bietet eine charmante Altstadt mit historischen Gebäuden, einem kleinen Sandstrand, Parks und einem lebendigen Hafen. Kuressaare vereint mittelalterliche Atmosphäre mit modernem Insel-Leben und ist Ausgangspunkt für Touren zu Naturattraktionen wie dem Kaali-Meteoritenkrater.

Orissaare ist der zweitgrößte Ort im Norden Saaremaas. Es liegt auf der Halbinsel Orissaare und dient als lokales Zentrum für die umliegenden Dörfer. Historisch war der Ort von Landwirtschaft und Fischerei geprägt, und in der Nähe finden sich Ruinen der mittelalterlichen Maasi-Festung (Maasi ordulinnus), einer ehemaligen Vasallenburg aus dem 14. Jahrhundert, die als eine der interessantesten historischen Stätten der Insel gilt. Orissaare ist bekannt für seine ruhige Lage, umgeben von Wäldern und Küste, und beherbergt einen hohen Fernsehmast sowie kleine landwirtschaftliche Betriebe. Der Ort strahlt typische insulare Gelassenheit aus und ist ein guter Ausgangspunkt für Erkundungen der nördlichen Küstenregion.

Valjala ist ein alevik im zentralen Osten Saaremaas und war früher das Zentrum einer eigenen Gemeinde. Der Ort ist historisch bedeutsam als eine der ältesten Siedlungen der Insel: Hier befand sich eine prähistorische Burganlage, und Valjala gilt als eine der letzten Bastionen der Oeselier während der Christianisierung. Das Highlight ist die St. Martins-Kirche (Valjala kirik), die älteste erhaltene Steinkirche Estlands, deren Bau unmittelbar nach der Eroberung 1227 begann – sie ist ein beeindruckendes Beispiel mittelalterlicher Architektur mit gotischen und romanischen Elementen.

Aste ist ein kleiner alevik in der Nähe von Kuressaare. Der Ort liegt in einer fruchtbaren Region und ist vor allem für seine landwirtschaftliche Tradition bekannt. Historisch war Aste Teil der feudalen Gutswirtschaft unter deutschbaltischen Herren, und es gibt Spuren alter Siedlungen. Heute ist es ein ruhiges Wohngebiet mit typischen estnischen Häusern, umgeben von Natur. Besondere Sehenswürdigkeiten sind rar, doch die Nähe zur Hauptstadt macht Aste zu einem Vorort-ähnlichen Ort, der von Pendlern genutzt wird.

Kärla ist ein alevik im Westen Saaremaas. Der Ort liegt in einer hügeligen Landschaft und war historisch von Steinbrüchen und Landwirtschaft geprägt – Dolomitabbau spielte eine Rolle in der regionalen Wirtschaft. Kärla besitzt eine eigene Kirche und dient als lokales Zentrum mit Schulen und Geschäften. Die Umgebung ist reich an Natur, mit Wäldern und kleinen Seen, und der Ort strahlt die typische Saaremaa-Ruhe aus. Historische Gutshöfe in der Nähe zeugen von der feudalen Vergangenheit.

Verkehr

Das Verkehrsnetz der Insel ist sehr gut ausgebaut. Im Winter, wenn der Sund zwischen Virtsu und Kuivastu tief genug gefroren ist, kann man die Insel über eine auf dem Eis markierte Trasse mit Landfahrzeugen erreichen. Saaremaa ist mit dem benachbarten Muhu durch einen befahrbaren Damm verbunden, von Kuivastu (Kuiwast) an der Ostküste von Muhu bestehen Fährverbindungen zum Festlandhafen Virtsu (Werder).

Straßenverkehr

Der Straßenverkehr auf Saaremaa, der größten Insel Estlands, ist geprägt von einem umfangreichen, aber teilweise rustikalen Netz, das sich an die ländliche und dünn besiedelte Landschaft anpasst. Das gesamte Straßennetz umfasst etwa 3100 Kilometer, von denen jedoch nur ein Teil asphaltiert ist. Besonders in den dünn besiedelten Regionen im Südwesten und Nordosten sowie im Inselinneren dominieren Straßen mit Kiesdecke, die oft schmal und staubig sind und bei Regen matschig werden können. Die Hauptstraßen, wie die Nr. 10, sind hingegen meist asphaltiert und in gutem Zustand, was den Verkehr in den zentralen Bereichen um die Inselhauptstadt Kuressaare erleichtert.

Der individuelle Autoverkehr ist auf Saaremaa die dominierende Fortbewegungsart, da die Insel touristisch attraktiv ist und viele Besucher mit dem eigenen Fahrzeug oder Mietwagen anreisen – oft über die Fährverbindung von Virtsu nach Kuivastu. Kiesstraßen erfordern jedoch Vorsicht, niedrigere Geschwindigkeiten und geeignete Fahrzeuge, was den Charme der abgelegenen Gebiete unterstreicht, aber auch die Erreichbarkeit einschränkt.

Im öffentlichen Verkehr spielen Busse eine zentrale Rolle. Von Kuressaare aus verkehren mehrmals täglich Linienbusse über die Hauptstraße 10 in die estnische Hauptstadt Tallinn sowie nach Pärnu und Tartu. Diese Verbindungen werden durch den Transport der Busse auf der Fähre zwischen Kuivastu (auf Muhu, das mit Saaremaa durch einen Damm verbunden ist) und Virtsu auf dem Festland aufrechterhalten. Die Fahrten sind komfortabel, oft mit WLAN und modernen Annehmlichkeiten ausgestattet, und dauern je nach Route mehrere Stunden. Innerhalb der Insel gibt es zudem regionale Buslinien, die kleinere Orte anbinden, allerdings mit geringerer Frequenz.

Schiffsverkehr

Die wichtigste und frequenteste Verbindung ist die Fährroute Virtsu–Kuivastu. Virtsu liegt auf dem estnischen Festland, Kuivastu auf der benachbarten Insel Muhu, die über einen Damm mit Saaremaa verbunden ist. Diese Linie wird von der staatlichen Reederei TS Laevad betrieben und bietet ganzjährig mindestens 19 tägliche Überfahrten, deren Häufigkeit je nach Saison und Wochentag variiert. Die Fahrt dauert etwa 25 bis 30 Minuten, und Tickets können online oder vor Ort gebucht werden. In der Hochsaison werden zusätzliche Fähren wie die Regula eingesetzt, um Warteschlangen zu vermeiden. Diese Route ist die Lebensader für den Tourismus, den Pendlerverkehr und den Gütertransport nach Saaremaa.

Eine weitere Fährverbindung verbindet Saaremaa direkt mit der Insel Hiiumaa: Von Triigi (auf Saaremaa) nach Sõru (auf Hiiumaa) dauert die Überfahrt rund 65 Minuten, mit 1 bis 4 Abfahrten pro Tag je nach Jahreszeit. Diese Linie ist besonders für Inselhopper und Radfahrer attraktiv.

In der Vergangenheit war der Schiffsverkehr auf Saaremaa von Fischerei, Handel und militärischen Nutzungen geprägt – in der Sowjetzeit dienten Häfen auch militärischen Zwecken. Frühere Betreiber wie die Saaremaa Shipping Company (SLK) bedienten die Routen, bis der Staat die Verbindungen übernahm. Pläne für internationale Linien, etwa nach Lettland (Mõntu–Ventspils), wurden diskutiert, aber nicht umgesetzt.

Neben den Fährstationen gibt es mehrere Häfen auf der Insel, so vor allem den Hafen Saaremaa (auch Roomassaare Hafen) im Süden nahe Kuressaare ist ein Tiefwasserhafen mit bis zu 10 Metern Tiefe, der vor allem Kreuzfahrtschiffe empfängt. Der Kuressaare Yachthafen ist ein beliebter kleiner Hafen für Segelboote und Yachten. Roomassaare dient zudem Fracht und lokalen Schiffen.

Flugverkehr

Der Flughafen Kuressaare (estnisch Kuressaare lennujaam) liegt im Stadtteil Roomassaare, drei Kilometer südöstlich vom Zentrum von Kuressaare entfernt. Flugverbindungen gibt es (wenn auch zum Teil nicht ganzjährig) auf die Insel Ruhnu sowie nach Tallinn, Riga, Helsinki und Stockholm. Die nächstgelegenen Verkehrsflughäfen sind Kärdla (87 km), Riga (Lettland, 168 km), Tallinn (189 km), Tartu (245 km) und Visby (Schweden, 252 km).  Die erste Landebahn des Flughafens wurde in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gebaut. Am 6. März 1945 wurde ein regulärer Flugverkehr nach Tallinn aufgenommen. Der Flughafen spielte eine wichtige Rolle im Winter, wenn Schiffsverbindungen zum Festland eingestellt waren. Für die Fischindustrie der Insel war er wichtig, denn so konnte der Fang direkt zu den Zielmärkten, zum Beispiel Moskau, ausgeflogen werden. Ab 1958 wurde der Flughafen elektrifiziert.

Airlines Ziele
Transaviabaltika Tallinn
FLN Frisia Luftverkehr saisonal: Ruhnu


Kuressaare Airport

  • estnischer Name:  Kuressaare Lannujaam
  • Code:  URE / EEKE
  • Lage:  58°13‘47“ N, 22!30‘34“ O
  • Seehöhe:  4 m (14 ft)
  • Entfernung:  3 km südöstlich von Kuressaare
  • Inbetriebnahme:  6. März 1945
  • Betreiber:  AS Kuressaare Lennujaam
  • Rollbahnen:  2
  • Länge der Rollbahnen: 2000 m und 799 m (beide Asfalt)
  • Fluggesellschaften: 2
  • Flugzeug-Standplätze: ca. 20
  • jährliche Passagierkapazität: 
  • jährliche Frachtkapazität: 

Wirtschaft

Saaremaas Wirtschaft basiert stark auf Tourismus, Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung mit Unternehmen wie Saaremaa Delifood. Ergänzt wird dies durch traditionellen Schiffsbau, Elektroindustrie und Rohstoffabbau wie Dolomit sowie Kalkstein.

Landwirtschaft

Der wichtigste Zweig ist die Milchviehhaltung. Saaremaa gilt als Zentrum der estnischen Bio-Milchproduktion: Die Saaremaa Piimatööstus ist der größte Bio-Milchverarbeiter des Landes und verarbeitet ausschließlich Milch von zertifizierten Bio-Betrieben der Insel und benachbarter Westestnischer Inseln. Viele Höfe halten traditionelle estnische Rassen wie die Estonian Red Cattle oder die Estonian Native Cattle, die auf artenreichen Naturweiden grasen. Die saubere Umwelt und die vielfältige Flora sorgen für eine besonders hohe Qualität der Milch, aus der unter der Marke „Mo Saaremaa“ Bio-Milch, Käse und andere Produkte hergestellt werden.

Neben der Milchviehhaltung spielen Fleischproduktion (vor allem Rind- und Schaffleisch), Geflügelhaltung (z. B. Bio-Eier) und der Anbau von Getreide, Kartoffeln sowie Beeren eine Rolle. Viele Betriebe sind biologisch zertifiziert und nutzen die natürlichen Bedingungen der Insel für nachhaltige Bewirtschaftung. Ergänzt wird dies durch kleinere Höfe, die Kräuter, Erdbeeren, Honig oder Wacholderprodukte anbauen und direkt vermarkten.

Innovative Ansätze gibt es zunehmend: Experimentelle Algenzucht (z. B. rote Meeresalgen) in den Küstengewässern und kleine Hofproduktionen von Weinen, Sirupen oder Marmeladen aus lokalen Früchten und Wildpflanzen. Viele Produkte tragen das Gütesiegel „Saaremaa Ehtne Toode“ (Authentisches Saaremaa-Produkt), das regionale Herkunft und traditionelle Herstellung garantiert.

Forstwirtschaft

Wälder bedecken etwa die Hälfte der Inseloberfläche, ähnlich wie im estnischen Durchschnitt, und bestehen hauptsächlich aus Kiefern-, Fichten- und Laubwäldern, darunter charakteristische Alvar-Wälder (dünne Böden auf Kalkstein mit lichten Kiefernbeständen), Eichenwälder und Wacholdergebüsche. Viele dieser Wälder sind geprägt von traditioneller Nutzung als Waldweiden (wood-pastures), die eine hohe Biodiversität an Pflanzen, Moosen und Pilzen aufweisen und teilweise unter Naturschutz stehen.

Die Bewirtschaftung der Staatswälder obliegt dem Riigimetsa Majandamise Keskus (RMK), dem staatlichen Forstmanagementzentrum Estlands, das auf Saaremaa Erholungsgebiete wie das Saaremaa Recreation Area pflegt, Wanderwege anlegt, Beobachtungstürme errichtet und die Wälder nachhaltig nutzt. Der RMK sorgt für Aufforstung, Naturschutz und öffentliche Zugänglichkeit, inklusive kostenloser Feuerstellen und Campingplätze, die den Tourismus fördern.

Private Forstwirtschaft wird von lokalen Unternehmen wie der Saarte Metsamajanduse OÜ, Metskond OÜ oder der Saaremaa Metsaühing betrieben, die Holzhandel, Waldankauf, Raieõiguse (Schlagrechte) und Beratung für private Waldbesitzer anbieten. Saaremaa ist ein aktiver Markt für Waldgrundstücke – in den letzten Jahren gab es hier die meisten Metsamaa-Transaktionen in Estland. Die Holznutzung ist nachhaltig orientiert, mit Fokus auf Pflege, Aufforstung und Verkauf von Rundholz, oft für die estnische Holzindustrie.

Fischerei

Die Fischerei ist seit Jahrhunderten ein zentraler Bestandteil des Lebens der Inselbewohner. Historisch gesehen war der Fischfang, insbesondere von Hering, eine der Hauptquellen für den Lebensunterhalt, ergänzt durch die Küstenfischerei und den Fang in Flüssen und Seen. Traditionelle Methoden wie das Räuchern und Trocknen von Fisch sind bis heute erhalten geblieben und prägen die lokale Küche – getrockneter oder geräucherter Fisch gilt als typische Delikatesse der Region.

Heute unterscheidet man zwischen kommerzieller Fischerei und Freizeitangeln. Die kommerzielle Küstenfischerei konzentriert sich auf Arten wie Hering, Sprotte, Flunder und Aal, wobei Estland insgesamt Quoten im Rahmen der EU-Fischereipolitik einhält. Auf Saaremaa gibt es moderne Fischfarmen, etwa für Forellen oder Krebse, wie die Pähkla Crayfish and Fish Farm oder Ösel Harvest, die nachhaltige Aquakultur betreiben. Die estnische Küstenfischerei passt sich aktuellen Herausforderungen wie Bestandschwankungen an, und für das Jahr 2026 wurden in der Ostsee Fangmöglichkeiten für bestimmte Arten wie Sprotte leicht erhöht.

Besonders beliebt ist jedoch das Angeln als Touristenattraktion. Saaremaa bietet hervorragende Bedingungen für Sportfischer: In Flüssen wie dem Nasva, Salme oder Kuke werden vor allem Plötze (Roach), Barsche und Hechte gefangen, während an der Küste Meerforellen, Lachs oder Flunder anbeißen. Bekannte Angelplätze finden sich in der Umgebung von Kuressaare, in Forellenteichen wie Pidula Forell, wo man den Fang direkt vor Ort zubereitet bekommt, oder bei geführten Bootstouren rund um die Insel. Das Angeln ist ganzjährig möglich, erfordert aber in der Regel eine Lizenz, die einfach online oder vor Ort erworben werden kann. Viele Unterkünfte und Guides bieten Angelausflüge an, die oft mit der einzigartigen Natur der Insel verbunden sind.

Bergbau

Der Bergbau auf Saaremaa, der größten Insel Estlands, hat eine lange Tradition und konzentriert sich vor allem auf den Abbau von Kalkstein und Dolomit. Diese Sedimentgesteine prägen die geologische Struktur der Insel, die aus Schichten des Silur-Zeitalters besteht. Historisch gesehen begann der Abbau bereits im Mittelalter, als Kalkstein für den Bau von Burgen, Kirchen und Häusern verwendet wurde – viele der charakteristischen Steinbauten auf Saaremaa, wie die Burg in Kuressaare, stammen aus lokal gewonnenem Material. Im 19. und 20. Jahrhundert intensivierte sich der industrielle Abbau, insbesondere für die Produktion von gebranntem Kalk, der in der Landwirtschaft und im Bauwesen eingesetzt wurde. Alte Kalköfen und Brennanlagen, wie im Kalkpark von Lümanda im Westen der Insel, zeugen von dieser Epoche und sind heute als industrielles Erbe erhalten.

Heute dominiert der Abbau von Dolomit und Kalkstein in modernen Steinbrüchen die Branche. Wichtige Unternehmen wie Reval Stone oder Saare Dolomiit-Väokivi betreiben mehrere Abbaustätten, darunter die Brüche in Kaarma, Selgase und Pidula. Der gewonnene Dolomit aus Saaremaa zeichnet sich durch seine hohe Qualität und marmorähnliche Musterung aus und wird für Bodenplatten, Fassadenverkleidungen, Treppen und dekorative Elemente exportiert. Der Abbau erfolgt unter strengen Umweltauflagen der EU, mit Fokus auf Nachhaltigkeit, Rekultivierung der Flächen und Minimierung von Staub- und Lärmbelastungen. Im Jahr 2026 bleibt der Sektor stabil, wenngleich Estlands Bergbauproduktion insgesamt moderat wächst; auf Saaremaa gibt es keine Hinweise auf neue große Projekte oder den Abbau anderer Rohstoffe wie Ölschiefer, der hauptsächlich im Nordosten Estlands stattfindet.

Touristisch gewinnt der historische Bergbau an Bedeutung. Der Lümanda Kalk- und Teerpark bietet Wanderwege durch alte Kalköfen, wo Besucher den traditionellen Brennprozess nachvollziehen und sogar selbst Kalkstein abbauen können. Ähnlich informativ ist das Museum für Meteoritik und Kalkstein in Kaali, das den berühmten Meteoriteneinschlag mit der lokalen Geologie verknüpft. Diese Stätten verbinden Industriegeschichte mit der einzigartigen Natur der Insel und ziehen Besucher an, die sich für Geologie und Kulturlandschaft interessieren.

Handwerk

Historisch geprägt von der insularen Lebensweise, blühten Handwerksformen wie Stricken, Weben, Holzarbeiten und Keramik auf, oft inspiriert von volkstümlichen Mustern und der Nähe zur Natur. Besonders bekannt sind die farbenfrohen, geometrischen Strickmuster und Stickereien, die auf benachbarten Inseln wie Muhu besonders gepflegt werden und auch Saaremaa beeinflussen. Im 20. Jahrhundert hielten Genossenschaften und Familienbetriebe diese Traditionen am Leben, ergänzt durch den Bau von Windmühlen und jungeren Holzprodukten.

Heute erlebt das Handwerk eine Renaissance als Teil des Tourismus und der lokalen Wirtschaft. In Kuressaare finden sich Läden wie der Sarapiku Store, der handgefertigte Produkte von Inselkünstlern anbietet – von Merinowolle-Kleidung über Schafsfelle bis zu exklusiven Souvenirs. Das Kulturerbezentrum in Angla mit seinen historischen Windmühlen beherbergt Ateliers, in denen Workshops zu traditionellen Techniken angeboten werden. Viele Handwerker kombinieren alte Muster mit zeitgenössischem Design, etwa in Textilien, Keramik oder Juniper-Holzprodukten. Der Fokus liegt auf Nachhaltigkeit und Regionalität, unterstützt durch Initiativen wie den Estnischen Volkskunst- und Handwerksverband. Im Jahr 2026 bleibt das Handwerk stabil, getragen vom wachsenden Interesse an authentischen Produkten und Events wie dem Saaremaa Food Festival, das lokale Manufakturen einbindet.

Touristisch ist das Handwerk eine Attraktion: Besucher können in Werkstätten zuschauen, Kurse besuchen oder Produkte direkt erwerben, was die Insel als Ort lebendiger Traditionen positioniert. Insgesamt verkörpert das Handwerk auf Saaremaa die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart – ein kreativer Sektor, der Identität schafft, Einkommen generiert und die Insel für Gäste erlebbar macht.

Industrie

Die Industrie auf Saaremaa hat sich von traditioneller Landverarbeitung zu modernen, exportorientierten Branchen entwickelt und trägt wesentlich zur Wirtschaft der Insel bei. Historisch dominierten Lebensmittelverarbeitung und Schiffbau, bereits seit Jahrhunderten werden auf Saaremaa Boote gebaut, was auf die maritime Lage zurückgeht. In der Sowjetzeit entstanden größere Betriebe wie Fleisch- und Milchverarbeiter.

Heute sind Schlüsselbranchen die Lebensmittelproduktion, Elektronik, Holzverarbeitung, Metall und vor allem der Schiffbau. Die Saaremaa Piimatööstus ist Estlands größter Bio-Milch- und Käseproduzent und verarbeitet Milch von der Insel. Unternehmen wie Incap Estonia in Kuressaare fertigen Elektronik, während Firmen wie Ionix oder Enerpoint Kabelsysteme und Automobilteile herstellen. Der Schiffbau bleibt ein Highlight: Mehrere Werften bauen Yachten und kleine Schiffe, unterstützt durch ein spezialisiertes Testbecken in Kuressaare. Holz- und Metallverarbeitung ergänzen das Bild, oft mit Fokus auf Nachhaltigkeit. Trotz Herausforderungen wie der Insellage wächst der Sektor moderat; im Jahr 2026 profitiert er von EU-Förderungen und grünen Initiativen, wenngleich einige traditionelle Betriebe wie Fleischfabriken Schwierigkeiten hatten.


Wasserwirtschaft

Die Trinkwasserversorgung erfolgt auf Saaremaa größtenteils über Grundwasserquellen und kleinere Wasserwerke, die das Wasser aufbereiten und in ein Netz von Leitungen zu den Haushalten und Betrieben der Insel transportieren. In der Inselhauptstadt Kuressaare und in größeren Ortschaften wie Orissaare oder Kaarma sind moderne Wasseraufbereitungsanlagen installiert, die den hygienischen Anforderungen entsprechen und eine kontinuierliche Versorgung sicherstellen. In ländlichen Gebieten nutzen einige Haushalte weiterhin private Brunnen, wobei auch hier strenge Vorschriften zur Qualitätssicherung gelten.

Die Abwasserentsorgung erfolgt über ein Netz von Kanalisationen, Pumpstationen und Kläranlagen. In dicht besiedelten Gebieten wie Kuressaare gibt es moderne Kläranlagen, die das Abwasser reinigen, bevor es in Flüsse oder die Ostsee geleitet wird. In weniger dicht besiedelten oder ländlichen Gegenden werden teilweise kleinere dezentrale Lösungen wie Kleinkläranlagen genutzt. Ein Schwerpunkt der Wasserwirtschaft liegt auf Umweltschutz und nachhaltiger Nutzung: Verschmutzung von Grundwasser, Küstengewässern und Moorgebieten soll vermieden werden, und es gibt laufende Programme zur Wartung und Modernisierung der Infrastruktur.

Der Tourismus stellt zusätzliche Anforderungen an die Wasserwirtschaft. In der Sommerhauptsaison steigt der Verbrauch durch Hotels, Ferienhäuser, Campingplätze und Restaurants deutlich an. Daher werden die Kapazitäten der Wasserwerke temporär angepasst, und es werden Maßnahmen zur effizienten Wassernutzung umgesetzt. Auch die Sensibilisierung von Touristen und Einheimischen für den sparsamen Umgang mit Wasser ist ein wichtiger Bestandteil der Wasserbewirtschaftung.

Energiewirtschaft

Die Insel ist an das estnische Hochspannungsnetz angeschlossen, wodurch Strom zuverlässig aus dem Festland bereitgestellt wird. Gleichzeitig gibt es auf Saaremaa lokale Energieerzeugung, die zunehmend auf nachhaltige und erneuerbare Quellen setzt, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und Umweltbelastungen zu reduzieren.

Traditionell wurde die Insel teilweise durch Öl- und Gasheizungen versorgt, während kleinere Biomasse- und Holzheizsysteme in ländlichen Gebieten üblich waren. Heute gewinnt die Nutzung erneuerbarer Energien deutlich an Bedeutung. Windenergie spielt eine wachsende Rolle, da die Küstenlage der Insel günstige Windverhältnisse bietet. Mehrere kleinere Windkraftanlagen sind bereits in Betrieb, und Projekte zur Erweiterung der Windenergie werden diskutiert. Außerdem werden Solarenergie und Biomasse zunehmend für die Wärme- und Stromversorgung von Haushalten, öffentlichen Einrichtungen und Gewerbebetrieben genutzt.

Die Energienutzung auf Saaremaa orientiert sich auch an Effizienz und Nachhaltigkeit. Viele Haushalte und Betriebe setzen moderne Wärmedämmung, effiziente Heizsysteme und energieeffiziente Geräte ein, um den Verbrauch zu reduzieren. In den öffentlichen Einrichtungen und touristischen Betrieben werden ebenfalls Energiesparmaßnahmen implementiert, etwa durch LED-Beleuchtung, moderne Heiztechnik oder die Nutzung von Abwärme.

Für die lokale Wirtschaft und den Tourismus ist eine zuverlässige Energieversorgung entscheidend. Hotels, Restaurants, Handwerksbetriebe und landwirtschaftliche Betriebe benötigen eine stabile Stromversorgung, insbesondere in der Sommersaison, wenn die Nachfrage durch Touristen steigt. Gleichzeitig fördert die estnische Regierung auf regionaler Ebene Projekte zur Nutzung erneuerbarer Energien und zur Verbesserung der Energieeffizienz, wodurch Saaremaa zunehmend unabhängiger von fossilen Brennstoffen wird.

Abfallwirtschaft

Die Insel ist in verschiedene Abfallwirtschaftsregionen unterteilt, die von der Gemeinde Saaremaa koordiniert werden, und stellt die Sammlung, Trennung, Wiederverwertung und Entsorgung von Abfällen für Haushalte, Gewerbe und Industrie sicher. Zentral ist dabei die Trennung von Restmüll, Papier, Karton, Glas, Kunststoff und Bioabfällen, die in Haushalten und öffentlichen Einrichtungen strikt umgesetzt wird.

Die Entsorgung erfolgt überwiegend über kommunale Sammelstellen und Recyclinghöfe, die in der Inselhauptstadt Kuressaare sowie in größeren Ortschaften wie Kärla, Orissaare oder Kaarma erreichbar sind. Für Haushalte gibt es regelmäßige Abholungen von Restmüll, Wertstoffen und Biomüll. Besonders wichtig ist das Recycling: Kunststoff, Papier, Glas und Metall werden gesammelt und zu regionalen oder nationalen Verwertungsanlagen transportiert. Bioabfälle werden teilweise kompostiert oder zur Erzeugung von Biogas genutzt. Sperrmüll und Elektrogeräte werden gesondert entsorgt, wobei spezielle Sammelaktionen und Recyclinghöfe die sichere und umweltgerechte Entsorgung gewährleisten.

Auf Saaremaa spielt der Tourismus eine zusätzliche Rolle in der Abfallwirtschaft. Während der Sommermonate steigt das Müllaufkommen deutlich an, sodass temporäre Sammelstationen und erhöhte Abfuhrfrequenzen notwendig sind. Gleichzeitig werden Aufklärungskampagnen durchgeführt, um Touristen und Einheimische für Müllvermeidung, Recycling und die Schonung der Natur zu sensibilisieren. Viele Hotels, Restaurants und touristische Einrichtungen setzen ebenfalls auf Mülltrennung und nachhaltige Entsorgungskonzepte.

Handel

Der Einzelhandel konzentriert sich vor allem auf die Inselhauptstadt Kuressaare, die als wirtschaftliches Zentrum dient. Dort befinden sich die meisten Geschäfte, darunter Supermärkte, Fachgeschäfte, Boutiquen sowie kleinere Einkaufszentren. Vertreten sind sowohl große estnische und internationale Handelsketten als auch lokale Anbieter. In kleineren Orten und Dörfern gibt es meist nur wenige Geschäfte, häufig in Form von Dorfläden, die den täglichen Bedarf decken und eine wichtige Versorgungsfunktion für die Bevölkerung erfüllen.

Lebensmittelhandel spielt eine zentrale Rolle. Neben großen Supermärkten sind regionale Produkte auf Saaremaa besonders präsent. Lokale Erzeugnisse wie Brot, Milchprodukte, Fisch, Fleisch, Honig und handwerklich hergestellte Waren werden in Hofläden, auf Märkten oder direkt bei den Produzenten verkauft. Wochenmärkte und saisonale Verkaufsstände, vor allem im Sommer, sind wichtige Bestandteile des Handelslebens und werden sowohl von Einheimischen als auch von Touristen genutzt.

Der Tourismus beeinflusst den Handel deutlich. In der Hauptsaison entstehen viele saisonale Geschäfte, Souvenirläden und Kunsthandwerksbetriebe, die typische Produkte der Insel anbieten, etwa gestrickte Waren, Keramik, Holzarbeiten oder regionale Spezialitäten. Auch Cafés, Bäckereien und kleine Spezialitätengeschäfte profitieren stark vom Sommergeschäft. In der Nebensaison ist das Angebot deutlich reduziert, und viele Betriebe passen ihre Öffnungszeiten an oder schließen vorübergehend.

Neben dem stationären Handel gewinnt der Onlinehandel auch auf Saaremaa zunehmend an Bedeutung. Viele Bewohner nutzen estnische und internationale Onlineplattformen, um Waren zu bestellen, die lokal nicht verfügbar sind. Gleichzeitig verkaufen einige saaremaaische Betriebe ihre Produkte über das Internet und erreichen so Kunden außerhalb der Insel.

Finanzwesen

Das Finanzwesen auf Saaremaa ist eng in das estnische Bankensystem eingebunden und weist zugleich einige inseltypische Besonderheiten auf. Eigene, ausschließlich auf Saaremaa ansässige Banken gibt es nicht; stattdessen sind die wichtigsten landesweiten Kreditinstitute mit Filialen oder Servicepunkten vertreten, vor allem in der Inselhauptstadt Kuressaare. Zu den bedeutendsten Banken zählen LHV, SEB und Swedbank, die Privat- und Geschäftskonten, Kredite, Sparprodukte sowie digitale Finanzdienstleistungen anbieten. Aufgrund der guten digitalen Infrastruktur Estlands können viele Bankgeschäfte online erledigt werden, was auf Saaremaa besonders wichtig ist, da physische Bankfilialen außerhalb von Kuressaare nur begrenzt vorhanden sind.

Eine zentrale Rolle spielt der bargeldlose Zahlungsverkehr. Estland gilt als eines der digitalisiertesten Länder Europas, und auch auf Saaremaa sind Kartenzahlungen und mobile Bezahlsysteme nahezu überall verbreitet, selbst in kleineren Geschäften oder im ländlichen Raum. Bargeld wird zwar weiterhin genutzt, ist jedoch von geringerer Bedeutung als in vielen anderen europäischen Regionen. Geldautomaten sind vor allem in Städten und größeren Ortschaften zu finden, während in abgelegeneren Gegenden ihre Zahl geringer ist.

Für die lokale Wirtschaft, die stark von Tourismus, Landwirtschaft, Fischerei und kleinen Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben geprägt ist, sind Banken wichtige Partner bei der Finanzierung von Investitionen. Kleine und mittlere Unternehmen nutzen Bankkredite, Leasingmodelle und staatlich unterstützte Förderprogramme, um Betriebe zu modernisieren oder touristische Angebote auszubauen. Ergänzend zu den klassischen Banken spielen auch Kreditgenossenschaften und staatliche Förderinstitutionen eine Rolle, etwa bei der Unterstützung von regionaler Entwicklung und Unternehmertum.

Soziales und Gesundheit

Saaremaa profitiert als Teil Estlands von einem modernen, digitalisierten und solidarisch finanzierten Sozial- und Gesundheitssystem, das durch die Estonian Health Insurance Fund (Haigekassa) und den Sotsiaalkindlustusamet (Sozialversicherungsamt) organisiert wird. Auf der Insel wird dies lokal durch die Saaremaa Vallavalitsus und regionale Einrichtungen umgesetzt, um die besonderen Bedürfnisse der insularen und ländlichen Bevölkerung zu berücksichtigen.

Im sozialen Bereich übernimmt der Sotsiaalkindlustusamet Leistungen wie Familienbeihilfen, Renten, Behindertenunterstützung und Sozialhilfe. Auf Saaremaa gibt es lokale Büros für Beratung und Anträge. Wichtige Leistungen umfassen Familienzulagen (zum Beispiel Kinder- und Elterngeld), Unterstützung für Menschen mit Behinderungen (monatliche Zulagen je nach Schweregrad), Pflege- und Betreuungsdienste für Ältere oder Bedürftige, Opferhilfe und Krisenberatung. Pflegeheime und ambulante Sozialdienste sind vorhanden, oft in Kooperation mit der Gemeinde. Die Insel fördert gemeindenahe Lösungen, um ältere Menschen möglichst lange zu Hause zu halten.

Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen ist hochdigitalisiert: Fast alle Gesundheitsdaten sind elektronisch verfügbar, E-Rezepte und Patientenakten können online eingesehen werden. Das zentrale Krankenhaus ist die Kuressaare Haigla (Kuressaare Krankenhaus), das größte medizinische Einrichtung in Saare County. Es bietet ambulante und stationäre Versorgung in Bereichen wie Allgemeinmedizin, Kardiologie, Rehabilitation, Chirurgie und Geburtshilfe. Mit etwa 400 Mitarbeitern (darunter rund 50 Ärzte und 150 Pflegekräfte) ist es der größte Arbeitgeber der Insel. Für spezialisierte Behandlungen (zum Beispiel onkologische Therapien oder komplexe Operationen) werden Patienten oft auf das Festland verwiesen, nach Tallinn oder Tartu.

Hausärzte (perearst) spielen eine zentrale Rolle und sind über die Insel verteilt, ergänzt durch kleinere Gesundheitszentren in Orten wie Orissaare oder Kihelkonna. Die Versorgung ist kostenlos oder kostengünstig für Versicherte, was fast die gesamte Bevölkerung umfasst.

Krankheiten

Bezüglich Krankheiten entsprechen die häufigsten Erkrankungen auf Saaremaa dem estnischen Durchschnitt: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und psychische Störungen stehen im Vordergrund. Aufgrund der ländlichen Lage und Nagetierkontakte kommen zoonotische Infektionen wie Hantavirus-Varianten (zum Beispiel Saaremaa-Virus) vor, allerdings selten. Während der COVID-19-Pandemie wurde Saaremaa zeitweise zum Hotspot in Estland, was die Belastung der Kuressaare Haigla stark erhöhte, aber auch die Resilienz des Systems zeigte.

Bildung

Auf Saaremaa wird die Bildung durch die Saaremaa Vallavalitsus (Gemeindeverwaltung) koordiniert, die für die Bereitstellung von Plätzen in Kindergärten und Schulen sorgt. Die Vorschulerziehung (alusharidus) beginnt typischerweise ab dem Alter von 1,5 bis 3 Jahren in Kindergärten (lasteaed). Auf Saaremaa gibt es zahlreiche kommunale und einige private Kindergärten, verteilt über die Insel, vor allem in Kuressaare und kleineren Orten wie Orissaare, Pihtla oder Mustjala. Der Besuch ist nicht verpflichtend, aber ab dem Alter von 6 Jahren gibt es ein obligatorisches Vorschulprogramm, das auf die Schule vorbereitet. Am Ende erhält das Kind eine Koolivalmiduskaarti (Schulreifebescheinigung). Die Gemeinde garantiert Plätze und organisiert Sommergruppen für kontinuierliche Betreuung.

Die Grundbildung (põhiharidus) ist schulpflichtig vom 7. Lebensjahr bis zum Abschluss der 9. Klasse oder bis zum 17. Lebensjahr. Sie wird in Grundschulen (põhikool) erworben, die oft Klassen 1 bis 9 umfassen. Auf Saaremaa gibt es mehrere solche Schulen, darunter Kuressaare Nooruse Kool (eine der größten, mit ca. 758 Schülern), Pihtla Kool (mit integriertem Kindergarten), Mustjala Kool sowie Schulen in kleineren Gemeinden. Viele Schulen bieten eine lernfreundliche Umgebung mit Fokus auf Natur, Kultur und Traditionen der Insel.

Die Sekundarbildung (gümnaasiumiharidus) schließt sich an und umfasst die Klassen 10 bis 12, die mit dem nationalen Abitur (riigieksamid) enden. Auf Saaremaa gibt es das Saaremaa Gümnaasium (früher Kuressaare Gümnaasium), eine der größten weiterführenden Schulen in Westestland. Ergänzend existiert das Kuressaare Täiskasvanute Gümnaasium (Erwachsenengymnasium), das berufsbegleitende oder nicht-stationäre Formen der allgemeinen Sekundarbildung anbietet.

Zusätzlich ergänzen berufliche Schulen wie die Kuressaare Ametikool das Angebot, obwohl sie primär zur beruflichen Bildung gehören. Das Bildungssystem auf Saaremaa ist eng mit der insularen Lage verknüpft: Schulen fördern oft regionale Themen wie Nachhaltigkeit, Maritime Kultur und Digitalisierung, passend zum estnischen Modell. Trotz der ländlichen Struktur werden gleiche Chancen angestrebt, und die Insel profitiert von der hohen estnischen Bildungsqualität, die regelmäßig in internationalen Vergleichen wie PISA Spitzenplätze erzielt.

Höhere Bildung

Saaremaa, die größte Insel Estlands, bietet trotz ihrer insularen Lage und vergleichsweise kleinen Bevölkerung Möglichkeiten zur höheren Bildung, die stark auf regionale Bedürfnisse ausgerichtet sind. Die zentrale Einrichtung für höhere Bildung auf der Insel ist das Kuressaare College der Tallinn University of Technology (TalTech). Dieses regionale College in Kuressaare, der Hauptstadt Saaremaas, wurde ursprünglich 1999 gegründet, zwischenzeitlich geschlossen und 2021 wiedereröffnet, um die lokale Wirtschaft und Forschung zu stärken.

Das Kuressaare College konzentriert sich vor allem auf Bereiche der blauen Wirtschaft (blue economy), die für Saaremaa mit seiner maritimen Tradition und Küstenlage besonders relevant sind. Angebotene Studiengänge umfassen unter anderem Meretehnika und väikelaevaehitus (Schiffstechnik und Kleinschiffbau), Kestlikud sinimajanduse tehnoloogiad (Nachhaltige Technologien der blauen Wirtschaft), Meretoorme väärindamine (Verwertung mariner Ressourcen), Ettevõtlus (Unternehmertum) sowie Master-Programme in maritimen Technologien.

Die Ausbildung erfolgt oft in Form von Sessioonõpe (berufsbegleitend oder in Blöcken), was sie für Berufstätige attraktiv macht. Das College integriert zudem das Väikelaevaehituse kompetentsikeskus (Kompetenzzentrum für Kleinschiffbau), das Forschung, Entwicklung und Kooperationen mit lokalen Unternehmen fördert, etwa im Bootsbau oder in nachhaltigen maritimen Technologien.

Neben dem TalTech Kuressaare College gibt es auf Saaremaa das Kuressaare Regional Training Centre (Kuressaare Ametikool), das primär berufliche Aus- und Weiterbildungen anbietet. Dies umfasst zwar keine klassische universitäre höhere Bildung, ergänzt jedoch das Angebot durch praxisnahe Qualifikationen in verschiedenen Branchen.

Für allgemeinere universitäre Studiengänge (zum Beispiel in Geisteswissenschaften, Medizin oder breiteren Ingenieurwissenschaften) müssen Studierende aus Saaremaa in der Regel auf das Festland wechseln, vor allem nach Tallinn oder Tartu, wo die großen Universitäten Estlands angesiedelt sind. Dennoch trägt das Kuressaare College maßgeblich dazu bei, dass junge Menschen auf der Insel bleiben oder zurückkehren können, indem es regionale Kompetenzen auf Hochschulniveau stärkt und die Verbindung von Studium, Forschung und lokaler Wirtschaft fördert.

Bibliotheken und Archive

Die wichtigste öffentliche Bibliothek ist die Saare Maakonna Keskraamatukogu (Zentralbibliothek des Kreises Saare). Sie befindet sich in Kuressaare und fungiert als zentrale öffentliche Bibliothek für alle Bewohner und Besucher der Insel. Sie bietet einen umfangreichen Bestand an Büchern, Zeitschriften und digitalen Ressourcen, organisiert Veranstaltungen, Ausstellungen und Leseförderungen und koordiniert das Netzwerk kleinerer Filialbibliotheken in verschiedenen Dörfern und Gemeinden Saaremaas, wie zum Beispiel in Orissaare, Kihelkonna oder Tornimäe.

Wichtigstes Archiv ist die Saaremaa Arhiivraamatukogu (Saaremaa Archiv-Bibliothek), die zum Saaremaa Muuseum gehört. Diese Spezialbibliothek sammelt und bewahrt eine möglichst umfassende Sammlung von Büchern, Zeitschriften, Manuskripten und anderen Materialien, die sich speziell auf die Geschichte, Kultur und Natur Saaremaas beziehen. Sie dient vor allem der Forschung und ist ein wichtiger Ort zur Erforschung der regionalen Identität der Insel. Das Saaremaa Muuseum selbst, das in der Burg von Kuressaare untergebracht ist, ergänzt diese Archivbibliothek durch seine Sammlungen und Ausstellungen.

Neben diesen zentralen Einrichtungen existieren auf Saaremaa zahlreiche kleinere Gemeindebibliotheken, die oft in Dorfhäusern oder Kulturzentren integriert sind und den lokalen Bedürfnissen angepasst sind. Historische oder kirchliche Archive sind auf der Insel weniger prominent; größere staatliche Archivmaterialien zu Saaremaa werden meist im Nationalarchiv Estlands in Tartu oder Tallinn aufbewahrt.

Kultur

Saaremaas Kultur ist geprägt von Wikingererbe, mittelalterlichen Burgen wie Kuressaare sowie traditionellen Holzwindmühlen und Rauchsaunen. Festivals wie das Saaremaa-Opernfestival und die Nationaltracht unterstreichen das lebendige Erbe mit Volksmusik, Kunsthandwerk und lokaler Küche.​

Museen

Das älteste und bekannteste ist das Saaremaa Museum, gegründet 1865, eines der ältesten Museen Estlands. Sein Herzstück ist die mittelalterliche Kuressaare Burg (Kuressaare Castle), eine der besterhaltenen Festungen Nordeuropas aus dem 14. Jahrhundert, die Ausstellungen zur Inselgeschichte, Natur, Archäologie und Volkskunde beherbergt. Besucher erkunden die Burganlage mit Türmen, Gewölben und einer umfangreichen Sammlung, die vom Mittelalter bis zur Sowjetzeit reicht.

Weitere Teile des Saaremaa Museums sind das Mihkli Farm Museum (Mihkli Talumuuseum) in Viki, ein Freilichtmuseum mit traditionellen Bauernhofgebäuden aus dem 19. Jahrhundert, das das ländliche Leben vergangener Zeiten anschaulich darstellt, sowie das Aavik-Haus-Museum in Kuressaare, gewidmet den Komponisten und Sprachwissenschaftlern Johannes und Joosep Aavik.

Ein weiteres Highlight ist das Kaali Meteoritik und Kalkstein Museum in Kaali, das sich dem berühmten Meteoritenkraterfeld widmet – einem der spektakulärsten Einschlagorte Europas vor etwa 3500 Jahren. Es zeigt Meteoritenfragmente, Fossilien und erklärt die geologische Bedeutung für Saaremaa. Beliebt ist auch das Saare KEK Museum (Kena Elu Keskus) in Kuressaare, ein beeindruckendes Beispiel sowjetischer Architektur, das das Alltagsleben in den 1970er und 1980er Jahren unter der Sowjetherrschaft mit Originalobjekten und Installationen nachzeichnet.

Zusätzlich gibt es kleinere Einrichtungen wie das Militärgeräte-Museum oder Galerien, die regionale Kunst und Handwerk präsentieren. Im Jahr 2026 bleiben die Museen ein zentraler Pfeiler des Tourismus, mit modernisierten Ausstellungen, interaktiven Elementen für Familien und Veranstaltungen wie Sonderausstellungen in der Kuressaare Burg.

Architektur

Von architektonischem Interesse ist die Arensburg in Kuressaare von 1380, errichtet vom Deutschen Orden für die Bischöfe von Ösel-Wieck. Ende des 14. Jahrhunderts wurde die quadratisch angelegte Festung mit trutzigen Schutzwällen versehen. Überragt wird die Burg vom 29 m hohen Turm Pikk Hermann (Langer Hermann). Heute befindet sich in dem Komplex das Saaremaa-Museum.

Nordöstlich von Valjala (Wolde) gibt es imposante Reste einer Festung aus der Zeit vor der Christianisierung durch den Orden. Im Grundriss bildet der bis zu acht Meter hohe Steinwall ein 120 mal 110 m breites Oval. An diesem Ort endete 1227 ein zwanzig Jahre andauernder Aufstand der Bewohner Saaremaas mit dem Sieg der Besatzungsmacht des Deutschen Ordens. Unweit der Festung steht die Valjala Martini Kirik (St. Martinskirche), sie ist die älteste Kirche auf Saaremaa und stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

In Karja befindet sich die kleinste Kirche auf Saaremaa (aus dem 14. Jahrhundert); die reich verzierte Kanzel aus der Spätrenaissance stammt von 1638. Das eher schlichte Äußere kontrastiert an diesem Bau mit einer opulenten Ausstattung des Innenraumes.

Eine der ersten Steinkirchen Estlands und die größte auf der Insel ist in Pöide zu finden. Ihre wehrhafte Erscheinung ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Entstehungszeit der Kirche eng mit der Befestigung Saaremaas verbunden ist. Der östliche Teil der Insel stand unter der Besetzung des Livländischen Ordens, der zur Festigung seines Herrschaftsanspruches im 13. Jahrhundert eine Festung in Pöide errichten ließ.

Charakteristisch für Saaremaa sind vor allem die zahlreich über die Insel verteilten Bockwindmühlen, denn früher besaß nahezu jedes größere Gehöft eine solche Mühle. Heute sind noch wenige erhalten, teils befinden sie sich in baufälligem Zustand. Dennoch lassen sich noch heute einige gut erhaltene Exemplare auf der Insel ausfindig machen, etwa bei Angla im Norden Saaremaas (hier stehen fünf Windmühlen unmittelbar nebeneinander), in Metsküla, Kuusnõmme, Ohessaare sowie auf den Inseln Muhu und Abruka.

Bildende Kunst

Der bekannteste Künstler mit Wurzeln auf Saaremaa ist der Landschaftsmaler Eugen Dücker (1841 bis 1916), geboren in Kuressaare (damals Arensburg). Er gilt als bedeutender Vertreter der Düsseldorfer Malerschule und schuf impressionistische Ostseelandschaften, die die raue Schönheit der Insel einfangen. Seine Werke hängen in Museen von Düsseldorf bis St. Petersburg und spiegeln die natürliche Umgebung Saaremaas wider.

Das Herz der zeitgenössischen Kunstszene bildet das Saaremaa Kunstistuudio in Kuressaare (Lossi tänav 5). Dieser Kunstzentrum vereint Galerie, Kunstschule und Kreativraum. Hier finden regelmäßig Ausstellungen estnischer Künstler statt, oft mit Fokus auf Malerei, Keramik und Design. Besucher können vor Ort entstehende Werke betrachten, in der Keramikwerkstatt zuschauen und Kunstwerke erwerben. Das Studio fördert lokale Talente und bietet Kurse an, wodurch es zur Keimzelle der Inselkunst geworden ist.

Weitere Galerien wie die saisonal geöffnete Galerie Musta Jala präsentieren Werke etablierter und junger estnischer Künstler, darunter Malerei, Fotografie und Skulpturen. Viele Ausstellungen thematisieren die Inselnatur – Wacholderwälder, Küstenlandschaften oder traditionelle Motive wie Windmühlen und Steinmauern.

Ein Highlight der bildenden Kunst auf Saaremaa ist das jährliche Rural Urban Art (RUA) Festival, ein Street-Art-Festival, das die Insel mit großformatigen Wandmalereien bereichert. Internationale und estnische Künstler schaffen Murals in Dörfern wie Valjala, Kaali oder Salme, die oft lokale Traditionen und Geschichten aufgreifen. Diese öffentlichen Kunstwerke machen Saaremaa zu einem Freilichtmuseum der Street Art und ziehen Kunstinteressierte an.

Auch das Saaremaa Museum in der mittelalterlichen Burg von Kuressaare zeigt historische Exponate mit künstlerischem Bezug, etwa archäologische Funde oder volkskundliche Objekte. Temporäre Ausstellungen verbinden oft Geschichte mit moderner Kunst.

Literatur

Die bedeutendste literarische Persönlichkeit mit Wurzeln auf Saaremaa ist die Lyrikerin Debora Vaarandi (1916 bis 2007). Obwohl in Võru geboren, verbrachte sie einen großen Teil ihrer Kindheit auf der Insel, unter anderem in Laimjala, und besuchte das Saaremaa Ühisgümnaasium in Kuressaare. Vaarandi gilt als eine der einflussreichsten estnischen Dichterinnen der Nachkriegszeit. Ihre Gedichte thematisieren oft die estnische Natur, Heimatliebe und das Leben auf dem Land. Ihr bekanntestes Werk, das untrennbar mit Saaremaa verbunden ist, ist der Text zum Saaremaa-Walzer (Saaremaa valss), den Raimond Valgre 1949 vertonte – ein romantisches Lied, das die Insel als Symbol für Sommer, Jugend und Sehnsucht besingt und bis heute ein estnisches Kulturgut darstellt. Vaarandi schrieb auch Poeme wie „Talgud Lööne soos“ (Arbeitsbienentag im Lööne-Sumpf), das die gemeinschaftliche Arbeit auf der Insel einfängt. Ihre Werke sind geprägt von einer melancholischen, naturverbundenen Lyrik, und sie übersetzte viel aus dem Finnischen, Deutschen und Russischen.

Ein weiterer wichtiger Name ist der Sprachwissenschaftler und Sprachreformer Johannes Aavik (1880 bis 1973), geboren in Pöide auf Saaremaa. Er bereicherte die estnische Sprache durch neue Wörter und Ausdrücke (zum Beispiel für „Kaninchen“, „überzeugen“ oder „umarmen“) und gilt als Pionier der modernen estnischen Schriftsprache. Sein Elternhaus in Kuressaare ist heute ein Museum, das an ihn und seinen Bruder, den Organisten Joosep Aavik, erinnert.

Saaremaa dient auch als Schauplatz oder Inspirationsquelle in der estnischen Literatur. Die Insel mit ihren Wacholderwäldern, Steinmauern, Windmühlen und der rauen Küste wird oft als Symbol für estnische Identität dargestellt – ruhig, beständig und naturverbunden. Folklore und Volkslieder aus der Region fließen in viele Werke ein, ähnlich wie in der Musiktradition.

Heute lebt die literarische Szene auf Saaremaa eher dezentral: Lokale Autoren und Dichter treten bei Veranstaltungen auf, und die Insel inspiriert weiterhin zeitgenössische Werke. Es gibt keine großen dedizierten Literaturfestivals, doch kulturelle Events wie Lesungen in Kuressaare, im Saaremaa Museum oder bei Dorffesten halten die Tradition alive. Schulen und Bibliotheken, etwa in Laimjala oder Kuressaare, pflegen das Erbe von Vaarandi durch Wettbewerbe und Gedenkveranstaltungen.

Theater

Saaremaa, die größte Insel Estlands, ist nicht nur für ihre natürliche Schönheit und reiche Geschichte bekannt, sondern auch für ein lebendiges kulturelles Leben, zu dem Theater und Film eine wichtige Rolle spielen. Das zentrale Theater der Insel ist das Kuressaare Teater in der Hauptstadt Kuressaare. Dieses professionelle Theaterhaus hat eine lange Tradition: Die Geschichte des Gebäudes reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück, systematische Theateraktivitäten begannen 1924, und seit 1935 gab es ein professionelles Ensemble. Nach einer Renovierung wurde das Theater 1999 wiedereröffnet, zunächst als städtisches Theater, und seit 2019 als Stiftung unter dem Namen Kuressaare Teater geführt. Es bietet ein vielfältiges Repertoire mit eigenen Produktionen, Gastspielen, Konzerten und Kinderstücken. Das Theater dient als kulturelles Zentrum der Insel und zieht sowohl Einheimische als auch Besucher an. Regelmäßig finden hier Gastauftritte großer estnischer Theater wie dem Vanemuine aus Tartu statt, etwa beim Festival „Kultuurilaine üle mere“ (Kulturwelle über das Meer).

Neben dem Theater hat Saaremaa eine enge Verbindung zur Opernkunst durch die jährlichen Saaremaa Ooperipäevad (Saaremaa Operntage), ein internationales Festival, das im Juli in Kuressaare stattfindet und internationale Ensembles einlädt.

Film

Zum Thema Film gibt es auf Saaremaa kein eigenes großes internationales Filmfestival (FIL), aber Filmvorführungen sind fester Bestandteil des kulturellen Angebots. Das Kuressaare Teater fungiert auch als Kino und zeigt regelmäßig aktuelle Filme. Darüber hinaus gibt es das moderne Apollo Kino Saaremaa in Kudjape bei Kuressaare, ein Mehrsaal-Kino mit komfortabler Ausstattung, das Blockbuster, Independent-Filme und gelegentlich Spezialvorführungen oder kleine Film-Events anbietet. Filmbegeisterte können hier entspannt einen Abend verbringen, oft kombiniert mit lokalen Snacks. Größere Filmfestivals finden eher auf dem estnischen Festland statt, wie das Tallinn Black Nights Film Festival, doch Saaremaa bereichert sein Kulturprogramm durch diese Kinos und gelegentliche Open-Air-Vorführungen oder thematische Events im Sommer.

Musik und Tanz

Die Inselbewohner haben über Jahrhunderte hinweg eine reiche Folklore gepflegt, die von der abgeschiedenen Lage und der Nähe zur Natur geprägt ist. Traditionelle estnische Volksmusik, begleitet von Instrumenten wie Geige, Akkordeon oder der estnischen Kannel, bildet die Grundlage für viele Tänze, die bei Dorffesten, Hochzeiten und Gemeinschaftsveranstaltungen aufgeführt werden.

In der Volkstradition Saaremaas spielen Kreisspiele und Paartänze eine zentrale Rolle. Früher endeten gemeinsame Arbeiten, wie das Heuen oder das Moorschneiden, oft mit einem Simman – einem fröhlichen Tanzfest. Typische Tänze sind humorvolle Liebeslieder mit Wechselpartnern im Kreis, Balladen oder der getretene Walzer, bei dem die Schritte kräftig und erdverbunden ausfallen. Lokale Dorflieder und Seemannslieder spiegeln das Leben auf der Insel wider: von stürmischer See bis hin zu Alltagsfreuden. Berühmt ist der „Saaremaa-Walzer“, ein romantisches Lied aus den 1940er Jahren, das die Schönheit der Insel und ihrer Menschen besingt und bis heute ein Symbol für das sommerliche, naturnahe Lebensgefühl ist.

Diese Traditionen leben in Aufzeichnungen und Aufführungen weiter, etwa durch Folklore-Ensembles, die alte Lieder und Tänze aus dem frühen 20. Jahrhundert bewahren. Hochzeiten auf Saaremaa waren früher dreitägige Feste mit Gesangswettbewerben zwischen Braut- und Bräutigam-Seite, zeremoniellen Tänzen und spielerischen Ritualen, die die Gemeinschaft stärkten.

Heute blüht die Musik- und Tanzkultur Saaremaas in zahlreichen Festivals auf. Das bekannteste ist das Saaremaa Opera Festival (Saaremaa Ooperipäevad), das jährlich im Juli in der mittelalterlichen Burg von Kuressaare stattfindet. Hier werden internationale Opernproduktionen in einer einzigartigen Open-Air-Bühne präsentiert, oft mit Gästen aus aller Welt, was klassische Musik mit der historischen Atmosphäre der Insel verbindet. Daneben gibt es moderne Events wie das I Land Sound, ein elektronisches Musikfestival mit Kunst und Nachhaltigkeit, oder das Juu Jääb-Festival mit Klassik, Jazz und Weltmusik.

Volkstümliche Elemente kommen bei Veranstaltungen wie den Kuressaare Maritime Days, dem Midsummer-Fest Jaanipäev mit Lagerfeuern und Tänzen oder lokalen Dorffesten zum Tragen. Gruppen aus Saaremaa nehmen zudem regelmäßig am nationalen estnischen Tanzfest (Tantsupidu) teil, das alle fünf Jahre in Tallinn zehntausende Tänzer in farbenprächtigen Trachten vereint und zur UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Kleidung

Die Kleidung auf Saaremaa ist traditionell wie auch im Alltag stark von den natürlichen Bedingungen, der ländlichen Lebensweise und der Insellage geprägt. Historisch entwickelte sich eine eigene Trachtenkultur, die bis heute ein wichtiger Teil der regionalen Identität ist. Die traditionellen Volkstrachten von Saaremaa unterscheiden sich von denen des estnischen Festlands vor allem durch ihre kräftigen Farben und charakteristischen Muster. Typisch sind gestreifte Röcke in Rot-, Blau- und Grüntönen, weiße Leinenblusen sowie reich verzierte Schürzen. Frauen trugen dazu gestrickte Strümpfe, Schultertücher und Schmuck aus Silber, während Männer meist knielange Hosen, Westen, Hemden und einfache Jacken aus Wolle oder Leinen trugen. Diese Trachten werden heute vor allem bei Volksfesten, Hochzeiten und kulturellen Veranstaltungen getragen und symbolisieren die Verbundenheit zur Geschichte der Insel.

Im modernen Alltag orientiert sich die Kleidung auf Saaremaa stark am praktischen Nutzen. Das wechselhafte Küstenklima mit Wind, kühlen Temperaturen und häufigem Niederschlag hat dazu geführt, dass wetterfeste und funktionale Kleidung weit verbreitet ist. Jacken, Pullover, feste Schuhe und Regenbekleidung gehören zum Alltag, besonders außerhalb der Sommermonate. Auch im Sommer sind leichte Jacken oder Windbreaker üblich, da es selbst an warmen Tagen abends kühl werden kann. Naturmaterialien wie Wolle und Leinen sind beliebt und knüpfen an die lange handwerkliche Tradition der Insel an.

Eine besondere Rolle spielt das Stricken, das auf Saaremaa – wie in ganz Estland – eine lange Tradition hat. Handgestrickte Pullover, Socken, Handschuhe und Mützen mit traditionellen Mustern sind nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern auch kulturelle Symbole. Diese Kleidungsstücke werden sowohl im Alltag als auch als Souvenirs geschätzt. Insgesamt verbindet die Kleidung auf Saaremaa Tradition und Moderne: Historische Trachten bewahren kulturelles Erbe, während die Alltagskleidung vor allem auf Funktionalität, Natürlichkeit und Anpassung an die raue, aber reizvolle Insellandschaft ausgerichtet ist.

Kulinarik und Gastronomie

Zu den klassischen Gerichten gehören geräucherten Fisch (besonders Hering, Flunder oder Aal), dunkles Roggenbrot, hausgebrautes Bier und Produkte mit Wacholder (zum Beispiel Räucherwürste, Sirup oder Gewürze). Viele Lebensmittel tragen das Label „Saaremaa Ehtne Toode“ (Authentisches Saaremaa-Produkt), das regionale Herkunft und hohe Qualität garantiert – darunter Käse, Wurstwaren, Honig, Beerenweine und Liköre.

Die Gastronomie ist stark saisonal: Im Sommer stehen frischer Fisch und Beeren im Vordergrund, im Herbst Pilze und Wildbeeren, im Winter eingelegte oder geräucherte Produkte. Viele Höfe und kleine Produzenten bieten Direktverkauf, Hofläden oder Verkostungen an, was Saaremaa zu einem beliebten Ziel für Slow-Food- und Regionalküche-Begeisterte macht.

Das gastronomische Angebot konzentriert sich vor allem auf Kuressaare, die Inselhauptstadt. Bekannte und beliebte Adressen sind:

  • Saaremaa Veski (in einer historischen Windmühle gelegen) – eines der bekanntesten Restaurants der Insel mit estnisch-europäischer Küche und starkem Fokus auf regionale Zutaten.
  • Ku-Kuu im Kuursaal – spezialisiert auf Fischgerichte und leichte Sommermenüs.
  • Vinoteek Prelude – fine dining mit kreativer Küche und umfangreicher Weinkarte.
  • La Perla – italienisch inspirierte Gerichte, besonders bei Touristen sehr geschätzt.


Außerhalb von Kuressaare, vor allem auf der benachbarten Insel Muhu (die über einen Damm mit Saaremaa verbunden ist), sticht das Pädaste Manor hervor. Sein Restaurant gilt als eines der besten Estlands und serviert eine raffinierte „Nordic Islands Cuisine“, die internationale Auszeichnungen erhalten hat. In kleineren Ortschaften und an touristischen Hotspots finden sich zahlreiche Cafés, Gasthöfe und saisonale Fischrestaurants, die oft einfache, aber sehr authentische Gerichte anbieten.

Festkultur

Auf Saaremaa gelten die estnischen Feiertage:

  • 1. Januar  - Neujahr
  • 24. Februar  -  Nationalfeiertag
  • Ende März / Anfang April 2009  -  Ostern
  • 1. Mai  - Maifeiertag
  • 23. Juni  - Võidupüha (Siegestag)
  • 24. Juni  - Jaanipäev (Johannistag, die estnische Mittsommernachtsfeier)
  • 20. August  - Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit
  • 25./26. Dezember  - Weihnachten


Einer der Höhepunkte des insularen Festlebens ist das internationale Saaremaa Ooperipäevad (Saaremaa Opernfestival), das jährlich im Juli in der malerischen Kulisse des Kuressaare Schlosses stattfindet. Hier wird eine temporäre Opernbühne für bis zu 2000 Zuschauer errichtet, und renommierte Ensembles aus aller Welt präsentieren Opernklassiker sowie Gala-Konzerte. Es gilt als das bedeutendste Opernereignis im Baltikum und verbindet hohe Kunst mit der historischen Atmosphäre der Insel.

Im Juli lockt auch das I Land Sound, ein nachhaltiges Electronic-Music-Festival auf der Illiku-Insel bei Orissaare. Mit Fokus auf Umweltschutz, Kunstinstallationen und internationalen DJs schafft es eine einzigartige Verbindung von Natur und moderner Musik und hat bereits Auszeichnungen für seine grüne Ausrichtung erhalten.

Der August steht im Zeichen des Kuressaare Merepäevad (Kuressaare Maritime Tage), einem familienfreundlichen Festival mit Konzerten, Märkten, Tivoli und maritimen Aktivitäten am Raiekivi-Halbinsel. Es feiert die Seefahrertradition der Insel mit Live-Musik, Regatten und lokalen Spezialitäten und ist eines der größten Sommerfeste Saaremaas.

Im September dreht sich alles um die Kulinarik beim Saaremaa Toidufestival (Saaremaa Food Festival). Über mehrere Tage hinweg gibt es Restaurantwochen mit Spezialmenüs, Märkte, Dorfbesuche, Kuchenkonzerte und Apfelcafés in Privathäusern. Das Motto „Gutes Essen macht gute Laune“ spiegelt die Vielfalt lokaler Produkte wider – von frischem Fisch über Hausgemachtes bis hin zu regionalen Delikatessen.

Sportbegeisterte fiebern im Oktober dem Saaremaa Rally entgegen, einer traditionsreichen internationalen Rallye-Veranstaltung seit 1974. Die anspruchsvollen Schotterstraßen der Insel ziehen Fahrer und Zuschauer aus der Region an und bieten actionreiche Etappen durch die ländliche Landschaft.

Weitere beliebte Events sind der Kuressaare Street Festival im Frühling mit Straßenmusik und Märkten, der Midsummer-Feier (Jaanipäev) mit Lagerfeuern und Volkstraditionen sowie kleinere Feste wie Open Farm Days oder Gartenfestivals. Viele Veranstaltungen betonen Nachhaltigkeit, lokale Kultur und die idyllische Naturkulisse.

Medien

Die Medienlandschaft auf Saaremaa, der größten Insel Estlands, ist stark regional geprägt und konzentriert sich auf lokale Themen, während landesweite Medien ergänzend hinzukommen.

Die wichtigste lokale Zeitung ist Saarte Hääl (wörtlich „Inselstimme“), eine Tageszeitung mit Sitz in Kuressaare, die zur Postimees-Gruppe gehört. Sie berichtet umfassend über Nachrichten aus Saaremaa, Kultur, Sport und Alltagsleben der Inselbewohner und erscheint sowohl in gedruckter Form als auch online mit zusätzlichen Inhalten wie Videos und Galerien. Früher hieß sie Oma Saar und hat eine lange Tradition als regionale Stimme.

Eine weitere bedeutende Zeitung war Meie Maa („Unser Land“), die über viele Jahrzehnte als größte Lokalzeitung Saaremaas galt und sogar eine Tirage von über 7000 Exemplaren erreichte. Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und intensiver Konkurrenz stellte sie jedoch 2022 ihr Erscheinen ein.

Im Radiobereich dominiert der lokale Sender Raadio Kadi, der in Kuressaare ansässig ist und vor allem Saaremaa, Hiiumaa sowie Teile des Festlands abdeckt. Er bietet ein Programm mit Popmusik, lokalen Nachrichten, Unterhaltung und Hörerbeteiligung und positioniert sich als „bester Freund nebenan“.

Daneben gibt es Kuressaare Pereraadio, einen christlich orientierten Sender mit religiösen Sendungen, Musik und Gemeindeinformationen, der ebenfalls regional sendet und online weltweit empfangbar ist. Landesweite öffentlich-rechtliche Sender wie Vikerraadio oder Raadio 2 vom Eesti Rahvusringhääling (ERR) sind auf Saaremaa gut zu empfangen und liefern nationale Nachrichten sowie kulturelle Programme.

Ein eigenes lokales Fernsehangebot gibt es nicht in großem Umfang, aber Saarte Hääl produziert eigene Video-Beiträge und eine Art „Saarte Hääl TV“ mit Reportagen und Livestreams zu Veranstaltungen auf der Insel. Landesweites Fernsehen (ETV, Kanal 2 etc.) erreicht Saaremaa problemlos über Antenne, Kabel oder Internet.

Kommunikation

Ösel hat die Telefonvorwahl 0(0372)45.

Sport

Radfahren gehört zu den beliebtesten Sportarten auf Saaremaa. Die Insel verfügt über ein weit verzweigtes Netz ruhiger Landstraßen und ausgewiesener Radwege, die durch Wälder, Felder und entlang der Küste führen. Aufgrund der flachen bis leicht hügeligen Landschaft ist Saaremaa gut für Freizeit- und Familienradler geeignet, bietet aber auch längere Strecken für sportlich ambitionierte Fahrer. Ähnlich wichtig ist das Wandern, das vor allem in Naturschutzgebieten, Küstenlandschaften und Moorgebieten ausgeübt wird. Zahlreiche markierte Wanderwege ermöglichen sowohl kurze Spaziergänge als auch längere Touren.

Durch die Lage in der Ostsee sind Wasser- und Wassersportarten von großer Bedeutung. Segeln, Kajakfahren und Kanusport sind weit verbreitet, insbesondere in den geschützten Buchten und an der Küste rund um Kuressaare. Auch Stand-up-Paddling und Schwimmen sind im Sommer beliebt, während erfahrene Sportler beim Kitesurfen und Windsurfen die oft günstigen Windbedingungen nutzen. Angeln ist ebenfalls ein wichtiger Freizeit- und Sportbereich, sowohl vom Ufer als auch vom Boot aus.

Saaremaa ist zudem bekannt für seine Tradition im Gesundheits- und Wellnesstourismus, der sportliche und bewegungsorientierte Angebote einschließt. Viele Spa- und Kurhotels bieten Fitnessprogramme, Gymnastik, Yoga und Aquasport an. Ergänzt wird dies durch Laufstrecken, Nordic-Walking-Routen und Outdoor-Fitnessmöglichkeiten, besonders in und um Kuressaare.

Auch organisierter Sport hat auf der Insel Bedeutung. Fußball, Leichtathletik, Volleyball und Basketball werden in Vereinen betrieben, und es gibt Sporthallen sowie Freiluftanlagen, die von Schulen und Sportclubs genutzt werden. Regelmäßig finden Sportveranstaltungen statt, darunter Laufwettbewerbe, Radrennen und traditionelle Volksläufe, die Teilnehmer aus ganz Estland anziehen.

Persönlichkeiten

Die wichtigsten Persönlichkeiten der Insel sind:

  • David Johann Rahr (1677 bis 1753), ev.-luth. Pastor in Kielkond und Mustel
  • Fabian Gottlieb von Bellingshausen (1778 bis 1852), deutschbaltischer Seefahrer, russischer Offizier und Antarktis-Pionier, Entdecker des antarktischen Festlandes und der Peter-I.-Insel, geboren in Lahhetagge (Lahetaguse) im Südwesten der Insel
  • Eugen Gustav Dücker (1841 bis 1916), Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, geboren in Kuressaare
  • Johannes Aavik (1880 bis 1973), estnischer Sprachforscher und Schriftsteller, Reformator der estnischen Sprache, geboren in Randvere
  • Erwin Rahr (1880 bis 1919), russischer Offizier, einer der Verteidiger Moskaus gegen die Bolschewiki 1917, geboren in Kuressaare
  • Walter Flex (1887 bis 1917), deutscher Dichter, fiel 1917 bei Pöide (Peude) im Osten der Insel
  • Viktor Kingissepp (1888 bis 1922), Gründer und Führer der Kommunistischen Partei Estlands, geboren in Kuressaare
  • Louis I. Kahn (1901 bis 1974), US-amerikanischer Architekt und Stadtplaner, geboren in Kuressaare
  • Arnold Rüütel (* 1928), estnischer Politiker und ehemaliger Staatspräsident der Republik Estland, geboren in Laimjala

Fremdenverkehr

Lange militärisches Sperrgebiet, konnten selbst Esten die Insel nur mit einer Genehmigung besuchen. Das hat der Natur gut getan: Dünen, Strände, Steilküsten, Heideflächen, Wiesen, Moore und Wacholderwälder sind intakt und ziehen jährlich Hunderttausende Besucher an. Bekannt ist die Insel auch für die sieben Kraterseen von Karli, vor rund 2700 Jahren durch Meteoriteneinschläge entstanden, aber auch die älteste Kirche Estlands in Valjala, oder Vilsandi, Estlands ältestes Naturschutzgebiet, wo man Zehntausende Seevögel beim Brüten beobachten kann. Die Insel ist auch als Kurort und Heilschlammzentrum bekannt.

Der Tourismus konzentriert sich vor allem auf Ruhe, Landschaftserlebnisse und regionale Traditionen. Prägend für die Insel sind ihre weitläufigen Küstenlandschaften, Wälder, Windmühlen, Leuchttürme sowie historische Bauwerke wie die mittelalterliche Bischofsburg in Kuressaare. Besonders bekannt ist Saaremaa auch für ihren Wellness- und Gesundheitstourismus. Die Insel blickt auf eine lange Kurtradition zurück, die auf Meerwasser, Moor und Heilbäder setzt. Neben Erholung spielen Radfahren, Wandern, Naturbeobachtung und kulturelle Veranstaltungen eine wichtige Rolle im touristischen Angebot.

Die Unterbringungsmöglichkeiten auf Saaremaa sind vielfältig und auf unterschiedliche Bedürfnisse ausgerichtet. In der Inselhauptstadt Kuressaare befinden sich mehrere Hotels, darunter auch größere Spa- und Wellnesshotels, die ganzjährig Gäste empfangen. Ergänzt werden diese durch kleinere Hotels, Pensionen und Bed-and-Breakfast-Unterkünfte, die oft familiär geführt sind. Außerhalb der Stadt dominieren Ferienhäuser, Gästehöfe und Landtourismusbetriebe, die häufig in traditioneller Bauweise errichtet sind und einen engen Bezug zur Natur und zum ländlichen Leben bieten. Für preisbewusste und naturverbundene Reisende stehen zudem Campingplätze und einfache Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung, teils in Küstennähe oder in ruhigen Waldgebieten. Insgesamt ist der Fremdenverkehr auf Saaremaa eher sanft und nachhaltig ausgerichtet, wobei die Unterkünfte gut in die Landschaft integriert sind und besonders in den Sommermonaten stark nachgefragt werden.

Literatur

Reiseberichte

Videos

Atlas

Reiseangebote

Visit Saaremaa = https://www.visitsaaremaa.ee/en/

Visit Estonia: Die Insel Saaremaa =https://visitestonia.com/de/reiseziele/saaremaa

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